.

.

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Serientipp: "Anne with an E"

Aus einem Synonymlexikon habe ich etliche Begriffe für "großartig" herausgeschrieben, damit nicht meine kurze Rezension vor lauter Wortwiederholungen nur so strotzt, denn die Serie "Anne with an E" ist als positive und vergnügliche Unterhaltungsserie meisterhaft in Szene gesetzt. Bei ihr stimmen die Darsteller, das Drehbuch und die Regie.

Das Drehbuch verführt leicht zur Annahme, eine der üblichen Kitsch-Serien geboten zu bekommen, das ist aber ganz und gar nicht der Fall. Die vermeintlich als einfach empfundene Erzählung wird durch die ausführliche Darstellung der beiden komplexen aufeinanderprallenden Hauptcharaktere zu einem schwungvollen Serien-Event. Dabei handelt es sich einerseits um die quirlige, hochintelligente und mit viel Fantasie begabte 13-jährige Waise und Adoptivtochter der andererseits resoluten, sich allgemein den Gefühlen verweigernden älteren Farmbesitzerin. Diese beiden weiblichen Figuren tragen überwiegend die gesamte Serie und werden durch Amybeth McNulty als die Waise Anne Shirley sowie Geraldine James als Farmerin Marilla Cuthbert glänzend verkörpert; unnachahmlich in ihrem Ausdruck, virtuos in ihrer Darstellungskunst und köstlich als nicht allzu strenge Wärterinnen ihres Schalks, der immer mal wieder deutlich lächelnd über ihre Schultern blicken darf. Sei es durch feine Ironie, wortgewandte Spitzfindigkeit oder durch die deutlich spürbare gegenseitige Zuneigung, die selbst hinter der Maske einer an den Lebensnotwendigkeiten abgehärteten und unverheiratet gebliebenen Farmersfrau zum Vorschein kommt.

Auch alle anderen Schauspielrinnen und Schauspieler sind bis in die kleinste Nebenrolle hervorragend besetzt und unterstützen trefflich durch ihr Äußeres und ihre Schauspielkunst selbst bei dramaturgischen Spannungsbögen diese Geschichte des Positivismus und der Zuversicht. Nicht eine Sekunde erschien mir irgendetwas an ihnen und ihren Rollen unglaubwürdig, albern oder als zu dick aufgetragen.

Dass dies alles so perfekt ineinanderpasst, ist der Regie zu verdanken. Hier werden genau die richtigen Momente eingefangen, die emotionales Kino erfordert, ob Nahaufnahme, Bildausschnitt oder Gesamtübersicht. Dabei verblüfft mich im Nachhinein, dass das Filmset im Prinzip ein einfaches und preisgünstiges ist - das fällt aber gar nicht auf, erst wenn man sich Gedanken darüber macht. Es sind keine millionenschweren Kulissen erforderlich, um dennoch glaubwürdig und fehlerfrei eine Welt vor rund 130 Jahren abzulichten.

Die Serie wurde von Frauen erstellt: der zugrunde liegende Roman, das Drehbuch, die überwiegende Regiearbeit. Daher verwundert nicht, dass Männer in dieser Serie eher die schlichteren Gemüter sind. Dies wird aber nicht negativ im Sinne einer Abwertung des männlichen Geschlechts erzählt, sondern mit erstklassigem hintergründigem Humor. Und zwar solcherart, dass ich als zusehender Mann nur konsternieren kann: "Ja, stimmt schon. Genau so ist es in Wahrheit". Die intelligenten Menschen dieser Serie sind die Frauen, die durchaus liebenswerten aber recht einfach gestickten Wesen sind Jungen und Männer.

Wie du in meinen laienhaften wenigen Worten lesen kannst, verrate ich vom Inhalt nichts. Eines aber ärgert mich zutiefst, nämlich dass der Cliffhanger mit Abschluss der 1. Staffel ein kaum zu ertragendes Warten auf die Fortsetzung bedeutet aber diese 2. Staffel erscheint erst irgendwann 2018 - furchtbar!

Noch ein Wort zu anderen Rezensionen: Wie im abgehobenen deutschen Kulturbetrieb typisch wird zwischen ernster und unterhaltender Kultur unterschieden. Wenn also ernste "seriöse" Kritikerinnen und Kritiker diese Serie positiv hervorheben, so können sie es dennoch nicht lassen, zu erwähnen, dass es sich hierbei eigentlich um ein Kinderbuch, eine Kinderserie usw. handelt - dem widerspreche ich mit Nachdruck: das ist falsch und unwahr. "Anne with an E" ist als Kinderserie wahrscheinlich sogar völlig untauglich. Kein Mensch ohne Lebenserfahrung versteht den vielen Hintersinn, den diese Serie geradezu in Vollendung ausmacht. Kinder und Jugendliche werden gelangweilt von der Serie Abstand nehmen. Der Roman ist überdies nie als ein Kinderbuch geschrieben worden. Es ist schlicht und ergreifend die übliche Arroganz derjenigen, die Kultur nur in Zusammenhang mit Problemen, Brutalität, dem Bösen oder sonstigem Negativen betrachten. Tod und Elend in Nahaufnahmen werden um so höher als Kulturereignisse gelobt, je abscheulicher und detailgetreuer sie verfilmt werden, Harmonie hingegen oder eine positive Weltsicht wird schnell als seichte Unterhaltung abgestempelt oder, wie hier, leichtfertig als "Kinderbuch auch für Erwachsene" herabgewürdigt. Diese Serie ist von Erwachsenen für Erwachsene produziert worden - ich schränke ein: für intelligente Erwachsene.

Es gäbe noch eine Menge mehr zu dieser Ausnahmeserie zu schreiben, doch dann müsste ich ihren Inhalt erwähnen, was ich eben nicht möchte. Lass dich von "Anne with an E" überraschen. Persönlich finde ich, dass man eine Serie dieses Genres nicht besser herstellen kann, denn hier passt einfach alles. Daher bekommt sie von mir die höchste Bewertung: Erstklassig - oder um nun endlich meine Synonymsammlung zu bemühen: vorbildlich, Aufsehen erregend, auserlesen, bedeutsam, ausgesucht, delikat, brillant, exquisit, eindrucksvoll, exzellent, einzigartig, erlesen, hervorragend, fein, überragend, köstlich, kostbar, beispiellos, blendend, hochwertig, glänzend, mustergültig, fabelhaft, überwältigend, optimal, grandios, perfekt ...

Kommentare:

  1. Haben wir gerade zu Ende geguckt und waren ebenso angetan wie du!
    Dass die Männer als schlichte Gemüter abgebildet sind ist doch der Wirklichkeit abgeschaut, oder;-)?

    Ich bin jetzt wieder auf der Suche, aber einiges scheitert an den leidigen Untertiteln (The Indian Detective, Wermut).

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Haha, jajaja, so ist es wohl, so soll's wohl sein :-)

      Ohne Untertitel finde ich die beiden Serien ebenso noch nicht. Wurden sie denn schon synchronisiert? Jedenfalls werden sie wohl Anfang des Jahres für uns verfügbar sein. Momentan schaue ich einiges aus der Konserve. Ist doch die richtige Entscheidung, vieles zu behalten. Weniger Serien als Filme. Habe vorgestern und gestern "Frances Ha", "Tallulah", "Can a Song Save Your Life" und "Sunshine Cleaning" wiedermal gesehen. War richtig gute Unterhaltung. Werde mich die Tage an lange Western wagen. Tja, gute alte externe Festplatten, außen dicke Staubschicht, innen unendliche Geschichten.

      Löschen
  2. hi bruderherz, die serie hat was. am anfang ginge mir dieses ständige reden des mädchens ziemlich auf die nerven, aber dann. stimme dir zu, gut gemacht, klasse schauspieler, handwerklich fast perfekt - wäre da nicht der fauxpas am ende der 6. folge. macht lust auf mehr.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. na, das rechte rücklicht von einem suv ist zw. den bäumen deutlich zu sehen. hälst du den film an, kannst du sogar den suv schemenhaft erkennen... ca. 1 - 2 min. vor ende.

      Löschen
    2. Tatsächlich! Hab's gesucht und bei Minute 42:39 gefunden. Haha, ein klassischer Filmfehler. Sollte eigentlich nicht passieren, wäre auch ein Leichtes gewesen, ihn nachträglich wegzumachen, hamse halt übersehen. Danke für den Hinweis.

      Als Film- oder Serienproduzent würde ich extra zum Aufspüren solcher Unachtsamkeiten jemanden zur Nachschau einstellen. Jaja, das Geld ist immer knapp, ich weiß, aber ein Studentenjob dafür sollte eigentlich drinsitzen. Nun, auch die oder der wäre allerdings nicht fehlerlos. Andererseits fällt so ein Fehler bei Außenaufnahmen in einer schwarz-weißen Winterlandschaft doch bitteschön auf - beim Dreh, beim Schnitt, im Nachhinein ist das kaum zu verstehen.

      Du hast aber doch noch Adleraugen, Markus.

      Löschen
  3. So Festplatten sind hier nicht, also bin ich am Stöbern.
    Ob "The Indian Detective" jemals synchronisiert wird weiß ich nicht. Auf Netflix ist die Serie in OV mit Untertiteln. "Wermut" als Doku auch. "Narcos" wechselt ständig zwischen OV mit UT und deutscher Sprache hin und her. Mir gefällt das sehr (auch bei "The Americans" - neue Staffel ab 1.1.), aber wenn der eine Zuschauer es nicht lesen kann, fällt es halt weg.
    Ich werde heute mal mit "Peaky Blinders" beginnen.
    Neu auf Netflix: "Occupied", "La Mante", "Black Mirror" Staffel 3...ich poste dann mal weiterhin die Empfehlungen die alle paar Tage hier aufscheinen.

    In der letzten Folge "Anne with an E" habe ich die letzten Minuten noch einmal angeschaut, aber den SUV konnte ich nicht entdecken.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Nicht die letzte, die vorletzte Folge. Ist natürlich kein schlimmer Fehler aber Fehler ist halt Fehler. Wenn jetzt allgemein so getan wird, als sei eine kleine Unachtsamkeit nicht wichtig, dann werden sich immer mehr solcher Fehler bei kommenden Produktionen einschleichen. Das sage ich nur an die Mitlesenden gerichtet, nicht an die leidenschaftlichen Film-Fans wie uns, wir wissen das. Fehler geschehen immer, wir sind Menschen, aber sie dürfen nicht geschehen, wenn wir perfekt sein wollen. Und dieser Anspruch hat jede und jeder Filmschaffende, sonst sollte er/sie es von Beginn an bleiben lassen und einen anderen Beruf wählen. Hart aber wahr. Also grundsätzlich, meine ich.

      Danke für deine Tipps, liebe Barbara. Die sind mittlerweile für mich unverzichtbar! Viel wichtiger als Medien-News. Du weißt ja, wenn du das mit dem VLC-Player irgendwann zur Zufriedenheit hinbekommst, sag Bescheid, dann überschütte ich dich mit virtuellem Lohn für deine Empfehlungen :-)

      Löschen

Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquide über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.