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Dienstag, 24. Januar 2023

Leidenschaft oder Sucht?

Hach-Herrje, da kann ich mich drehen und winden, so viel ich mag, bei meinem unsteten Schlaf-Wach-Rhythmus geht nun mal hin und wieder ein Tag verloren. Sogar das stimmt im Grunde nicht, denn er geht nicht real verloren sondern nur kalendarisch (oder weilꞌs hübsch modern klingt: virtuell). Gerade ist es 10 Minuten nach Mitternacht, arbeitsfrei und Frühstückszeit - ich habe also bis in die Puppen geschlafen. Es ist dasselbe, als wenn jemand sonntags bis 11 Uhr vormittags im Bettchen liegt und dann gaaanz langsam und gemächlich die Morgenroutine beginnt.

Werde ich jetzt das selbstauferlegte Versprechen einhalten und keine Runde durch die News-Webseiten beginnen? Schwer zu sagen. Ist es vielleicht gar keine Leidenschaft, sondern eine Sucht nach Politik und Neuigkeiten, die mich immer wieder antreibt, Dinge zu lesen, die mir am Ende gar nicht guttun? Könnte sein. Wie heißt das Scheinargument bzw. das Totschlagargument noch gleich, mit dem alles und jedes begründet werden kann? "Es ist nicht auszuschließen, dass".

Aber selbst wenn, was macht eigentlich eine Leidenschaft zur Sucht? Einfach erklärbar anhand der Spielsucht: wenn ein leidenschaftlicher Spieler Haus und Hof verspielt oder sich bis über beide Ohren verschuldet, dann ist jedem klar, dass es sich dabei um eine Spielsucht handelt. Oder bei den Drogen: wenn die vermeintliche Lebenshilfe dazu führt, den eigenen Körper oder Geist zu ruinieren, dann ist die Entspannung klar in Richtung Zerstörung gekippt und man spricht von einer Sucht.

Ich besitze ein Buch, einen Bildband über einen leidenschaftlichen Kunstsammler, der mit Ehren überhäuft wurde und dessen Sammlung in einem Museum ausgestellt wird. Selbst die kleinsten Dinge wurden von wissenschaftlichen Museumsmitarbeitern erfasst und katalogisiert. Sie dienen sogar der internationalen Forschung. Doch der Bildband verrät eigentlich nichts anderes als einen Messi-Hausstand. Jeder noch so unwürdige Gegenstand, den der Künstler, um den es beim Sammler geht, jemals zu seinen Lebzeiten angefasst oder für seine Kunstwerke benutzt hatte, wurde von dem Sammler aufgehoben und durch alle Wirren der Zeit bewahrt. Ein Foto hat sich dabei in meinem Hirn eingebrannt. Es zeigt den alten Sammler mit langem ungepflegten Bart, wie er stolz inmitten eines unglaublichen Krempels sitzt. Kram bis unter die Decke sozusagen. Zu diesem Messi pilgerten die Jünger des Künstlers und honorige Leute der Kunst- und Kulturschickeria gaben sich die Klinke in die Hand. Der Messi war finanziell gut gestellt, seine Leidenschaft führte nicht dazu, Haus und Hof zu verlieren.

Ein "herkömmlicher Messi", dessen Wohnung, Schuppen und Anbauten aus allen Nähten quillt, wird hingegen verächtlich behandelt und seine Sammlung als Ärgernis der Nachbarschaft oder der gesamten Gemeinde betrachtet. Irgendwann wird zu ihm ein Auftrags-Psychologe geschickt, der eine Geisteskrankheit diagnostiziert, und schon wird der Sammler entmündigt und enteignet. Er besitzt kein Geld, um sich freizukaufen. Seine Sammlung sei nur Krempel, schimpfen zur Begründung ihres Tuns die Verantwortlichen oder die Erben des Hauses oder die Welt um ihn herum. Also wenn zwei das gleiche machen, ist es noch lange nicht dasselbe. Und darum ist es so schwer, den Unterschied zwischen Leidenschaft und Sucht zu definieren.

Inneres Ich: "Und was genau hat dieses Beispiel nun mit deiner Sucht nach Politik und News zu tun?"

Naja, ich suche nach einer intellektuellen Rechtfertigung für mein Tun, die eine womögliche Sucht dann doch als positive Leidenschaft erklärt. Oder anders ausgedrückt: ich lüge mir in die eigene Tasche. Denn dass die News mir gegenwärtig nicht guttun, habe ich schon mehrfach erwähnt, aber trotzdem will etwas in mir auf sie nicht verzichten. Ein Sich-Zurücknehmen, das funktioniert genauso wenig wie bei einem Alkoholiker das Weniger-Trinken - entweder ganz aufhören oder alles andere bleibt nur Kosmetik. Als bildhaftes Beispiel vielleicht das vorübergehende Wellental einer Sinuskurve, der Anstieg kommt zwangsläufig erneut.

Tja, das sind heute meine Frühstücksgedanken. Ist auch nicht mehr normal, nicht wahr? Doch was ist schon normal?

Einen angenehmen Dienstag wünsche ich dir bei deinen unschätzbaren Leidenschaften der Sammlung deines Lebens.

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