Donnerstag, 7. Februar 2019

Neue Lieder für ein neues Land

Also wenn bei mir etwas ankommt, das soll schon etwas heißen, dann ist es tatsächlich im letzten Winkel des Landes angekommen. Nun ist es so, dass gesellschaftliche Bewegungen immer eine lange, lange Vorlaufzeit benötigen, ehe sie als spürbare Veränderung vom Mainstream wahrgenommen werden. Politische Veränderungen sind anfangs theoretisch, doch spätestens dann, wenn sie besungen werden, bewegt sich auch etwas im Menschen, in seinem Gefühl. Politik als Theorie bleibt leblos, Politik braucht die Emotion zur Entfaltung.

Wie lange ist es her, dass wir in Westdeutschland politische Lieder hörten, die Aufbruchstimmung und Solidarität verbreiteten? Die von unten kamen, nicht gefördert wurden, unbeachtet von der Musikindustrie erklangen? Ich würde sagen, zuletzt gab es so etwas vielleicht in den 1980er Jahren. Und da schau an, zum ersten Mal seit rund 30 Jahren sind neue politische Lieder einer jungen Generation zu hören. Noch ist ihnen ihr amateurhafter Charakter anzumerken, doch gerade diese Authentizität verleiht ihnen eine enorme Kraft. Wenn Lieder gesungen werden, verändert sich das Land.



Kommentare:

  1. Ein zartes Pflänzchen Hoffnung...
    Den Text des ersten Lieds kann ich leider nur teilweise verstehen, wird zu sehr überlagert durch die Musik.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Jaja, ist ein bisschen genuschelt, finde ich auch. Der Text ist inhaltlich natürlich simpel (muss er auch sein) aber reiht sich in guter Tradition perfekt in die Anti-Staatsmacht-Lyrik der 70er-Jahre-Demos ein. Die war bekanntlich damals sogar regelrecht hasserfüllt, dagegen ist dieser Song das reinste Puppenspiel. Nun ja, die Zeiten haben sich geändert, über das heutige Bestreben der Vermeidung von Hass-Speach wäre man seinerzeit ausgelacht worden. Ex Außenminister und Vizekanzler Fischer blieb bis heute unbestraft, obwohl sein Angriff auf die Polizisten dokumentiert ist und von ihm zugegeben wurde. Das nur mal eben schnell erwähnt, von wegen "rechter Hass" und so weiter.

      Ich muss über Henriette Rekers Armlänge Abstand immer noch schmunzeln, das Lied zeigt Humor! Den Text verstehe ich akustisch wie folgt (ohne Gewähr):

      "Seid ihr bereit, euer Leben aufzugeben? Dann sollte euch das Ganze nicht scherꞌn. Egal ob Polizei oder Politik, sie machen uns das Leben schwer.

      Gehn wir auf die Straße oder haben ꞌne Feier, sie schicken uns ꞌne Hundertschaft nach. Ich kann es nicht verstehen, nein, ich kannꞌs nicht begreifen, die könnꞌ auch nur Verbrecher sein.

      Doch nun wacht endlich auf. Wollt ihrꞌs nicht verstehn, dass wir nicht die Bösen sind? Denn wir schützen das Land und unsere Fraun und wolln Sicherheit für jedes Kind. Wollt ihr nichts machen, wollt ihr weiter nichts tun, unsere Frauen, behandelt wie Dreck? Oder setzt uns die Waffe doch selbst auf die Brust aber denk dran, ꞌne Armlänge weg!

      Es ist auch egal, ob für Mann oder Frau, der Schlagstock, der musste mit her. Wir bekamen sie ab, ins Gesicht, auf die Hand, das Atmen, das fiel uns schwer. In der Presse konnt man lesen, wir ham uns gewehrt, doch das ist alles nicht wahr. 150 Beamte für ne kleine Feier in Köln aber keiner da.

      Doch nun wacht endlich auf. Wollt ihrꞌs nicht verstehn, dass wir nicht die Bösen sind? Denn wir schützen das Land und unsere Fraun und wolln Sicherheit für jedes Kind. Wollt ihr nichts machen, wollt ihr weiter nichts tun, unsre Frauen behandelt wie Dreck? Oder setzt uns die Waffe doch selbst auf die Brust aber denk dran, ne Armlänge weg!

      Sie kamen vermummt, mit Hund und schwerem Gerät, sagten, es findet nicht statt. Wir kommꞌn auch nicht zu euch und stören eure Feiern. Wir haben das Ganze so satt. Doch nun wacht endlich auf, schautꞌs euch nur mal an, trifft ihr wirklich die richtige Wahl? Die Linken randaliern, greifen die Staatsmacht an und werden noch von ihnen bezahlt.

      Doch nun wacht endlich auf. Wollt ihrꞌs nicht verstehn, dass wir nicht die Bösen sind? Denn wir schützen das Land und unsere Fraun und wolln Sicherheit für jedes Kind. Wollt ihr nichts machen, wollt ihr weiter nichts tun, unsre Frauen behandelt wie Dreck? Oder setzt uns die Waffe doch selbst auf die Brust aber denk dran, ne Armlänge weg!

      Und nun stellt euch vor, wir kleiden uns falsch, in Köln hat man es uns gesagt. Also steht endlich auf und zieht an einem Strang, denn gemeinsam sind wir stark. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird nie was passiern, sie kommen aus jedem Eck. Oder setzt euch die Waffe doch selbst auf die Brust aber bleibt auch die Armlänge weg!"

      Löschen
  2. Danke für den Text. Ich hatte tatsächlich alles verstanden bis auf die entscheidenden drei Worte: ne Armlänge weg.
    Danke für die Lieder und das darauf aufmerksam Machen. Hoffentlich singen sie noch lange und laut, und werden nicht mundtod gemacht, sondern werden immer mehr, die singen. Und hoffentlich hast du recht, dass solche Lieder etwas bewirken, dass sich was bewegt, dass diese Lieder die Menschen bewegen.
    Mich zumindest bewegen sie. Gerade heute. Denn gerade heute sind Dinge auf die Spitze getrieben worden, die mir schon seit Wochen meine Arbeit unnötig erschweren. Ich überlege noch, ob ich diese in meinem Blog erwähne. Im Moment hat mir das die Laune verdorben, deshalb haue ich jetzt grußlos hier ab.
    Ich gehe Musik hören. Neue politische Lieder. Ich glaub, die brauche ich genau jetzt.
    Bis dann im Königreich

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Naja, schwierig, schwierig, es gibt ernstzunehmende kluge Menschen, die sagen, der Zug für eine Veränderung sei abgefahren, die Auflösung bzw. Zerstörung des Landes stünde uns zwangsläufig bevor und erst danach sei ein Neuanfang möglich. Das glaube ich hingegen nicht, wobei ich mich hier in den Bereich von Religion begebe (Glaube halt), denn nach meiner Erfahrung lässt sich die Zukunft nicht vorhersagen. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Zu keiner Zeit war es meines Wissens gelungen, jemals eine Zukunft treffsicher vorherzusagen. In der Rückschau klingt vieles einleuchtend, das ist aber etwas anderes. Nun, wenn also die Zukunft tatsächlich ein unentdecktes Land sein sollte, dann ist die Hoffnung gleichzeitig auch unsere Rettung.

      Jede Bewegung, egal ob gut oder schlecht, fängt ganz klein an. Trifft sie auf fruchtbaren Boden, auf Gleichgesinnte, auf eine große Mehrheit, dann setzt sie sich langsam aber stetig durch und wird irgendwann selber zum Mainstream, der in der Folge wiederum von Neuen abgelöst werden wird. In Westdeutschland war dies zuletzt bei der Friedensbewegung der Fall gewesen, im Osten war es die friedliche Revolution. Danach kam lange Zeit nichts mehr. Konsum und Goldgräberstimmung beherrschte das Land, den Kontinent und sogar die Welt wurde neu aufgeteilt. Grüne und linke Politik entwickelten sich zu einer heute kaum noch zu ertragenden politischen Dekadenz und Bevormundung der Menschen. Aus einer Spaßgesellschaft wurde binnen 20 Jahre eine Verbotsgesellschaft. Daraus erwuchs neue Unzufriedenheit. "So, bitteschön, seinen unsere Visionen von Frieden und Zusammenhalt aber nicht gemeint gewesen", sagen mehr und mehr Ältere heute, und die Jüngeren, die eine Generation lang ziel- und orientierungslos umherirrte, sehnt sich überhaupt zum ersten Mal nach Solidarität und Zusammenhalt. Sie entdecken alte Werte wieder neu. Und das mit viel Kreativität und Liebe. Genau das nährt meine Hoffnung auf eine positive Entwicklung.

      Wenn man dazu die Kraft der Musik, der Lieder abseits des schrillen Geschreis oder Gebrülls erkennt als eben ein hoffnungsfrohes Aufstehen ("Bots" @ Markus), dann wird deutlich, dass die Lieder etwas bewirken. Ich bin davon überzeugt, diese neue Bewegung, die sich den alten Werten zuwendet und sie den modernen Gegebenheiten anpasst, Werten von der deutschen Romantik als identifikationsstiftender kleinster gemeinsamer Nenner der Nation bis hin zu einer globalen Friedensbewegung als kosmopolitisches Verständnis der Welt, diese Bewegung wird wachsen und ihr gehört die Zukunft.

      Nur die Dummen, die Schwarz-Weiß-Sehenden, die ewig Gestrigen (die heute alte Linke sind) und jene Leute, die dadurch ihre Scherflein davonschwimmen sehen (Grüne und SPD), bezeichnen die Bewegung als rechts und nazi. Solche und ähnliche Beschimpfungen hat es aber immer schon für Neues gegeben, ist ein menschliches Verhalten, ist unwichtig und wird nicht in der Lage dazu sein, einen Neuanfang zu verhindern.

      Nun denn, die Glaskugel fehlt natürlich wieder :-)

      Was dich beschäftigt und deinen Arbeit erschwert, weiß ich natürlich nicht, liebe Mira, aber du bist in der Lage als eine die DDR bewusst erlebte Frau prima kryptisch schreiben und formulieren, so dass man zwischen den Zeilen schon erfährt, was los ist. Eine heute nicht zu unterschätzende Fähigkeit! Also ich fändꞌs natürlich spannend, wenngleich ich auch nicht alles schreiben würde. Es gibt halt Dinge, die können gegen einen verwendet werden, und berufliche Nachteile wären einen eizigen Blogeintrag nicht Wert.

      Jedenfalls haben wir zwei Beide es nun schon so lange im Leben durchgehalten, da schaffen wir das letzte Stück auch noch routiniert, ohne es uns von zwielichtigen Miesepetern verderben zu lassen. Ich weiß, mit Mangel an Wissen, um was es geht, ist leicht gut Reden. Es soll ja nur meinen Zuspruch bedeuten im Sinne einer geistigen Verbundenheit (ohne Netzwerkschalter).

      Viele liebe Grüße

      Löschen
  3. Vielen Dank für deine Antwort, ganz besonders für den letzten Abschnitt und die Verbundenheit. Die habe ich gerade sehr, sehr nötig.
    Liebe Grüße
    die Mira

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Kommentare kann ich leider nicht editieren, nicht mal die eigenen, obwohl es mein Blog ist. Herrje, ich denke folgendes: die Grünen wollen erst mal ihre Scherflein ins Trockene bringen und haben Angst, dass ihre Felle davon schwimmen - und schreibe: "… die dadurch ihre Scherflein davonschwimmen sehen". Nicht zu fassen! Dann vergesse ich komplette Halbsätze und gleich mehrere Wörter. Ich wollte gerade alles löschen und neu schreiben aber dann wäre dein netter Kommentar auch fort, und das will ich ja nun überhaupt nicht.

      Also drücke dir jetzt einfach mal die Daumen, dass für dich am Ende doch wieder die Sonne scheint.

      Löschen

Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquids über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.