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Montag, 1. August 2022

Das, was zählt

Für die interessierte Stammleserschaft sozusagen, und weil ich das Thema ja vor Wochen angefangen hatte, obwohl es zu privat für ein öffentliches Tagebuch ist und auch zu negativ, was ich nicht mag: meinem Bruder geht es rein körperlich sehr viel besser. Er liegt nach wie vor im Krankenhaus. Aber ob sein geistiger Zustand es erlauben wird, jemals wieder alleine zu wohnen, ist heute fraglich. Nächstes Jahr hätte er seine Rente bekommen, eine gute Rente, von der er prima sein Alter hätte finanzieren können - es könnte sein, dass er sich nun in die Schlange all jener einreiht, die ihr Leben lang viel gearbeitet haben, um am Ende den letzten Cent der Altersvorsorge für ein Pflegeheim abzudrücken. Naja, was kommt, das ist noch nicht so ganz klar.

Und was bedeutet das für mich? Erstmal bin ich froh, dass er lebt. Wenn schon, dann möchte bitteschön ich zuerst diese Welt verlassen. Mein Bruder ist das letzte Verbindungsglied zu meiner Vergangenheit. Will sagen, es gibt die Familie und ein paar wenige Freunde, die einen das gesamte Leben lang begleiten. Selbst wenn man sich zwischenzeitlich jahrelang nicht sieht oder im Streit, der doch immer nur von temporärer Dauer ist, bleibt man dennoch in Kontakt. Jeder weiß haargenau, was der andere macht und tut. Alle weiteren Freunde und Bekannte lernt man ja erst während des Lebens kennen. Sie sind natürlich ebenfalls wichtig, doch die Begleitung von Kindesbeinen an ist etwas anderes. Und da sind aus meinem Leben mittlerweile alle Menschen tot. Mein Bruder ist also in gewisser Weise für mich Uncas, der letzte Mohikaner. Nun, die gemeinsame Vergangenheit wird uns wahrscheinlich bleiben, aber dass ich ihn nicht mehr als geistig vollwertigen Menschen betrachten werden kann, das nagt schon an mir, das habe ich noch nicht zur Gänze realisiert. Und es ist ein ziemlich befremdliches Gefühl, sag ich dir.

Wenn ich mir vorstelle, dass er fort ist, dann ist eigentlich das gesamte bisherige Leben nur eine wabernde Erinnerung. Einige Zeugnisse und Dokumente und kaum Fotografien sind neben wenigen noch lebenden Abschnittsgefährten die einzigen Zeugen, dass es mich überhaupt gegeben hat. Die eigene Vergangenheit ist heute im Grunde genommen völlig unwichtig. Die Menschen, die darin verwickelt waren, sind gestorben, meine Vergangenheit hat keine Auswirkungen mehr, ich könnte sie theoretisch ganz neu gestalten, die Erinnerungen umschreiben, denn es ist alles vollkommen egal. Ich weiß nicht, wie ich diese merkwürdigen Gedanken beschreiben soll. Auch gibt es keine eigenen Kinder, die bei mir oder mit mir zusammen aufgewachsen sind - und selbst wenn, so wären auch sie nur eine Art Lebensabschnittsgefährten oder wie bei der Mengenlehre eine sich überschneidende Teilmenge. Die große allumfassende Klammer, das sind andere Menschen, Geschwister, wie in meinem Fall eben mein Bruder.

Ja, das alles ist mir schon arg fremd (sagte ich bereits, du siehst, ich drehe mich im Kreis) und ich weiß selber nicht, was ich davon halten soll - wie könnte ich es da in Worte fassen?

Aber das (ungeliebte) Thema reicht jetzt auch erst mal. Die Gegenwart wird in der Gewissheit, dass sie jederzeit jäh enden könnte, von Tag zu Tag wichtiger. Und in ihr stehen zu Beginn der neuen Woche ein paar schöne Sommertage an. So wünsche ich dir wie mir eine warme genüssliche Zeit. Lass sie uns nicht verschwenden mit Sorgen oder Ängste über Dinge, die wir sowieso nicht ändern können. Ich habe in meinem Leben noch nie vor irgendwem oder vor irgendetwas Angst gehabt (bis auf Gewitter *lach), bin einer Menge heikler Situationen entkommen, bei denen ich erst hinterher ihr Bedrohungspotential überhaupt erkannt hatte, und ich komme erst heute so langsam dahinter, dass es komplett gleichgültig ist, was oder wie man das Leben lebt, oder wie lange es dauert, denn dem Schicksal ist all das am Ende egal. Also lass uns nicht von anderen Menschen verrückt machen oder fremdbestimmen, indem sie uns sagen, was wir zu denken oder wie wir zu leben haben. Mit Sorge, Angst, Panik und dem Wunsch, es anderen recht zu machen, vergeudet man nur die Gegenwart und damit das eigene Leben. Es ist allein sie, die Gegenwart, die wir haben, nichts, aber auch rein gar nichts anderes zählt.

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Damit wollte ich den heutigen Eintrag beenden, wenn sich nicht schon wieder das "Innere Ich" eingemischt und zu Wort gemeldet hätte:

Inneres Ich: "Einspruch! Genusssucht und Egoismus der Gegenwart führen uns ins Chaos, zerstören die Umwelt, die Tiere, die Erde und am Ende uns selber."

Sagt wer?

Inneres Ich: "Sagt die Wissenschaft und die Liebe zur Natur. Wir müssen achtsam leben, die Erde bewahren."

Sagt die Wissenschaft? Was denn genau? Studien? Vor lauter Lachen kann ich kaum weiter schreiben. Oh, wie ich solche Plattitüden mag! Hört sich alles wunderschön an, aber wer sagt denn das, und was meinen die Leute, die das sagen, eigentlich damit? Woher will jemand wissen, dass wenn wir etwas tun oder unterlassen, dann dieses oder jenes geschieht? Und wo wir schon bei der Wissenschaft sind, ein gutes Leben auf der Erde geht für sie, also die Erde, auch ohne Menschen.

Inneres Ich: "Der Schöpfer hat uns den Planeten nur auf Zeit geschenkt. Wir haben die Erde geliehen, leben auf ihr zur Miete. Wenn wir sie nicht behutsam nutzen, wird sie uns wieder genommen, wird sie unbewohnbar."

Sagt wiederum wer? Du kennst den Wunsch des Schöpfers? Hat er ihn dir mitgeteilt wie Moses die 10 Gebote? Dem Schöpfer des Universums ist wahrscheinlich die Existenz der Erde nicht einmal bewusst, so unbedeutend ist sie für sein Werk. Und selbst falls es nicht der Fall sein sollte, falls es einen Schöpfer gibt, der mit uns diskutiert, so hat die Erde Milliarden Jahre vor der Menschheit existiert und das wird sie auch Milliarden Jahre nach uns tun. Der Mensch kann den Planeten gar nicht zerstören, er kann ihn lediglich im Sinne der Evolution verändern. Der Mensch ist, wenn er irgendetwas ist, dann ein Werkzeug des Schöpfers. Die eigene Bedeutungslosigkeit allerdings zu akzeptieren, das vermögen die Wenigsten, zu allmächtig ist der Trieb - der eigentliche Egoismus - der Selbstüberschätzung. Das romantisch verklärte Bild des weisen Indianers, sitzend und philosophierend an einem klaren Fluss in einer grünen Auenlandschaft, oder fernöstliche Lehren übersättigter adipöser Mönche oder die grünen Ideologien - all das sind nichts weiter als Märchen, die uns erzählt werden, damit die Erzähler etwas von uns bekommen, es sind egoistische Strategien von Leuten, um in ihrem jeweiligen Hier und Jetzt, um in ihrer eigenen Gegenwart Macht, Geld, Achtung oder Genugtuung zu erzielen. Kein Gott oder kein Schöpfer befiehlt uns das Darben. In diesem Sinne hatte Rio Reiser sogar unbedingt recht und schrie es geradezu heraus: "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" Jagt die modernen links-grünen Priester der Apokalypse aus ihren Ämtern, ums noch höflich auszudrücken.

Inneres Ich: "Das klingt aber sehr frustriert."

Nicht die Bohne! Dann lasse ich doch lieber einen der größten deutschen Dichter zu Wort kommen, der konnte, und seine Worte können das bis heute besser. Heinrich Heine:

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.
[...]
Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
[...]
Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

2 Kommentare:

  1. Das Schicksal ist nicht gerecht, niemals.
    Wir haben ähnliches erlebt mit unserer Trauzeugin. Auch sie hatte keinerlei Vorsorge getroffen, und so kam es, dass ihr Bruder, mit dem sie teils nur noch sporadisch in Kontakt war, das Sagen hatte. Sie hatte viel Geld angehäufelt, sich noch kurz zuvor eine schnuckelige Wohnung gekauft, und plötzlich liegt sie für 24 Stunden am Boden. Dann auch auf die Intensiv und mit Müh und Not am Leben erhalten.
    Man hätte sie dann auch mit 24 Stunden Pflege zuhause unterbringen können, aber der Bruder hat sie in ein Heim gegeben. Die Besuche waren anstrengend, weil man nur mühsam ein Gespräch hinbekam. Kam dazu, dass immer wieder der Krankenhauskeim sein Unwesen trieb. Besuch ging dann nur mit Astronautenanzug , Handschuhe, Schuhüberzieher usw. Unsere Hausärztin warnte mich dann vor Besuchen, der Mann hat ein unterdrücktes Immunsystem. Schleppt man da was zuhause an, war's das. Ein Leben war es für die Bekannte nicht mehr. Tagsüber vom Bett in so eine Art Ei gehievt, Fernseher an mit irgendwas und das war es. Das Essen war eine zusätzliche Katastrophe, wir hätten ihr regelmäßig ihre geliebten Sushi gebracht, aber das ging nicht mehr. Nach etwas über zwei Jahren wollte sie nicht mehr, da war sie gerade mal 73. Kein Alter, in dem man schon gehen muss.
    Hätte ich die Vorsorgevollmacht gehabt, sie wäre nicht in das Heim gekommen, sondern hätte noch eine einigermaßen gute Zeit in ihrer geliebten Wohnung verbracht.
    Die hat der Bruder geerbt und vermietet sie kurzfristig für viel Geld, und einen dicken Batzen Bares gab es noch obendrauf. Gebraucht hätte er es nicht, er schwimmt im Geld, aber alter Mann braucht viel warme Suppe.
    Ich wünsche deinem Bruder alles Gute, und viel Kraft euch (gibt es eure Mutter noch?) in der kommenden schweren Zeit.

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    1. Körperlich gibtꞌs die noch, ist aber dement im Endstadium. Sie befindet sich irgendwo Anfang/Mitte 20 in ihrer Vergangenheit. Danach kommt das Kindesalter und das warꞌs dann. Man kann ihr das mit dem Bruder nicht erzählen, sie verstünde es nicht. Selbst ich bin ein fremder Mann für sie.

      Schaun wir mal, körperlich geht’s ihm besser als deiner Freundin, doch wie es jetzt aussieht (was sich vielleicht noch bessert, das hoffe ich zumindest), stimmtꞌs in seinem Kopf nicht mehr so ganz. Es gibt auch den Unterschied zwischen dem, was die ausländischen Ärzte in gebrochenem Deutsch sagen und dem, was die erfahrenen Pflegekräfte sagen. Diametral entgegengesetzt. Und es kommen noch andere Gründe in diesem Zusammenhang hinzu, die nicht zulassen, dass er weiterhin alleine wird wohnen können. Das ist aber zu privat, um es hier zu schreiben. Nicht wegen dir natürlich, auch nicht wegen anderer Leuten, doch es gibt die Hater, die nur darauf lauern, etwas zu finden, mit dem sie mir schaden oder mich verletzen können.

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