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Mittwoch, 1. September 2021

10 Minuten über den neuen Faschismus

Heute liest Paul Brandenburg seinen Text vor, der schon vor knapp einer Woche bei "Reitschuster.de" erschien. Das ist großartig, denn wie ich nicht müde zu beklagen werde, lesen "normale Menschen des Alltags" im 21. Jahrhundert keine ausführlichen Texte mehr (ob dies "unnormale Menschen eines besonderen Tags" tun, sei mal dahingestellt, wahrscheinlich liest gar keiner mehr). Du kannst also schreiben, was du willst, vor dem geschriebenen Wort hat niemand mehr Angst, da es in der Masse der Texte einfach untergeht. Einst Schwerter, scharf wie Rasierklingen, so sind Bücher und längere Texte heute die Abstellgleise ausgemusterter Gedanken.

Aber auch das gesprochene Wort alleine bleibt unbeachtet. Podcasts werden vielleicht noch während längerer Auto- oder Bahnfahrten angehört, doch über die Gehörgänge allein wird der Weg ins Gehirn nach Sekunden schon von Displays oder Monitoren abgeschnitten, die allesamt durch reichlich penetrante Töne und Geräusche ihre vordringliche Wichtigkeit anmahnen und dich nach kurzem holprigen Multitasking zu Sätzen hinreißen lassen wie etwa "Was hat er gerade gesagt?" oder "Habe ich richtig gehört?". Und das wäre noch ein positiver Fall, in dem eine Information wenigstens die Hirnrinde erreicht hat und durch ein Zurückspulen sodann neu gehört werden kann. Doch nicht wenige Zeitgenossen kannst du nach dem Anhören eines zehnminütigen Vortrags getrost zu dessen Inhalt fragen und du bekommst mit einer Garantie, von der ein Lottospieler jede Woche aufs Neue träumt, ein "Ähm, ꞌtschuldigung, ich war grad mit den Gedanken woanders" zur Antwort.

Erst muss das Display durch ein bewegtes Bild besetzt werden, dann besteht die Chance der Wahrnehmung. Das allein reicht aber ebenfalls nicht, siehe den gestrigen langen Vortrag, denn auch das bewegte Bild darf nur kurz sein. Es kann der Videoersteller sich mit noch so vielen Schnitten und munteren Szenenwechseln die größte Mühe geben, es hilft nichts, denn alles über 5 oder 10 Minuten wird heute vorzeitig ausgeschaltet. Es bedarf zusätzlich wieder der Theatralik des alten bewährten Theaters, was ich völlig wertfrei meine. Denn erst im Spiel mit der unmaskierten Mimik einer leidenden Seele des charismatischen Paul Brandenburgs erwecken seine sorgenvoll vorgetragenen wichtigen Worte jene Aufmerksamkeit, die sie wahrlich verdienen.

In diesem Sinne heute ein weiteres Video:

2 Kommentare:

  1. Schuldig, Euer Ehren.
    Ich gestehe, wenn Geschriebenes allzu sehr in die Länge gezogen ist, lese ich es nicht.
    Podcasts sind mir ein Gräuel, ich höre mir keinen an.
    Ich bewundere, dass du anderthalb Stunden zuhören kannst, und auch diese stundenlangen Reiseberichte anschaust. Nichts für mich.

    Bücher hingegen lese ich, gerne und auch dicke.

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    1. Naja, mich selber als Maßstab zu sehen, das wäre vielleicht noch verrückter und das mache ich auch nicht. Vor 8 Jahren oder so, hatte ich über die Entscheidung des "Dampfer Talks" (ein wöchentlich freitags veranstalteter HangOut) noch geschimpft, nämlich als sie verkündeten, die Sendungen um oder unter 8 Stunden Länge zu präsentieren; ich wollte rund um die Uhr, so wie bis zu jenem Zeitpunkt üblich war. Sogar wenn alles in der zehnten Stunde ruhiger wurde und die Hälfte der Teilnehmer vor ihren Monitoren eingeschlafen waren (lustig mitanzusehen), fand ich mich doch als virtueller schweigender Besucher gut aufgehoben. Man kann auch schweigend beisammen sein. In der Folge entwickelte sich der HangOut in eine Show, bei der bestimmte Leute die Moderationsrollen einnahmen und glaubten, nun TV-Kasper zu sein. Das führte dann zu alberner Unterhaltung und einer nach außen wirkenden rasanten Verdummung der Dampferszene. Aber die Ursprünge dieses HangOuts, vielleicht die ersten zwei Jahre, das war grandios.

      Was ich mit dem mal wieder viel zu langen Beispiel sagen möchte: Nö, meine Wenigkeit ist da anders gestrickt, mir kann es nicht ausführlich genug sein :-)

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