Dienstag, 24. Juli 2018

Freiheit anno 1986

In der arbeitsfreien letzten Nacht hatte ich unter anderem ein bestimmtes Foto gesucht und (natürlich) nicht gefunden. Wenn du wüsstest, wie unorganisiert die drei digitalen Ordner sind, würdest du's verstehen. Ich sag ja immer, der Rechner ist das Spiegelbild des realen Lebens: drei virtuelle Schuhkartons voller Fotos mit den bescheuertsten Namen oder Nummern versehen, die selbst die beste Suchroutine verzweifeln ließe. Von mir selber gibt es aber nur ganz wenige Fotos. Früher existierten halt weder Smartphones noch Digitalkameras.

Aus jener Zeit nun also stammt auch dieses zufällig und neu entdeckte Bild (kann sein, dass ich das Bild vor Jahren schon mal hier ins Tagebuch gestellt hatte, deshalb "neu" entdeckt), was ich dir selbstverständlich nicht vorenthalten möchte. Es ist tatsächlich 32 Jahre alt und wurde in einem Hitzesommer während einer elend-langen Zugfahrt von rund 36 Stunden aufgenommen. Annähernd zwei Tage und, ich glaube, eine Nacht reisten meine damalige Freundin und ich per "Interrail" (einen Monat alle Bahnfahrten in Westeuropa frei) von Köln nach Athen. Wie es in den überfüllten Abteilen zuging, das kann sich heute kaum jemand mehr vorstellen. Durchgehend über 30 Grad, die Menschen entledigten sich aller sittlich vertretbarer Klamotten und obwohl viele muslimische Familien dort mitreisten, der Zug endete in der Türkei, habe ich unter allen Frauen die Erinnerung an nur eine einzige ältere Frau mit einem Kopftuch. Man aß und trank im Zug, alles wurde mit den Mitreisenden geteilt, es wurde viel geraucht und der Alkohol floss ebenso reichlich. Die Toiletten waren übrigens nicht verstopft, das sei nur nebenbei erwähnt, wenngleich sich die hygienischen Zustände aus heutiger Sicht natürlich als katastrophal darstellten. Dies zeigt aber wiederum auch nur, wie pervertiert mittlerweile das Reinlichkeitsbedürfnis geworden ist, denn die Bahnreise haben wir selbstredend wohlbehalten überstanden.

In Thessaloniki stiegen wir um in einen Zug nach Athen und ab da fuhren wir dann mit ruckel- und zuckeligen Bummel-Bähnchen teilweise im Schritttempo in Tagesetappen wochenlang rund ums griechische Festland unter Auslassung der Nordgrenze, da war schließlich kein Wasser. Mit Urlaub oder Erholung im heutigen Sinne hatte das nichts zu tun, es war ein großes Abenteuer. Die Finger auf einer winzigen Landkarte bewegt, "ach, lass uns dort mal hinfahren, da gibt's einen Bahnhof in der Nähe". Die "Nähe" stellte sich dann oft als Notwendigkeit heraus, per Anhalter fortzukommen. "Verstehe ich nicht, es war doch wie letztens nur eine Zeigefinger-Breite entfernt". "Die Berge, Georg." In klapprigen Autos, kleinen Transportern oder auf den offenen Ladeflächen der vielen Lasten-Mopeds waren aber auch diese topographischen Fehleinschätzungen kein Problem für uns. Pausiert und übernachtet wurde ausschließlich wild, meist am Meer und in einem winzigen Zelt. Unser Gepäck bestand aus zwei eher kleineren Rucksäcken, mehr brauchten wir nicht. Gekostet hatte uns der "Urlaub" so gut wie nichts, waren wir doch beide Studenten und besaßen weder Geld noch sonst etwas von Wert (keine Autos, kein elektronisches wie auch immer geartetes Equipment aber auch keine Abos, Versicherungen oder sonstige gekaufte Verpflichtungen). Wir waren gesund und jung und ungebunden, arm an Geld aber reich an Glück.

Das waren die letzten Tage in vollkommener Freiheit, wenn man so will.

Manchmal, wie letzte Nacht beim Betrachten des Bildes, staune ich, was man sich im Laufe der Jahre doch alles in den Rucksack des Lebens packt. Klar, geht nicht anders, allein schon der Umstand einer Familiengründung macht viel Gepäck notwendig. Meine damalige Freundin schwor bis kurz nach jener Zeit in Griechenland auf ihre Unabhängigkeit und bekam doch, nicht von mir, bereits ein, zwei Jahre später ihr erstes Kind, hing das Studium an den Nagel und es folgten innerhalb der nächsten 15 Jahre drei weitere Kinder. Ihr Lebenszweck sind ihre Kinder geworden. Freiwillig und ohne "Unfall", sie entschied sich plötzlich einfach um. Wie doch die Biologie die Gehirne beeinflusst, nicht wahr, am Ende glaubt man selber, eine freie eigene Entscheidung getroffen zu haben, dabei waren's nur die Hormone.

Und ich werde mich jetzt, genuss-hormongesteuert wie ich nun mal bin, meinem elektronischen Entertainment widmen, denn zwei Folgen einer vielversprechenden neuen Serie liegen an: "Die Pest". Mal schauen, habe nur gutes darüber gelesen.

Einen griechisch-sommerlichen Urlaubstag in der Heimat wünsche ich dir. Geh bloß nicht so viel in die pralle Sonne, wir sind nicht mehr die Jüngsten.

Kommentare:

  1. Per Anhalter reisen, wild zelten... das waren schöne Zeiten, die ich ebenso erlebt habe. Noch in der Kleinstadt wegen Lehre gefangen, bin ich die an vielen Wochenenden nach München getrampt. Die amerikanischen Soldaten waren mit ihren tollen Autos immer unterwegs und freuten sich, auf englisch sprechende Jugendliche zu treffen.

    Schöne Geschichten, die du derzeit erzählst, lieber Georg.

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    1. Genau, Barbara, wir haben früher völlig unschuldig Sachen gemacht, da würden heute die Leute vor Entsetzen kreischen und sich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Welches Kind oder Jugendlicher geht eigentlich heute noch zur Schule - ich meine zu Fuß? Nicht nur das Trampen ist tabu, nein, es wird uns von den Angstmachern eingeredet, dass bereits auf dem Schulweg lauter Meuchelmörder dräuen, der gefährliche Verkehr überfordere und Monster aller Art hinter jeder Ecke auf jedes Kind warten, so dass die Eltern ihre Kinder mit dem Auto dorthin fahren. Anschließend zu x Veranstaltungen ebenfalls. Wie krankt ist das denn?!

      Über einen Kindergarten dachte in unserer Familie niemand nach, denn draußen war der Kindergarten. Nach den Hausaufgaben ging es hinaus und wir kamen erst heim in der Dämmerung. Zur Schule lief natürlich jeder zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad, zu meiner Lehre musste ich als 15-jähriger 10 Kilometer mit dem Bus fahren und wenn ich zu Hause darum gebeten hätte, mich mit dem Auto dorthin zu karren, man hätte mir schlichtweg den Vogel gezeigt. Ich weiß nicht, wie es damals in und um München der Fall war, glaube aber, dass es ähnlich war, oder?

      Wie würde Interrail, sagen wir bei einer/einem 17-jährigen heute aussehen? Täglich via Smartphone Statusberichte abliefern? In Jetzt-Zeit app-mäßig unter immerwährender Kontrolle stehen? All das nutzt im Ernstfall doch auch nichts, was der Tod der Tramperin unlängst bewiesen hat. Das Leben ist halt riskant und man sollte es früh genug lernen - 100 Prozent sicher ist und war auch damals nichts.

      Aber das ist auch wieder ein gaaanz anderes Thema, ich weiß ja. "Höcksken aufs Stöcksken" und so :-)

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  2. Ach Georg, jetzt hast du mich ganz bei der sentimentalen Ader erwischt.
    Damals hatte ich einen Brieffreund in Bielefald, der Interrail fuhr und mir von jeder Station eine Ansichtskarte schrieb.
    Selbst mitfahren konnte ich leider nicht, denn dafür wohnte ich auf der falschen Seite Deutschlands. Immerhin besaß ich einen internationalen Studentenausweis, wobei sich "international" auf die sozialistischen Nachbarlänger beschränkte. *grins*
    Aber nicht einmal die konnte ich alle bereisen, weil man pro Jahr nur für 30 Tage [oder waren es nur 28?] jeweils 30 Mark der DDR in andere Währungen umtauschen durfte und damit natürlich nicht weit kam. Immerhin waren Zugfahrten sehr günstig, in Ungarn sogar kostenlos. Und weil dort auch die Eintritte in Museen und in zahlreiche Bäder mit diesem Studentenausweis ebenfalls kostenlos waren, trieben wir uns im Sommer eben in Ungarn herum.
    Schön war's.
    Danke für das Wecken der Erinnerungen

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    1. Hachja (ein verklärter Seufzer latenter Entzückung), wir sind tatsächlich Menschen aus einer anderen Welt, aus einem anderen Jahrhundert. Unsere Welt mag man heute den Fakten nach noch kennen, doch vorstellen kann sie sich keiner mehr, der diese Zeit nicht selber erlebt hat. Man könnte auch sagen, wir sind alt geworden, liebe Mira. Aber was uns bleibt und niemand je mehr nehmen kann, das ist die fabelhafte Welt der Erinnerung, in die wir von Zeit zu Zeit abtauchen und sie mit süßer Melancholie und zartbitterem Genuss jedes Mal aufs Neue erleben, intensiver noch als zur damaligen flüchtigen Gegenwart und eingebrannt in die Seele als kostbarer glänzender Diamant.

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquids über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.