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Samstag, 19. November 2022

Etwas über die Zeit

Vorhin setzte etwas aus, denn ich überlegte wirklich länger als fünf Sekunden, ob es nun 2021 oder 2022 ist. Das geschah nach dem Anschauen einer Liste, in der Links aus den Jahren 2019 bis 2021 präsentiert werden und wo die neuesten von 2021 stammen. Ja, so ist das, das geistige Licht der Erkenntnis beginnt also schon zu flackern, könnte man glauben.

Lange trug ich die Sorge mit mir herum, ob meine kleinen Aussetzer von Zeit zu Zeit eventuell familiären Ursprungs seien, denn eine zeitlebens ledig gebliebene Großtante litt arg an Demenz. Wie üblich wurde sie damals bis in die 1960er Jahren hinein nicht weg- oder eingesperrt, sondern lebte bei ihren ebenfalls ledigen Schwestern im Alltag so nebenher. In der Großfamilie achteten alle ein wenig mehr auf sie und im Familienbetrieb wurde sie auch weiterhin mit einfachen Aufgaben beschäftigt, wozu die Forschung und Ärzte heute sogar raten, da auf diese Weise für die Dementen solange wie möglich ein gewohntes Umfeld aufrecht erhalten bleibt. Solche medizinischen Erkenntnisse besaß man allerdings damals nicht, ein Pflegeheim war etwas Abstraktes, allenfalls für alleinstehende Damen und Herren des Landadels vorstellbar, in einer Kaufmannsfamilie hätte niemand auch nur einen Gedanken daran verschwendet. Auch gab es im ländlichen Dorf zu jener Zeit kaum Straßenverkehr, so dass auf den Wegen und in den Gassen keine Unfallgefahr bestand. Uns Kindern begegnete Tante Mine (Wilhelmine, geboren noch im Kaiserreich, woran man prima sehen konnte, dass ihre Eltern große Fans der Monarchie waren), die übrigens ständig unter Strom eines hektischen Antriebs stand und deshalb gertenschlank war, oft irgendwo hastend und irrend unterwegs im Dorf. "Wo gehste hin, Tante Mine?", riefen wir Kinder ihr nach, "nach Hause. Ich will nach Hause, Mutter hat das Essen fertig", antwortete sie im schwersten Plattdeutsch, welches bei uns mehr holländisch als rheinisch klang, und schon war sie wieder weg. Sie suchte das seit Jahrzehnten nicht mehr existente Heim ihrer Kindheit. Später sammelten ihre Schwestern sie wieder auf und alle witzelten beim gemeinsamen Abendmahl über die jeweils neusten Verwirrungen des Tages. Auch Mine lachte mit den anderen am Tisch, weil sie längst nicht mehr begriff, über was da eigentlich geredet wurde.

Nunja, diese meine Sorge, eventuell ähnlich zu enden, ist dann doch unbegründet, denn heute bin ich bereits wesentlich älter als Tante Mine zur Hochzeit ihrer Demenz war.

Inneres Ich: "Aber dass du uns aus heiterem Himmel ein Anekdötchen aus den 60er Jahren erzählst, hey, das gibt dann doch zu denken."

Nicht aus heiterem Himmel, verehrtes Inneres Ich, es war eben nicht anlasslos. Schuld trägt allein die vernachlässigte Linkliste, die in der Rubrik "Aktuelles" Links von 2021 aufführt. Also wenn schon in der Zeit gefangen oder dement, dann wäre das wohl eher der Webseitenbetreiber.

In diesem Sinne: lass dir die gegenwärtige Kälte nicht zu Kopfe steigen und finde in den warmen Erinnerungen wohlige Ablenkung von Väterchen Frost.

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