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Freitag, 8. Juni 2018

Baum der Erkenntnis

Als ich letzte Nacht während einer Pause mal wieder unter dem geliebten Baum saß, stach mich etwas in den Nacken, besser gesagt, der Schmerz fühlte sich genau zwischen dem eines Stichs und dem Brennen einer Brennnessel an. Reflexartig fuhr meine Hand dorthin und siehe da, trotz Hut robbte zwischen Hals und Kragen munter und fidel eine kleine Raupe umher. Anders als bei einer Nessel war der Schmerz nicht anhaltend, sondern nur spürbar bei Berührung der empfindlichen Haut am Hals mit der Raupe. Erstaunlich, über welche wirksamen Abwehrmechanismen so kleine wehrlose Kreaturen doch verfügen, nicht wahr, man möchte sich gar nicht ausmalen, wie entsetzlich und abscheulich dieser für mich recht kleine Schmerz auf der winzigen aber um so sensibleren Zuge eines Vogels wirkt.

Was mich zu einem interessanten Radiobeitrag führt, dem ich vorgestern Nacht unterm Baum lauschte. Zusammengefasst und sinngemäß haben Forscher belegt, dass einige giftige Nachtfalterarten für den Menschen unhörbar im Ultraschallbereich Warnrufe aussenden, die ihre Fressfeinde, insbesondere die Fledermäuse, davon abhalten, sie zu verzehren. Vorsicht, giftig! Das alleine finde ich schon bemerkenswert. Die Warnrufe hatten die Forscher durch Frequenzanpassungen für den Menschen hörbar gemacht, ideal fürs Radio, sie waren also auch zu hören. Leider kam der Journalist nicht auf den Gedanken, mal nachzufragen, wie bzw. mit welchem Organ die Nachtfalter dies bewerkstelligen. Sei's drum, WDR halt.

Geradezu faszinierend war dann aber die im Zuge dieser Forschung gewonnene Erkenntnis, dass auch einige vollkommen harmlose Nachtfalter, die ihren Räubern bekömmlich und für sie äußerst schmackhaft wären, dreist lügen, indem sie dieselben Ultraschall-Warnrufe aussenden wie ihre giftigen Kollegen.

Was lernen wir daraus? Der Evolution oder der Natur sind edle Ritterlichkeit oder moralische Vorbildhaltungen völlig egal, was zählt, ist einzig das Überleben um jeden Preis. Solltest du also deinen Partner oder deine Partnerin demnächst wieder mal beim Lügen ertappen, sei ihr/ihm nicht böse, denn er/sie erfüllt damit lediglich den biologischen Auftrag, den größtmöglichen Vorteil aus einer Situation zu erzielen. Lug und Trug sind dabei gleichberechtigte und wirksame Werkzeuge der Natur. Ich würde mir in einem solchen Fall dann viel eher Gedanken darüber machen, weshalb ich bei meinem lügenden Gegenüber scheinbar instinktiv als ein Fressfeind wahrgenommen werde.

Einen nachdenklichen gleichfalls augenzwinkernden Start ins Wochenende wünsche ich.

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