Samstag, 5. Januar 2019

Der verlorene Tag

Wo ist er hin, fragst du dich, der Tag ist einfach weg, vergangen weder in langer, kurzer oder in sonstiger Weile, die Erinnerung an ihn besteht vielleicht noch aus dem anfänglichen Aufstehen, dem Spiegelblick im Bad, dem anschließenden Frühstück, wobei du bei näherer Betrachtung nun auch nicht beschwören könntest, ob diese Bilder in deinem Hirn nicht doch eventuell von vorgestern stammen. Der Tag ist verschwunden wie nach einem kleinen Stolpern auf der Zeitlinie, im Rückblick wie das Fingerschnippen eines Zeitreisenden, der dich bei der Hand nahm, um dich mal eben schnell einen Tag ins Morgen zu verfrachten.

Nun stehst du da verloren im Morgen, das plötzlich heute ist, ohne Erinnerung an gestern. "Gestern, heute, morgen", Captain Picards Kreisen um das Paradoxon kommt dir sofort in den Sinn, doch Jean-Luc spielte mit der Zeit, er spielte Zeitlinien gegeneinander aus, so sehr war ihm das Gestern bewusst. Nein, dir wird klar, du bist nicht derjenige, der die Welt gerettet hat, im Gegenteil, die Welt hat dich aus sämtlichen ihrer Erinnerungen verbannt, als wäre sie vor dir gerettet worden, denn alle Erinnerungen von außen stammen von vorgestern, das letzte Gespräch, die letzte Textnachricht - jeder Handlungsnachweis hat den gestrigen Tag übersprungen, ihn ausgelöscht, du hast keinerlei Spur hinterlassen. Auch existieren keine körperlichen Hinweise, die auf eine Misshandlung schließen ließen, auf ein Experiment Außerirdischer, die dich womöglich einen Tag entführt hatten.

Die Ereignisanzeige deiner Computer, das Netzwerk, die Batterien in den Uhren, die Akku- und Liquidfüllstände der E-Dampfgeräte, ja, selbst die trockene Beschaffenheit des Fahrradrahmens und der neuen Airless-Reifen zeugen von keiner Aktivität oder Auffälligkeit in den letzten 24 Stunden. Dein Magen ist nicht leer, du hast keinen Hunger, doch wer hat ihn aufgefüllt, wenn nicht du? Auch Durst verspürst du nicht, dein Flüssigkeitshaushalt liegt innerhalb normaler Parameter. Weder zeigst du Anzeichen, besonders ausgeschlafen zu sein, noch bist du übermüdet. Und doch der Tag ist fort. Für dich stellt sich langsam die Frage: ist es ein verlorener Tag oder gewonnene Zeit?

Kommentare:

Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquids über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.