Dienstag, 13. März 2018

Serien-Tipp: "Jessica Jones"

Eine Serie, 26 Folgen, in der erstens Frauen die Hauptrollen spielen, die zweitens überwiegend von Regisseurinnen inszeniert wurde und deren Drehbücher drittens mit wenigen Ausnahmen ebenfalls von Autorinnen stammen, so etwas gibt es nicht, meinst du? In der noch dazu keine bloßen männlichen Fantasien umgesetzt werden, sondern die intelligent, spannend und vielschichtig ein menschliches Bild widersprüchlicher Weiblichkeit darbietet, facettenreich, psychoanalytisch, gesellschaftskritisch - nein, so etwas sei unmöglich, glaubst du? In der gleichsam funkensprühende Kreativität und augenzwinkernder Humor neben einer actionreichen bunten Erzählung zu Hause sind, und in der es in knapp 22 Stunden Spieldauer nicht eine einzige Sekunde Langeweile gibt - all das sei definitiv unmöglich, denkst du?

Ausgerechnet die für trashige Comic-Visualisierungen bekannte "Marvel-Filmproduktion" erschafft mit "Jessica Jones" eine bisher nie dagewesene Serie dieser bemerkenswerten Klasse. Meines Erachtens gibt es nichts besseres auf dem Serienmarkt, anderes oder gleich gutes, ja, natürlich, aber "Jessica Jones" steht, ob nun alleine oder nicht, auf oberster Stufe der Perfektion. Diese Serie bietet für alle Bildungsschichten im selben Maße gelungene Unterhaltung, nein, sie bietet großes Kino.

Gleich vier herausragende Darstellerinnen tragen dieses Schauspiel: Rachael Taylor als "Trish 'Patsy' Walker", Carry-Anne Moss als Rechtsanwältin "Jeryn Hogarth", Janet McTeer in der zweiten Staffel als Mutter von "Jessica Jones" und allen voran brilliert Krysten Ritter in eben der titelgebenden Hauptrolle der Antiheldin "Jessica Jones".

Die Serie besteht aus zwei zentralen Handlungssträngen, einen der ersten und einen der zweiten Staffel. Während in der ersten Staffel noch deutlich die Fans der Marvel-Comic-Verfilmungen bedient werden, erweitert sich das inhaltliche Spektrum der zweiten Staffel in ein Universum der menschlichen Psyche, die uns Zuschauer/-innen mit all ihren positiven wie auch negativen Erscheinungsformen konfrontiert. Themen wie Süchte aller Art, Macht, Altruismus, Egoismus, Anpassung an gesellschaftliche Normen versus Identitätsfindung aller Widerstände zum Trotz sind genauso wesentliche Bestandteile der Geschichte wie ihre missbräuchlichen Entwürfe, wie Eltern-Kind-Konflikte, wie Gewalt oder die geschlechtliche Identifikation. Doch keine Sorge, hier findet ein spielerischer Umgang mit diesen Themen statt, kein Ideologie- oder Psychologiegewäsch; und immer dann, wenn der Zusehende glaubt, "ach, nein, doch jetzt nicht etwa das", wischt die Hauptdarstellerin in ihrer derben aber sympathischen Art all solche Befürchtungen bereits im Ansatz vom Tisch.

Großartig spielt Krysten Ritter die Rolle der seelischen Zerrissenheit, entlarvt etliche gesellschaftlich oder psychologisch erwartete und als vernünftig geltende Verhaltensmuster als künstliche Schablonen, die ungeeignet für sie selber und also untauglich als allgemeingültige Verhaltensrezepte sind. Sie verkörpert in einer oscarpreiswürdigen Darbietung eine vielfach innerlich und äußerlich geschundene Frau aber nicht ohne dabei ihren einzigartigen humorvollen Sarkasmus zu verlieren; und genau das lässt sie bei aller Ernsthaftigkeit und selbst bei ihren "bösen" oder rüpelhaften Handlungsweisen um so einnehmender beim Publikum erscheinen - sie hält uns allen den Spiegel vor.

Überhaupt muss man auch viel schmunzeln bei der Serie, denn der augenscheinliche Spaß aller an der Produktion Beteiligter ist auf Anhieb zu erkennen. Sogar die Nebenrollen sind fein gezeichnet und glänzen durch ein hohes Maß exzellenten Könnens ihrer Darstellerinnen und Darsteller, was somit von A bis Z der gesamten Serie zur Bravour gereicht.

Bildsprache, Musik, Licht, Maske und Ambiente erschaffen eine Atmosphäre wie in Kriminalklassikern des "Film noirs", deren Flair mich persönlich in einer kaum beschreibbaren Anziehungskraft schon immer in den Bann gezogen hat. Einstellungen, zum Beispiel Bar-Szenen, in denen die Hauptdarstellerin alleine im schummrigen Zwielicht an einem langen Holz-Tresen vor ihrem Glas sitzt, wirken beinahe wie aus Gemälden Edward Hoppers entsprungen. Faszinierend. Fesselnd. Genauso ist der Vorspann aller 26 Folgen ein grafisches Kunstwerk und lässt in wenigen Sekunden den Zauber erahnen, den die Serie zu offenbaren bereit ist.

Darf ich aus Shakespeares "Richard III." ein Zitat abwandeln oder würde das arg kitschig klingen? Ein Königreich für eine dritte Staffel!

Kommentare:

  1. Überzeugt und auf der Liste hinzugefügt!
    Mit "Collateral" sind wir noch nicht durch, weil schon mal Fußball geschaut wird, oder "Big Bang Theory" oder, ich gestehe, "Genial daneben". Hugo Egon Balder hat es mir angetan. Leichte Kost die Spaß macht.

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    1. Na denn viel Spaß mit dem ollen Hugo Egon. Wusste gar nicht, dass das wieder läuft. Habe meinen DVBT2-Receiver komplett abgestöpselt.

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