.

.

Sonntag, 9. April 2017

Über die Sucht nach News

Es ist schon eine richtige Entscheidung gewesen, mich konsequent den täglichen News zu verweigern, denn so viel halte ich nervlich einfach nicht aus. Auch vor 30 Jahren geschahen schlimme Dinge in fernen Ländern, doch wird heute durch die weltweite Vernetzung jedes Ereignis irgendwo auf der Welt unmittelbar und in der Art beschrieben, als hätte es nebenan in unserer Nachbarschaft stattgefunden. Dazu äußern sich dann unendlich viele Menschen, oft solche, die wir auf der Straße bei einer persönlichen Begegnung nicht mal im Entferntesten ernst nähmen.

Von der Terrortat in Schweden hatte ich nichts mitbekommen, wozu auch? Ändert mein durch eine Live-Berichterstattung erworbenes Wissen etwas an den Umständen? Durch eine wöchentliche Zusammenfassung der Geschehnisse erspare ich mir die komplette Hysterie und all die aufgeregten Spekulationen, was wiederum dann bei mir zu einer deutlich besonneneren Beurteilung dieser Nachrichten führt. Wozu muss ich minuten-aktuell über Dinge informiert sein, die ich nicht beeinflussen kann und die keine unmittelbaren Auswirkungen auf unser Leben haben? Gerade der letzte Punkt der Auswirkungen wird bedenklich, wenn die Hysterie dafür verantwortlich oder mitentscheidend ist.

Was in den Medien immer öfter stattfindet, das sind virtuelle pogromähnliche Verhaltensweisen: jemand ruft eine entsetzliche Meldung einer schlimmen Tat in einem fremden Land in die heimische Menge der Smartphone-News-Apps, die Meldung wird kopiert und aufgebauscht, es wird hinzugedichtet, bis dass die aufgebrachte Menschenmenge ihre Wut und Angst in die virtuellen Kanäle der sozialen Medien entlädt. Andererseits wird zum Beispiel das reale über Wochen und Monate aufgeschaukelte Mobbing gegen jüdische Schulkinder an unseren Schulen von der Öffentlichkeit nicht oder nur kaum zur Kenntnis genommen. Absurd, nicht wahr.

Dieser Tagebucheintrag ist kein Plädoyer, der Metapher des Vogel Strauß zu entsprechen und den Kopf in den Sand zu stecken. Auch ich bleibe nicht uninformiert und verweigere mich nicht den Neuigkeiten, aber wir alle könnten vielleicht einmal diskutieren, inwieweit die Sucht nach schnellen und immer schnelleren News nicht eventuell pathologische Ursachen hat. Wie bei anderen Süchten auch, wird etwas kompensiert oder es wird von etwas abgelenkt, das man nicht sehen will, und dabei helfen die vielen kleinen und großen täglichen Aufreger beinahe genauso gut wie "Mutters bunte Glücklichmacher".

Hysterie als Drogenrausch einer neuen Sucht nach News, millionenfach geteilt in einer virtuellen Welt, in der sie gleich eines immer schriller ansteigenden hohen Pfeiftons über kurz oder lang das Hirn zum Bersten bringt. 

Medienkompetenz bedeutet nicht allein das Aussieben, Beurteilen und Bewerten von Nachrichten und Informationen, es fordert gleichermaßen eine Mengenbegrenzung täglich aufnehmbarer Meldungen. Und deshalb ist für mich auch mit Ende dieses Eintrags Schluss für heute. Ich fahre die Rechner herunter und schalte das TV erst gar nicht ein. Es ist Sonntag, die Welt dreht sich am Montag kein Deut anders als heute - und überdies ist gerade und deutschlandweit das Wetter deutlich frühlingshafter und sonniger als morgen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen