Donnerstag, 13. September 2018

Letzte Nacht auf Arbeit

Die letzte Nacht war ereignisreich. Ich bin heilfroh, jetzt hier zu Hause an meinem Schreibtisch zu sitzen und dir in aller Ruhe berichten zu können, was geschehen war. Wie immer ist es schwierig, den Anfang zu finden, denn die richtigen Worte für Außergewöhnliches wären nun mal ebenso außergewöhnlich, doch da ich ein gewöhnlicher Mensch bin, müssen in diesem Fall gewöhnliche Worte dafür herhalten. Wie gesagt, das ist nicht ganz so leicht.

Alles begann letzte Nacht rund vier Stunden nach meinem Dienstantritt. Die zweite Kontrollfahrt lag gerade hinter mir und ich setzte mich auf die geliebte Bank unter dem weit ausladenden Baum. Du weißt ja bereits, der, von dem die Krabbeltierchen sich gerne zu mir abseilen, sich auf der Hutkrempe sammeln, um mir dann direkt vor meinen Augen eine unscharfe Makroaufnahme von sich darzubieten. Es muss so um Mitternacht gewesen sein, ich e-dampfte genüsslich vor mich hin, da nahm ich in etwa einem Meter Entfernung auf dem mit Steinen gepflasterten Boden eine Bewegung wahr. Nichts Konkretes, es schien nur so, als rührte sich dort etwas. Neugierig stand ich auf und ging näher dort heran. Ja, da war etwas ziemlich Winziges. Um es genauer zu erkennen ging ich in die Knie. In einem Halbrund standen wohlgeordnet schätzungsweise ein Dutzend Ameisen und in der Mitte befand sich eine einzelne Ameise, die, wie es mir schien, heftig mit ihren Gliedern in meine Richtung gestikulierte und um Aufmerksamkeit winkte.

"Nanu, wer bist denn du?", entfleuchte es stimmlich aber unbewusst meinem Mund. Selbstgespräche sind bei dieser Art der recht einsamen beruflichen Tätigkeit nichts Ungewöhnliches. Und da vernahm ich leise eine Stimme. Na klar, denkst du sofort, das konnte ich mir nur eingebildet haben. So ähnlich dachte ich anfangs auch, trotzdem ging ich mit meinem Ohr näher in Richtung Erde und murmelte: "Was willst du kleine denn?"

Dann geschah das Außerordentliche, für das ich eben nicht die richtigen Worte finde, denn augenblicklich in dem Moment, da mein Ohr in der körperlichen Neige den tiefsten Punkt erreicht hatte, nahm ich einen heftigen stechenden Schmerz in meinen Kniekehlen wahr. Instinktiv schaute ich dorthin und sah rechts und links jeweils eine Soldaten-Ameise wie sie mit etwas, das in gewisser Weise einem polizeilichen Schlagstock glich, nur kleiner halt, winzig eben, wie sie also beide in meine Kniekehlen schlugen. Noch während ich fragend staunte, lösten sich aus dem Halbrund vier oder fünf Ameisen und nahmen mich kräftig bei meinen Schultern. Ja, du denkst, ich spinne, "jetzt ist er vollends von Sinnen", verstehe ich, absolut, denn ich hatte ja genau dasselbe in diesem Moment gedacht. Völlig verdattert (ist das nicht ein herrliches und schon beinahe ein außergewöhnliches Wort?) war ich aber zu keiner Regung fähig. Ich wollte mich erheben, doch der Schmerz in den Knien lähmte alle Muskeln. Ich war vollkommen unfähig zu irgendeiner Reaktion.

Die vormals mittlere Ameise packte mich bei der Hand, ich meine, das geht natürlich nicht, das wusste ich auch, doch so erschien es mir, und sie zog mich hinab zu Boden dicht neben sich. "Da haben wir dich endlich!", triumphierte sie und zerrte mich zwischen zwei Pflastersteinen in die Ritze hinein, "Georg, du bist verhaftet. Mitkommen!", befahl sie.

Es muss sich um die Wirkung von Ameisensäure gehandelt haben, die mich in der Folge willenlos und wehrlos gemacht hatte, nicht fähig, auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Es eilten blitzschnell viele Arbeiterinnen-Ameisen herbei, die meinen Körper wie auf unzähligen kleinen Rädchen zielstrebig durch einen Gang unter den Steinen vorwärts beförderten. Um mich wurde es dunkler aber nicht finster wie ein Schwarz, von irgendwoher ließ ein fahles Licht mich die Umgebung noch in Grautönen erkennen. Dann legte man mich in einem fensterlosen Raum ab. Richtig, es war eine Zelle, denn am Eingang postierten sich mächtige Riesenameisen mit bedrohlich scharfen Klingen quasi als Kieferersatz. Eigentlich waren es lebendige Waffen, die dort zu meiner Bewachung abgestellt wurden. An Flucht meinerseits war jedenfalls nicht zu denken, auch wenn langsam das lähmende Gift nachzulassen schien.

"Wo bin ich hier? Was soll das alles? Hilfe!", schimpfte und schrie ich empört. Da bewegte sich aus dem Halbschatten eines der Wächter eine kleinere Ameisen-Gestalt heraus, wand sich zu mir und sprach in emotionslosen, fast wie vorgelesen klingenden Worten: "Georg, du wurdest verhaftet, denn dir wird heute der Prozess gemacht. Du bist beschuldigt des Massenmordes an 164 Ameisen allein in den letzten sechs Monaten. Belegt und dokumentiert. Dein Prozess beginnt in Kürze". Ich wollte etwas entgegnen, weiß jetzt aber nicht einmal mehr was, wie wahrscheinlich vor wenigen Stunden ebenfalls nicht, denn es blieb bei meinem fragend staunenden offenen Mund. Ich griff in meine Tasche zum Handy, Verzweiflung ließ mich stöhnen, man hatte es mir genommen oder es war verloren gegangen.

Versetze dich bitte in meine Lage! Das kannst du nicht? Lachst und schüttelst deinen Kopf? Nein, ernsthaft, was sollte ich da erwidern? Absurd in absurder Lage. Irrational aber wahrhaftig real. Natürlich dachte ich ebenfalls, es müsse sich um eine Art Wachtraum handeln, eine Psychose vielleicht, der ich warum auch immer anheim gefallen war. So what? Es war, wie es war. Wenn du in einer Gefängniszelle hockst, kannst du denken, was du willst, dadurch wirst du nicht befreit. Es befreit sich nichts von selbst sozusagen, etwa wie durch einen Kniff das Erwecken aus einer hartnäckigen Fantasie. Und dass die Zelle surreal klein war, in der ich mich befand, das wusste zwar mein Gehirn, die Ratio, doch wenn du dich in ihr befindest, ist ihre Größe unwichtig und immer gleich - eine Zelle ist und bleibt eine Zelle.

In den folgenden zwei Stunden ließ man mich allein. Alle Gedanken, die du dir jetzt auch machst, durchdachte ebenfalls mein Gehirn. Jede Möglichkeit einer Sinnestäuschung durchspielte ich, schrie, schimpfte, weinte, schlug gegen die Wand, trat gegen eine der lebendigen Klingen, was ich lieber hätte bleiben lassen sollen, denn dadurch schmerzt immer noch der Schnitt an meinem rechten Fuß, den ich mir dabei zugezogen habe, ich fluchte bis dass ich plötzlich resigniert still auf dem Boden saß und nur noch ins graue Halbdunkel starrte. So als sei mein Gehirn und all die Nerven an einer Überlastung durch eine Sicherung ausgeschaltet worden. Eine Schutzschaltung, die greift, kurz bevor man verrückt wird. Ich begann mich mit den Gegebenheiten abzufinden, so irrwitzig sie auch sein mochten. Ich war da, saß in einer Zelle, war eines Massenmords angeklagt, von dem ich nicht einmal etwas wusste und wartete auf einen Prozess ...

Obwohl ich das Zeitgefühl vollends verloren hatte, sah ich auf meiner Uhr, dass exakt nach zwei Stunden die Ankläger-Ameise erneut meine Zelle betrat. "Mitkommen!", befahl sie, und umgeben von den Klingen-Ameisen zerrte man mich aus der Zelle. Ich stolperte mehr als dass ich ging. Einen Gang mit niedriger Decke entlang, bis wir einen größeren Raum erreichten, einen Saal, in dessen Mitte man mich stellte, "stehenbleiben!", und von mir abließ. Die Lichtverhältnisse dort waren nicht wesentlich besser, ich erkannte um mich herum schummrige Gestalten einer Menge Ameisen. Auf einer Empore leuchtete ein rötliches Licht. Es dauerte ein wenig bis ich erkannte, dies war keine Laterne, sondern das Licht ging von dem rötlich schimmernden Kopf einer einzelnen Ameise aus, deren Figur um einiges größer als die der anderen war.

"Als Königin dieses Staates beschuldige ich dich des Mordes an 164 Bürgern. Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?"

Das begriffliche Verdattern, dieses Gefühl begann sich erneut in mir auszubreiten. "Ich weiß von nichts!", schrie ich. Ein Raunen durchzog den Saal, was jedoch nicht menschlich klang, ihm fehlten akustisch sämtliche Bässe und Mitteltöne, dennoch begriff ich es sofort als eben ein Raunen.

"Auf der Wiese vor deinem Kontrollpunkt Nummer zwölf befindet sich seit sechseinhalb Monaten unsere Kolonie "Freedom", die als Außenposten zur Zivilisation und Kultivierung dieses Areals dient. In jeder deiner Dienstnächte malträtierst du die Kolonisten, zerstörst ihre Nachschub- und Versorgungswege und tötest Nacht für Nacht die mutigsten und wertvollsten unserer Art, indem du sie achtlos im Dreck mit deinen schweren Stiefeln zermalmst. Das können und werden wir nicht weiter dulden". Während der Rotkopf sprach, glühte sein Leuchten förmlich in einem feurigen dunklen Rot.

Längst war ich über den Punkt der zweifelnden Selbstbefragung hinaus. Die Knie taten mir unendlich weh, der Schnitt am Fuß schmerzte, das Hirn schien zu zerspringen. Ein Verstellen oder Lügen war angesichts meiner Lage sinnlos, es gab schließlich auch keinen Grund dafür, war ich mir doch keiner Schuld bewusst.

"Ja, aber", begann ich und wurde bereits barsch unterbrochen: "'Ja, aber' bedeutet schuldig, denn deine Taten sind dokumentiert. Ein Aber ist unzulässig, es gibt keine Entschuldigung für deine Taten. Ob bewusst oder nicht, spielt keine Rolle, genauso wenig wie für dieses Gericht Rache oder Strafe von Interesse sind. Es geht weder um Bestrafung, noch um eine Entschuldigung, es geht ausschließlich darum, diesem Morden zukünftig Einhalt zu gebieten. Und du bist die Ursache."

Wie soll ich mich verteidigen, wenn die Tat bereits geschehen ist und es gar nicht um ihre Relativierung geht? In einem Anflug logischer Gedankengänge blitzte mit einem Mal der tiefere Sinn dieser Verhandlung in meiner Vorstellungswelt auf: "Ich verspreche, ich mach's nie wieder!" Ein Kleinkind hätte diesen Satz jammern können, doch ich hatte ihn vollkommen ernst gemeint. Das Rot der vorsitzenden Richterin und anklagenden Königin auf der Empore verblasste, dann blitzte es wie ein Feuerstrahl wieder auf mich hinab: "Wir Ameisen sind ein kultiviertes mächtiges Volk", begann die Feuerameise und ihre Stimme war durchdrungen von tiefen Bässen, "und deshalb wollen wir dir Glauben schenken. Achte unsere Art, wir werden dir einmalig Zeit für eine Bewährung einräumen, an deren Ende wir dein Urteil sprechen. Diese Verhandlung ist hiermit vertagt!"

Die Zeiger der Uhr standen auf 00:05 Uhr, als ich aus meinem Sekundenschlaf erwachte. Ich saß auf der Bank unterm Baum. Ja, nun magst du lachen: "Haha! Ich hatte's doch gewusst, es war also nur ein Traum!" Ich hingegen habe vorhin erst ein neues Pflaster auf meine kleine Schnittwunde am Fuß geklebt und weiß daher, was zukünftig zu tun bzw. zu unterlassen ist. Ich möchte dir wirklich keine Angst bereiten, wenn ich mahne: sei dir bewusst, was du tust, denn wenn du dich erst im Verlies wiederfindest, dann ist es möglicherweise zu spät für eine Bewährung.

ENDE

In diesem Sinne, ich hab sie nicht mehr alle, ja, ich weiß, und einen schönen Donnerstag wünsche ich dir auch.

Kommentare:

  1. Wundervoll, Georg, ganz wundervoll, deine kleine Geschichte. Sie hat meinen Donnerstag gerettet. Bisher war er grau und nicht sehr erfolgreich.
    Jetzt trage ich ein Schmunzeln in meinem Gesicht herum.
    Vielen lieben Dank dafür.

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    1. Dankeschön! Freut mich sehr, dass es dir gefallen hat.

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquids über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.