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Samstag, 14. Mai 2022

Serientipp: "The Gilded Age"

Erinnerst du noch an die britische Erfolgsserie "Das Haus am Eaton Place" oder später an "Downton Abbey"? Genau so etwas ist die neue Serie "The Gilded Age". Einfach nur herrlich! Völlig harmlos und unschuldig kommen die Geschichten aus hochherrschaftlichem Hause des 19. Jahrhunderts und jene der Bediensteten daher, die uns im Nachhinein ein Schmunzeln um den Mundwinkeln erzeugen über längst Vergangenes und Überwundenes, in dem wir dennoch den Kern der Gegenwart erkennen.

Der elektrische Strom und die Eisenbahn brechen sich gerade epochal Bahn kurz nach dem Bürgerkrieg und dem Beginn einer neuen Zeit in den USA, so wie heute vielleicht die Vernetzung und Digitalisierung der Gesellschaft, die ihren Ursprung im Silicon Valley der 1990er Jahre fand. Im Schatten dieser Ereignisse erleben wir die Gegensätze zweier Familien mit samt deren Hauspersonal: auf der einen Seite die amerikanische Elite der Gründer, die an ihren europäischen, hauptsächlich britischen Traditionen festhält, und auf der anderen Seite die Neureichen, die Elon Musks ihrer Zeit, die durch die Industrialisierung Vermögen anhäuften. Am Ende werden diese Gegensätze verschmelzen, das wissen wir, doch noch ist es nicht so weit. Die Serie nimmt uns mit in jene Ära des gesellschaftlichen Umbruchs und der "Ungeheuerlichkeiten" jener Epoche, wie etwa das Aufbegehren der Frauen für ein Wahlrecht, die Gründung des Roten Kreuzes, den Beginn der Medienwelt und vieles, vieles andere mehr. Große und kleine Geschichten, Intrigen und Dramen, halt alles, was dazugehört, um in die Fußstapfen der britischen Mutterserie würdig zu treten.

Das gesamte Konzept ist stimmig. Ein riesiger Aufwand erschafft eine visuelle Welt wie in einer Zeitmaschine. Die Schauspielerinnen und Schauspieler wurden trefflich ausgewählt und spielen überzeugend in großartigen Darbietungen ihre Rollen - ganz besonders Christine Baranski, die wie geschaffen ist für die Rolle der konservativen starken Frau Agnes van Rhijn, Vertreterin des "alten Geldes", die sich in tragisch-komischer Weise immer wieder den Brüchen jener Zeit vehement entgegenstellt. Wunderbar werden den Figuren schlichte Gegenparts an die Seite gestellt, die - natürlich für den Zuschauer vollkommen harmlos (eher lieb und nett als irgendwie problematisch) - herausfordernd gewissermaßen unsere heutige moderne Sicht gegenüber stellt.

Kritiker bemängeln an der Serie bereits ihre Seichtigkeit, ohne dabei zu verstehen, dass gerade sie solche Serien ausmacht, dass Zuschauer nämlich Entspannung und Unterhaltung suchen und nicht durch Schilderungen einer vergangenen Realität durch Brutalität oder dem Elend breiter Massen Erbauung finden. Heutzutage darf selbst eine Tier- oder Naturdoku nicht ohne mindestens einem abschließenden mahnenden "Disclaimer" daherkommen, der die Zuschaue mit Angst- und Sündenvorwurf einer durch sie "vom Aussterben bedrohten Welt" deprimiert. Das gibt es bei "The Gilded Age" nicht. Ob Rassendiskriminierung, soziale Gesellschaftsordnung, Geschlechtergerechtigkeit oder sexuelle Orientierung, all das wird tatsächlich thematisiert, so findet es aber in einem unaufgeregten "seichten" Rahmen der Unterhaltung statt. Am Ende stellt sich sowieso die Frage, ob in dieser Art und Weise jene Themen nicht vielleicht erfolgreicher in die Köpfe der Zuschauer gelangen, als durch die plumpen und immerwährenden erhobenen Zeigefinger der "moralisch besseren Menschen".

7 Episoden von bisher 19 (in 2 Staffeln) habe ich mittlerweile gesehen und vergebe dieser Serie satte 10 Punkte. Sie macht süchtig.

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