Montag, 16. Juli 2018

Selbstgeißelung

Der Spiegel: "Die Gefahren des Fußballfiebers" - ich kann gar nicht so viel kotzen, wie ich dort lesen könnte. Bei den Franzosen ist der nationale Taumel dann natürlich etwas ganz anderes, der Spiegel würde es nicht wagen, ähnlich über Frankreich zu schreiben, denn er würde dafür von allen Menschen ausgelacht werden. Tja, besser als dieses zweierlei Maß kann sich die Überheblichkeit westlicher Medien gar nicht präsentieren.

Ansonsten dieser Tage nur Trump-Bashing, Russland-Bashing - und der Wadenbeißer Erwin Huber wird tagelang kampagnenartig für eine angebliche schlechte Stimmung innerhalb der CSU instrumentalisiert, damit am Ende jedes CSU-Mitglied selber glaubt, diese virtuell erzeugte Realität sei echt.

Niels Annen, ein berufsloser Partei-Karrierist der SPD, der noch nie in seinem Leben jemals gearbeitet hat, darf sich als Urlaubsvertretung der A-Politik über (na, was oder wen?) ausgerechnet die vermeintliche Erfolglosigkeit von Trump äußern, was gerade durch ihn im Grunde ein irrwitziges politisches Kabarett darstellt.

Und natürlich dürfen weiterhin die vielen täglichen Verdrehungen und Agitationen in den Medien nicht fehlen, an die man sich, statt sich dagegen zu wehren, längst gewöhnt hat (vom Israel-Bashing übers AfD-Bashing bis hin zu den immer häufigeren und immer drohender ausfallenden pädagogischen Zeigefinger der medialen Haltungspolizei). Journalistinnen und Journalisten betreiben zunehmend Politik, obwohl niemand sie gewählt hat. Wo sind die Medien, die informieren, ohne zu werten, die berichten, ohne zu agieren, die erklären, ohne zu manipulieren, die "sich nicht gemein machen mit einer Sache"? Hanns Joachim Friedrichs würde sich abgrundtief für seine heutigen Kolleginnen und Kollegen schämen.

Nein, das hier ist keine Medienschelte (oder soll es zumindest nicht sein), denn wir alle konsumieren diese Medien, inklusive ich selber natürlich. Wie bei der Bundestagswahl: alle schimpfen über Merkel, doch die Mehrheit wählt sie ins Amt. Erst recht die Nichtwähler. Wir, das Volk, haben selber verdient, was wir lesen, hören und sehen, welche Politik unser Land regiert, wie wir letztlich tagtäglich unser Leben gestalten. Ich kann nicht über die EU maulen, mich über immer neue Verordnungen beschweren, wenn ich diese EU durch meine Stimme für die CDU, SPD, FDP, die Grünen, oder wenn ich mit einer Wahlverweigerung als Ausdruck meiner inneren Immigration all das selber unterstütze. Ich bin in diesem Fall für den Zustand in unserem Land mitverantwortlich. Diese Einsicht mag frustrierend sein, nein, sie mag es nicht sein, sie ist es, doch so lange wir und ich noch Zeit und Muße finden, auf den Sofas zu sitzen und zuzuschauen, was mit uns und um uns herum geschieht, so lange gibt es keine Rechtfertigung, sich über irgendetwas ernsthaft aufzuregen.

Wenn eine zukünftige charismatische Frau oder ein solcher Mann als Merkelnachfolge von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt und beauftragt wird, unser Land zu regieren, wenn sie oder er frenetisch bejubelt werden wird, und das ist allein eine Frage der Zeit, dann kann man nur beten und hoffen, dass sie oder er der geballten Medienmacht widerstehen kann, die dann nämlich das Land zu zerreißen droht. Sie oder er wird, bevor eine neue Regierung arbeiten kann, den gesamten Regierungsapparat umbauen müssen. Das Heulen und Schimpfen der Medien und Parteien während dieser Zeit kann man sich kaum ausmalen. Doch ohne Risiko gibt es keinen echten Wandel, schon gar keinen wirklichen Neuanfang.

So, heute also das Wort zum Sonntag am Montag. Sieh es mir bitte nach, komme ich doch gerade erst vom Kotzen über der Kloschüssel zurück an meinen Rechner. Mir ist dermaßen schlecht geworden, nachdem ich, wie alle paar Tage mal, einige ausführliche Medien-Stunden verbracht habe, dass es schon gewaltig weh tut. Im Mittelalter entsprach das einer Selbstgeißelung. Ich, der reuige Sünder, bestrafe mich heutzutage selber, indem ich Zeitung lese.

Kommentare:

  1. Immerhin, lieber Georg, bist du doch nicht im Grabe liegen geblieben. Wie gut. Denn auch, wenn dir jetzt speiübel ist, für mich hat deine Presseschau den Stellenwert sehr guten politischen Kabaretts, das immer noch zum Schmunzeln bringt, wo es nichts mehr zu lachen gibt.
    Beste Grüße
    die Mira

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    1. Ich glaube es selber kaum, doch gestern hatte ich mich regelrecht auf den Beginn der neuen Nachtschichten gefreut. Auf die Arbeit freuen, das ist wirklich eher selten bei mir der Fall, doch so sehr widert mich derzeit das hysterische Gesabbel im TV und Internet an.

      Schön, dass du hier warst, liebe Mira. Alles Gute!

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquids über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.