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Montag, 19. Juli 2021

Auf die Gefahr, mich noch unbeliebter zu machen

Himmel! Das ist faszinierend. "Was?" Hach, immer die umständliche Erklärerei. Muss aber sein. Also. Durch die Autopanne verlängerte sich unbeabsichtigt Carolins Rumänienurlaub um einen Tag. Den ganzen Tag lang streamte sie für ihre Zuschauer. Abends wurde sie von einem Mann angesprochen. Oje, ein Mann spricht sie am Flussufer im Dunkeln an! Danach brach der Stream ab, weil der Akku leer war. Ist aber egal, warum, sie hätte ihn auch einfach ausschalten können. Ist sie denn verpflichtet, sich irgendwo abzumelden? In den Kommentaren unter diesem Video und auf anderen Kanälen ging die Post ab: Man mache sich doch Sorgen, es hätte wer weiß was passieren können. Ein Neunmalkluger sprach sogar von einer "zwangsläufigen Beziehung", die sie mit ihren Zuschauern eingegangen sei. Wie irre ist das denn?! "Caro, wo bist du???" Die Leute steigerten sich in die schlimmsten Qualen hinein.

Etliche Stunden später meldete sie sich und erklärte, alles sei okay, sie habe eine Gruppe Leute getroffen und draußen am Flussufer sitzend mit ihnen eine schöne Zeit verbracht. Sie rechtfertigte sich also wie ein Mädchen, das zu spät nach Hause gekommen war oder wie eine Ehefrau, der der Gatte ein vorwurfsvolles "Wo warst du?" entgegenschmettert. Statt sich einfach zu freuen, dass alles gut war, bekam sie Vorwürfe noch und nöcher zu hören. Die hat sie in nur 7 Minuten gut beantwortet, gut und resolut. Schau es dir an. Ich empfinde beinahe wie bei einer Seelenverwandtschaft.

Es ist nicht ihr Problem, also nicht das Problem eines anderen Menschen, wenn man sich Sorgen macht, sondern es ist das eigene Problem. Ich muss nicht einen Menschen ändern oder erziehen oder wie auch immer zu Regeln treiben, damit ich mir keine Sorgen mache. Ich alleine bin derjenige, der mit den Sorgen klarkommen muss. Wenn die Sorgen überhand nehmen, ist etwas mit mir nicht in Ordnung, nicht mit demjenigen, um den ich mir Sorgen mache. Natürlich kann man sie nicht einfach wegzaubern, doch man kann den Umgang mit Sorgen lernen. Was ist das heute für eine Nanny-Welt, angefangen mit Kindern, die von ihren Eltern zur Schule gefahren werden, und endend nicht allein bei erwachsenen Menschen, bei einer erwachsenen fast 30-jährigen Frau, die man zum Rapport auffordert. Darf ich mal ein Annektötchen ...? "Nein!"

Och, ich machꞌs trotzdem:

Früher… ("Oh Gott, nein! Nicht mit diesem Wort einleiten, bitte nicht!"). Doch!

Früher, als ich 15 Jahre alt war, begann meine Selbstständigkeit. Ich sparte und kaufte anschließend ein "Tramper Monats Ticket" für die Bahn, mit dem man in Westdeutschland jede Zugfahrt einen Monat lang umsonst fahren konnte. In den Jahren danach erweiterte sich das auf "InterRail" und noch viel, viel mehr, doch damals mit 15 begann alles. Du kannst dir sicher das Gesicht meiner Mutter vorstellen, als ich mit Rucksack bepackt ihr zuwinkte und sagte: "Tschüß, ich bin in einem Monat wieder da." Sie hörte in diesem Monat nichts von mir und hatte sich natürlich große Sorgen gemacht. Bedenke, ich war 15 und alleine unterwegs! Klar hat es Telefon gegeben, doch wenn ich in München oder Hamburg, in den Bergen oder am Meer eine Telefonzelle betreten hätte, wären die 5-DM-Stücke schneller vom Apparat gefressen worden als ich gucken hätte können. Ich besaß sowieso kaum Geld. Das wenige hätte nicht mal für ein Gespräch gereicht. Internet und Smartphones waren Science-Fiction. Postkarten hatte ich einige geschrieben, die letzte kam an, als ich schon zu Hause war. So war das damals. Natürlich hat man sich Sorgen gemacht, aber man musste mit den Sorgen klarkommen, sie aushalten. Wie hat sich die Welt seither verändert! Von Tracking-Tools bis zum betreuten Autofahren, von Quarantänen bis zur rund um die Uhr Erreichbarkeit.

Die absolut abenteuerliche Freiheit, die ich in diesem Monat erlebte, prägte mich für mein ganzes Leben. Viele Begegnungen gab es in dem Monat, bei manchen schützte mich der Instinkt, jemanden zu begleiten, die meisten waren aber horizonterweiternd und einfach klasse. Und das war nur der Anfang, denn bei all dem, was folgte, hatte ich niemals eine wirklich schlechte Erfahrungen gemacht, denn es ist immer eine gute Erfahrung, aus brenzlichen Situationen alleine den Weg hinaus gefunden zu haben.

Wenn mich später im Leben eine Frau, mit der ich temporär zusammen war, vorwurfsvoll, ja, beinahe schon wütend gefragt hatte "Wo warst du? Ich hab mir Sorgen gemacht!", bedeutete das eigentlich den Anfang vom Ende der Beziehung. Und genau wie Caro es in ihrem kurzen Rechtfertigungs-Video gesagt hat, ist das der Grund, weshalb ich irgendwann gemerkt hatte, wie Leben in Zufriedenheit geht - nämlich alleine. Ich bin nur mir selber gegenüber verantwortlich, niemand anderem. Und wer eben mit seinen oder ihren Sorgen nicht klarkommt, hat ein eigenes Problem - ich bin nicht auf der Welt, um psychische Defizite anderer zu lösen, und erst recht nicht, anderen Vorstellungen zu entsprechen. Das möchte ich einmal so klipp und klar sagen. Diese überbehütete Nanny-Gesellschaft ist im Grunde nicht mehr lebensfähig. Die kleinste Anomalie und alle drehen am Rad, drehen durch. Angst vor Bakterien, Angst vor Viren, Angst vor Wetter, Angst vor Regen, Angst vor der Sonne, Angst vor allen möglichen Dingen und potentiellen Gefahren. Allein die Möglichkeit einer Gefahr lässt Viele nicht mehr aus dem Bett steigen. Man maskiert sich bereits, man versteckt das eigene Gesicht, das muss man sich mal vorstellen (ein Gesicht ist das Äußere Ich mit der Tür zum inneren Ich). Angst vor Menschen - das ist das vorletzte Stadium der Selbstzerstörung, denn wenn danach die Angst vor einem selber bestimmend wird, ist die Gesellschaft, die Gemeinschaft erledigt. Übrig bleiben viele bibbernde Ichs in Erdbunkern.

"Du gehst zu weit!" Nein, Sorge und Angst verhindern nicht nur die Freiheit, sie verhindern das Leben selbst. Und alles fängt irgendwo an, der Beginn dieser kollektiven psychischen Katastrophe liegt ganz am Anfang bei der Unfähigkeit, die eigenen Ängste zu besiegen. Das Grundvertrauen in das Leben ist der Mehrheit bereits abhanden gekommen.

So, und nun steinige mich von mir aus.

2 Kommentare:

  1. Benjamin Franklin: Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.

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    1. Ein kluger, alter, weißer Mann. Huch, das darf man ja heutzutage auch nicht mehr sagen *kleiner Scherz*. Jedenfalls ein gutes Zitat. Was er wohl sagen würde, wenn er heute lebte?

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