Montag, 4. Februar 2019

Winterdienste jenseits des Tellerrandes

Eines vorweg: das Folgende soll gar keine Kritik sein, es ist kein Gemecker (so ist halt die Welt, man kann sie nur nehmen wie sie ist), sondern ich fand die Situation einfach nur grotesk, und über so etwas wiederum muss ich meistens schmunzeln.

Also die Situation sah so aus: Eine Kreuzung zweier Landstraßen außerhalb der geschlossenen Ortschaft auf dem platten Land, deshalb kaum Bebauung an den Seiten, hauptsächlich Felder. Jede Straße besitzt ihren eigenen Fahrradweg. Eine Straße hat trotz des Flachlandes einen Berg, Korrektur: einen Hügel, Korrektur 02: eine leichte Steigung, genannt "Katzenbuckel". Es war dunkel, es war morgens gegen halb fünf, es fror, die Radwege waren glatt und voller Raureif. Die Straßen hingegen waren frei und nass, am Abend wurden sie noch gestreut.

Von oben den Berg hinab radelte ich und konnte kilometerweit sehen, es gibt keine Bäume oder Kurven, die Straße führt geradeaus in einer Linie. Die andere Querstraße ebenfalls. Wie auf einem Schachfeld. Es gab wie immer zu dieser Zeit keinen Straßenverkehr, Scheinwerfer würde ich noch weiter erkennen. An der Kreuzung fanden nun drei Begegnungen zu selben Zeit statt, ja, das war wirklich ein Zufall, normalerweise geschieht das nacheinander, heute aber nicht:

Mir kam auf meiner Straße eine polnische Putzfrau auf dem Fahrrad entgegen, die ich vom Sehen kenne. Wir grüßten uns. Aus der Querstraße bog ein junger Mann mit seinem Fahrrad auf unseren Radweg ein. Auch ihn sehe ich jeden Morgen, wahrscheinlich fährt er zum drei Kilometer entfernten Bahnhof, um von dort aus mit dem Zug weiter zur Arbeit zu gelangen (das machen hier etliche Leute so). Und dann erschien beinahe im selben Augenblick der Unimog des örtlichen Streudienstes. Wir drei Radfahrenden gurkten langsam und vorsichtig wie auf rohen Eiern daher und der Streuwagen fuhr an uns vorbei und streute die längst vom Eis befreite Straße erneut, obwohl nicht ein Auto weit und breit in Sicht war. Diese Situation war so unglaublich absurd, dass ich darüber nur lachen konnte.

Klar "dachte" der verantwortliche Behördenmitarbeiter, der tagsüber in seinem von uns mitfinanzierten warmen Büro hockt und den Winterdienst organisiert, dass es wichtiger sei, morgens die unbefahrenen Straßen vom Eis zu befreien als die Radwege, denn erstens fährt sowieso kaum jemand nachts mit dem Rad (glaubt er oder sie, denn Behördenangestellte haben grundsätzlich Probleme, die Realität außerhalb ihres Dunstkreises richtig einzuschätzen) und zweitens wären die Auswirkungen schlimmer, wenn ein Auto gegen einen Weidenzaun führe, als wenn eine Putzfrau, ein Azubi oder ein Wachmann während seiner Streife mit ihren Rädern auf die Nase fielen. Was, so frage ich mich jetzt noch, hat wohl der Unimog-Fahrer gedacht, als er uns drei auf dem eisglatten Radweg erkannte aber dennoch nur die nicht im Geringsten glatte Straße streute? Zumindest ich an seiner Stelle wäre mir ziemlich überflüssig oder sinnlos vorgekommen.

Wie gesagt, dies ist keine Kritik, es zeigt nur deutlich, wo die Präferenzen verkehrstechnischer Natur auf dem Lande liegen. Wir drei radfahrenden Menschen sind auch längst nicht die einzigen Radler, die im Winter unterwegs sind, allerdings wer selber nur im wohligwarmen Auto auf vier Rädern unterwegs ist, kann sich die Existenz einer frischluftbasierten und alternativen zweirädrigen Welt schlichtweg nicht vorstellen.

In diesem Sinne wünsche ich dir einen rutscharmen Start in die neue Woche, und mögest du über den Tellerrand hinaus blicken.

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PS zur oberen Illustrierung des Sachverhalts: Ich hatte grad weder ein Bildchen einer polnischen Putzfrau im Wintermantel, noch das eines Salz streuenden Unimogs zur Hand.

Kommentare:

  1. Sei froh, dass du nicht bei uns radfahren musst. Wir ersticken in der weißen Masse.
    Die meisten Radler fahren auf der Straße, die Radwege sind schlicht nicht passierbar.

    Am Mittwoch sind 16° vorhergesagt. Geh mal den Bikini suchen.

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    1. Später auf dem Weg nach Hause war ich die Hälfte der Strecke dann auch auf der Straße gefahren. Das mache ich aber morgens sowieso, da zu dieser Zeit kaum Autoverkehr vorhanden ist und sich die Straßen in einem wesentlich besseren Zustand befinden als die Radwege. Noch dazu kommen einem dort keine unbeleuchteten Radler mit nur 10 Zentimeter Abstand entgegen. Es wäre aber für den Tagebucheintrag zu kompliziert gewesen - oder anders ausgedrückt, dann hättꞌs ja eigentlich nur eines Satzes bedurft: "Der Radweg war vereist, er wurde nicht gestreut, also nahm ich wie immer die Straße." Mit der Schilderung der Begegnung habe ich dramaturgisch wenigstens das Maximum des Möglichen herausgeholt, ich meine berichtsmäßig, da alles tatsächlich so stattgefunden hat, bloß wichtig oder erwähnenswert wäre es eigentlich eher weniger. Vielleicht sollte ich endlich ein Drehbuch für meinen ersten Kurzfilm schreiben? Mit ein wenig Fantasie ließe sich aus der Situation tatsächlich sogar eine kleine Geschichte relotionieren. Ideen hätte ich schon. Naja, es fließt jedenfalls alles in den Fundus der Erfahrungen ein und lässt sich vielleicht in "abgewandelter Form" für anderes noch mal benutzen. "Stern", "Bild" und "Spiegel" zeigen uns schließlich täglich, wieꞌs gemacht wird, gell?

      Hier sind frühlingshafte Temperaturen ebenfalls angesagt. Und viel Wind. Meine Bermuda-Shorts passen mir aber momentan nicht mehr, ich muss dringend wieder abnehmen, sehe in ihnen aus wie ein Hängebauchschwein oder ein Nilpferd. Den Anblick möchte ich so früh im Jahr niemandem zumuten, das würde für den Rest des Jahres zu einer andauernden Schockwirkung des Gemüts führen.

      Achtung, Spoiler:

      Vorhin lag ein kleines Chinapäckchen im Briefkasten. Vom e-dampf-mäßigen monatlichen 30-Euro-Etat für Februar. Habe jetzt noch zwei Stunden vor der Arbeit Zeit, um für morgen früh ein Foto zu machen. Dafür muss ich mich jetzt regelrecht aufraffen, bin nämlich gegenwärtig ziemlich lustlos. Also denn, genieße den Hauch eines noch geruchlosen Vorfrühlings-Intermezzos.

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquids über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.