Sonntag, 30. Mai 2021

Serientipps: "Mare of Easttown", "La Garconne"

Zwei erstklassige TV-Serien möchte ich heute empfehlen. Die erste bekommt 10 von 10 Punkte auf der eigenen Bewertungsskala, was als "genial" den Rahmen sprengt, die zweite erhält 9 von 10 Punkte, was die übliche Höchstbewertung und als herausragendes Serienhighlight zu verstehen ist.

In "Mare of Easttown" zeigt Kate Winslet wie gutes Schauspiel funktioniert. Ungeschminkt, fast durchweg in Unisex-Kleidung spielt sie eine Polizistin vor dem Hintergrund eines familiären Chaos und deshalb - sagen wir mal so: - in Begleitung eines seelischen Schadens. Keine Sorge, damit ist nicht ein typisches kaum auszuhaltendes Bild des französischen Kinos der 70er Jahre einer leidenden Frau gemeint, das eine depressive langatmige Serie vermuten ließe, im Gegenteil, Kate Winslet spielt eine starke Frau, die - ich spoilere nicht - sogar unglaublich falsche Entscheidungen trifft, ja geradezu bösartig in guter Absicht handelt, und doch hinterher dazu steht, nicht indem sie ihr Handeln rechtfertigt, sondern indem sie zu verstehen gibt, dass sie keine andere Lösung des Problems gesehen hat. Sie spielt eine mürrische Frau, deren schlechte Laune ausdrucksstark in ihrem Gesicht geschrieben steht aber das selbst hinter dieser Alltagsmaske ihre Warmherzigkeit und Güte deutlich zu erkennen gibt. Bewegung, Ausdruck und Mimik sind für mich preiswürdig und selten konnte ich anderswo solch ein gelungenes Schauspiel bestaunen. Die beste Kate Winslet, die ich jemals gesehen habe.

"Mare of Easttown" ist auch ein Film über Frauen. Sie spielen die Hauptrollen, Männer sind in dieser Serie eher Nebendarsteller. Die Facetten der Weiblichkeit werden in vielen Rollen ebenfalls erstklassig gespielt. "Gespielt", das sagt uns natürlich unser Wissen, doch wer in diese Serie eintaucht, wird das Schauspiel nicht mehr von der Realität unterscheiden können, so überaus überzeugend agieren sämtliche Darstellerinnen der Serie.

Und dann ist "Mare of Easttown" natürlich auch ein Krimi. Noch habe ich zwar erst 4 der 7 einstündigen Episoden gesehen aber ahne, anders als gewöhnlich, nicht im Geringsten, wer letztendlich der Übeltäter ist. Also auch der rote Faden des Kriminalfalls ist außergewöhnlich gelungen, möchte ich meinen.

Last but not least ist "Mare of Easttown" ein Kaleidoskop sozialer Begebenheiten und Verhältnisse der Welt der 20er Jahre unseres Jahrhunderts, ein aktuelles Gesellschaftsbild vielleicht, das die einzelnen Schicksale innerhalb einer ungeheuer komplexen und dadurch komplizierten Welt zeigt, in der sich die Menschen zwar längst aus den traditionellen Zwängen befreit haben, doch in deren Vielfalt oder Buntheit es um so schwieriger ist, den eigenen Platz einzunehmen.

Drehen wir die Uhr zurück. Die zweite Serie, deren 6 Teile ich bereits bis zu Ende gesehen habe, heißt "La Garconne" und spielt ebenfalls in den 20er Jahren allerdings des letzten Jahrhunderts. Auch ein Krimi aus Frauenperspektive - oder besser gesagt wird hier im Wechsel des Geschlechts der Hauptdarstellerin ihr Menschsein in den Vordergrund gestellt. Ich meine nicht die Menschlichkeit, sondern grundsätzlich den Menschen hinter der Fassade jener Rollen, die in diesen 20er Jahren dem biologischen Geschlecht noch zugewiesen wurden. Laura Smet verkleidet sich nämlich als Mann und übt männliches Verhalten in Gang, Gestik, Mimik usw. ein - und sie überzeugt tatsächlich, denn ihre weiblichen sowie ihre markanten männlichen Gesichtszüge werden, je nach augenblicklichem Rollenstatus, in einem tollen Spiel aus Licht und Schatten von der Kamera eingefangen oder durch sie überhaupt erst erzeugt. Kamerapreis, unbedingt ein Preis für die beste Kamera! Alles in allem könnte man bei "La Garconne" von der französischen Variante "Babylon Berlin" mit weiblicher Hauptrolle sprechen. Allein an die megateure Ausstattung der Babelsberger Studios kommt es nicht heran, was aber nur dann auffällt, wenn man beim Anschauen an diesen Vergleich denkt.

Jetzt weiß ich nicht, wo welche Serie gestreamt wird oder ob man sie sogar kaufen kann. Für beide würde ich gerne bezahlen, egal wo, sie sind ihr Geld definitiv wert.

6 Kommentare:

  1. Klingt gut. Sind beides HBO Produktionen und somit vor allem bei Sky verfügbar.
    Wir werden uns heute den "Distelfink" ansehen. Bin gespannt, wie sie das Buch umgesetzt haben - oftmals ist das ja eine Enttäuschung.

    Schönen Sonntag wünsche ich dir, lieber Georg.

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    1. Der Distelfink - eine gute Idee! Das mache ich heute ebenso. Gibt es überhaupt mehr als eine handvoll guter Literaturverfilmungen? Also beginne ich mit der niedrigst möglichen Erwartungshaltung. Schaun wir mal, bin ebenso gespannt wie du, liebe Barbara.

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  2. Klingt als ob es was für mich wäre;)

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    1. Also ich kann die letzten 3 Teile kaum abwarten. Überlege schon, sie mir im englischsprachigen Original reinzuziehen - mach ich aber doch nicht, denn 1. ist mein Englisch zu schlecht und 2. habe ich mich so sehr an die Synchronstimme Ulrike Stürzbechers gewöhnt, da möchte ich gar nicht hören, wie Kate Winslet in echt klingt :-)

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  3. Hat dir der "Goldfinch" gefallen?
    Uns gut, wenn natürlich auch das Gros des Romans nicht verfilmt werden konnte. Man hat die Handlung rausgefiltert und nur leicht ausgeschmückt. Ich denke, ich würde das Buch nach dem Film lesen wollen.
    Der erwachsene Theo Decker gefiel mir nicht ganz so gut. Und bei Nicole Kidman bin ich immer hin-und hergerissen. Schon eine ganz gute Schauspielerin, aber so ganz ohne Mimik...schade um das Gesicht.

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    1. Ja, hat mir sogar sehr gefallen, danke für diesen wunderbaren Tipp, liebe Barbara. In jemanden hineinversetzen, der das Buch nicht kennt, kann ich mich allerdings nicht. Es wäre spannend, zu erfahren, wie der Film bei ihnen ankommt. Mehrmals hatte ich während des Anschauens den Gedanken, ob vielleicht eine Mini-Serie nicht doch ein besseres Format wäre. Stoff ist reichlich vorhanden, und auch ich vermisste schon so einiges, von dem ich meinte, es sei wichtig, um die Geschehnisse im Film besser nachvollziehen zu können. Da wir diese Hintergründe aber kennen, warꞌs für uns recht einfach, sich nur auf den Film zu konzentrieren. Die jungen Darsteller waren aber erste Sahne, finde ich. Bei ihnen passte alles.

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