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Montag, 13. März 2017

Altersdemenz in seiner lustigen Form

Die DVB-T2-Zeit rückt unaufhaltsam näher. Man kann schimpfen wie man will, sich ihr verweigern oder nicht, für sie bezahlen oder nicht - es ändert sich dadurch nichts. Also wurden gestern zwei neue Empfänger für meine alte Mutter bestellt, fürs Wohn- und Schlafzimmer. Einfache Geräte ohne Schnickschnack, die hoffentlich problemlos funktionieren werden. Es soll durch sie nur der Empfang der öffentlich-rechtlichen Sender gewährleistet sein, die privaten kann meine Mutter nicht ausstehen, da haben wir etwas gemeinsam. Im Laufe unseres Gesprächs thematisierte ich noch die alternative Möglichkeit der Anschaffung zumindest eines neuen Fernsehers, was sie aber strikt ablehnte, dann fiel der Satz:

"Du hast ja auch so viele."

"Was? Fernseher?", fragte ich und fügte entrüstet hinzu: "Du weißt doch, ich habe einen einzigen und der steht oben".

Zur Erklärung, bei meiner Wohnung handelt es sich um eine Maisonette, zu der sie für alle Fälle einen Reserveschlüssel besitzt. 

"Du hast ganz viele unten, die sehe ich doch immer, wenn ich hineinkomme und du noch schläfst. So ganz große, schöne und bunte, die schaltest du nie aus, was das an Strom kostet; die kannst du doch ausschalten, wenn du noch im Bett liegst".

Da konnte ich vor Lachen nicht mehr an mich halten, denn die vielen bunten Fernsehgeräte sind die größtenteils von ihr selber gemalten Bilder an den Wänden meines TV-freien Wohnzimmers, schau:
 
Viele große bunte Fernseher

Wobei, wenn man mal überlegt, so ganz falsch liegt sie bei den Bildern mit einem Fern-Sehen ja nicht. Nur lassen die sich halt schlecht ausschalten.

Kommentare:

  1. Ist ja fast wie im Museum bei dir. Malt deine Mutter nur zum eigenen Vergnügen oder gab es auch Ausstellungen?
    Schön, dass es auch amüsante Formen der Demenz hat.
    Grüße in die noch junge Woche.

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    1. Och, da stehen noch einige im Bilderregal, die im Wechsel aufgehängt werden. Immer wenn sie zu lange dort ungesehen verharren müssen, beginnen sie mich zu rufen, fordern ihr Recht, nun endlich wieder zur Betrachtung freigegeben zu werden. Bilder wollen an die Wände gehängt werden, es ist ihr Lebenssinn.

      Im ernst, ja es sind viele Bilder in meiner Wohnung. Oben genauso. Nicht alle von meiner Mutter aber überwiegend. Sie hat vor über 10 Jahren mit dem Malen aufgehört, seit dem keinen Pinsel mehr angerührt. Vorher hat sie seit ihrer Kindheit immerzu gemalt, hatte ein paar wenige lokale Ausstellungen und vereinzelt im Zeitraum von 60 Jahren heuchelten ein paar wenige Menschen Interesse an einem Bild aber in Wahrheit wollte man ihr zu gefallen auch mal ein Bild abkaufen. Geschenke in Form von Bildern innerhalb der Verwandtschaft landeten nicht selten auf dem Müll (von dem ich schon einige hervorgeholt habe, die jetzt irgendwo in der Wohnung bei mir hängen), ansonsten mochte nie jemand ihre Bilder leiden - außer ich: so sehr ich meine Mutter meist auch nicht ausstehen kann, ich muss es so bekennen, alles andere wäre gelogen, um so mehr mag ich aber ihre Bilder leiden, sehr sogar. Jaja, ist halt so'n psychologisches Kompensations-Ding und viel zu umfangreich, hier erörtert zu werden.

      Und mal ehrlich, eine Reise durch die verschiedenen "Fernsehprogramme" dieser Fernseher an der Wand ist schon erheblich interessanter, unterhaltsamer und anregender als all das, was uns auf den elektronischen Kanälen geboten wird. Vielleicht sollte ich mal ordentlich Staubwischen und dann Eintritt verlangen? ;-)

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  2. Staubwischen? Lothar Günther Buchheim, dem man ein Museum für seine gesammelte Kunst errichtete (ein Wuthaferl, du erinnerst dich) sagte einmal: "Wie ich diese Sch****Weiber hasse, mit ihrer Staubwischerei".
    Mit Müttergeschichten kenne ich mich auch aus. Um meinen Frieden zu machen, habe ich mich einige Jahre auf die Couch gelegt. Ich habe eine jüdische Freundin und sie sagt, die jiddischen Mamme seien die furchtbarsten (zumindest ihre ist es tatsächlich). Schmeissen wir das Thema schnell in den hintersten Schrankwinkel.

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    1. Jajaja, die lieben Juden mal wieder, in ihrer jahrtausendealten Geschichte besitzen sie für jede Lebenssituation die passende Weisheit. Das macht halt Erfahrung aus.

      Wobei das auch wieder recht lustig ist, denn meine Mutter ist eine Antisemitin, wie sie im Buche steht, also nicht bösartig, so aber als ein kindliches Überbleibsel der Nazi-Zeit, mit ihr und durch sie als Kind geprägt, und was in Zeiten ihrer Altersdemenz heute mehr und mehr in Form vereinzelter schon wieder absurd komischer Kommentare aus ihr herausplatzt. Hinzu gesellt sich ihre Frustration, dass sie unsere verborgene jüdische Abstammung väterlicherseits nie endgültig durch Verschweigen und Verdrehen aus der Familiengeschichte tilgen konnte. Mutter und Bruder meines seit Jahrzehnten verstorbenen Vaters lebten in einem von der Familie größtenteils abgeschotteten gemeinsamen Haushalt. Die Homosexualität des Bruders wurde ebenfalls erfolglos aber mit Vehemenz um die 60 Jahre lang verleugnet. Nach dessen Tod 2012 mussten wir seinen Haushalt in seinem großen Haus auflösen, was demzufolge einiges an Abstammungshinweisen und uralter bis vor und in die Nazi-Zeit zurückreichender Dokumente offenbarte. Leider ist meine Mutter heute zu dement, davon irgendetwas zur Kenntnis nehmen zu können, doch auch bereits 2012 hatte sie sich schlichtweg geweigert, irgendetwas vor einem bestimmten Zeitpunkt (den ich bis heute nicht genau ausmachen kann, also nicht verstehe) anzunehmen: "Ich will davon nichts wissen!" Die Leugnung ihrer eigenen Jugend bzw. jungen Erwachsenenjahre geht so weit, dass sie sich schon 2012, also noch vor der Altersdemenz, selber auf Fotos nicht mehr wiedererkannte: "Wer ist die junge Frau?" Sie war's. "Zeige mir nicht mehr diese Fotos! Was tut ihr mir an! Ich konnte Nächte lang nicht schlafen. Davon will ich nichts mehr sehen!". Weinend und derart verzweifelt war sie, dass jeder ihre Qual glaubte zu erkenne und niemand mehr weiter nachbohrte - wenngleich ich meine Mutter gut kenne und behaupte, dies war alles perfekt inszeniertes Theater vielleicht auch nur, um sich selber davon zu überzeugen - aber sei's drum.

      2012 hatte ich lange überlegt, wie und ob überhaupt unsere Familienvergangenheit aufgearbeitet werden kann oder überhaupt soll. Für wen? Die ehemals große Familie ist seit Jahrzehnten zerrissen. Und väterlicherseits gibt es nur noch meinen Bruder und mich mit ein wenig Interesse. Wir sind ja nun auch schon älter, die

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    2. jüngeren sind in alle Himmelsrichtungen verstreut wie das Herbstlaub im Wind der Zeit und leben längst in neuen eigenen Familien mit in gewisser Weise angepassten Identitäten. Ein weites Feld.

      Es ist nun mal tatsächlich leider so, dass für gewöhnlich das Interesse an der eigenen Herkunft maximal zwei Generationen zurückreicht. Was beispielsweise eine Familie tat, aus wem sie bestand 1736 oder gar 1397 interessiert heute nicht mehr. Also ab dem 18. Jahrhundert existieren zwar mehr und mehr Aufzeichnungen über viele Familien-Vorfahren und wer sich dafür interessiert, der fände für die Seinen vielleicht auch etwas, aber diese Arbeit einer Ahnenforschung betreibt kaum jemand (ich auch nicht!), da der Aufwand zum daraus gezogenen Nutzen in keinerlei Verhältnis steht - oder schlicht, weil's heute niemanden wirklich interessiert. Vater/Mutter, Oma/Opa eventuell noch einen Onkel oder eine Tante, das war's im Großen und Ganzen. Und das muss ja immer pro neuer Familie mal vier genommen werden, that's to much.

      Vielleicht ist es aber auch gar nicht so falsch, sich von dem von Generation zu Generation stetig anwachsenden Wust, vom Ballast anderer, den emotional nicht mit einem selber verbundener Menschen zu lösen, denn ein Zuviel der Vergangenheit birgt auch die Gefahr, die eigene Entwicklung zu hemmen, keine selbstständigen neuen Wege mehr beschreiten zu können. Was nutzt es jemandem heute zu wissen, dass in den Bauernkriegen des Mittelalters ein Verwandter durch einen armen Landsknecht niedergemetzelt worden war oder umgekehrt, ein Vorfahr als Söldner einer Armee irgendeines deutschen Fürsten oder Herzogs im 30-jährigem Krieg dabei war, das Land zu verwüsten, ganze Dörfer und Menschen zu vernichten, um genug Nahrung zum eigenen Überleben zu beschaffen? So etwas ist für einen 18-jährigen oder eine 18-jährige heute tatsächlich Ballast ihres jungen Lebens, erst recht bei der Neugründung ihrer eigenen Familie.

      Die vielzitierte Lebensweisheit, nur wer seine Wurzeln kenne, lerne sich selber kennen oder erführe auch etwas über sich, klingt nett und logisch, ist aber so hirnrissig und unlogisch, dass man ihr eigentlich kaum auf den Leim gehen kann. Demnach kennen 7 Milliarden Menschen sich selber nicht genug. Man muss das mal gedanklich durchspielen, denn dann erst sieht man, was das für ein Bullshit ist. Unser Verhalten ist nicht genetisch festgelegt, Intelligenz vererbt sich nicht. Unsere Leben sind immer unbeschriebene neue Blätter, ob das anderen passt oder nicht.

      Was für ein weites Feld, liebe Barbara. Aber den Lothar, den Buchheimischen, den verehrte ich ja sowieso für seinen dickköpfigen, kratzbürstigen und ehrlichen Charakter. Mit einem solchen Staub-Zitat bekommt er endgültig seinen Ehrenplatz in meiner persönlichen Walhalla.

      Einen schönen Montag noch. Die Sonne scheint, die Luft schmeckt nach Frühling :-)

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  3. Was du beschreibst, wie deine Mutter auf ihre Fotos reagiert hat, das waren die ersten Anzeichen einer beginnenden Demenz. Du weißt, ich hatte auch eine demente Mutter. Ich habe nicht erkannt, was mit ihr los war. Lange konnte sie Besuch und Ärzte täuschen. Bis dann eine neue Ärztin in ihre Praxis kam, die die Zeichen sofort richtig deutete. Es war eine schlimme Zeit, in der ich regelmäßig mehrere hundert Kilometer pendelte und zusätzlich großen Stress mit einer Immobilie im Osten hatte. Ich hatte Angst, wir würden unter der Brücke landen. Jahre und einige Anwälte später habe ich uns dann alleine rausgeboxt und danach kam ein Zusammenbruch. Ich war lange in einer Reha und bin dann mit Hilfe einer wunderbaren Analytikerin wieder zu mir gekommen. In der Zeit war meine jüdische Freundin (Neurosen!) für mich ein gutes Übungsfeld;-)
    Ich bin in meiner Kindheit und mehr noch meiner Jugend, von meinen Eltern nicht gut behandelt worden. Ihnen das zu verzeihen, ist mir mit Hilfe der Analyse gelungen. Im übrigen sehe ich es genau so. Was soll ich mit den ganzen alten Stammbüchern, Briefen und Fotos. Fast alles habe ich entsorgt und damit auch die schlechten Erinnerungen, die Verdrängungen und ja, auch den Antisemitismus den es in meiner Familie genauso gab. Obwohl auch da jüdische Wurzeln vorhanden sind (mein ursprünglicher Nachname deutet darauf hin).
    Irgendwo verstreut im Osten leben noch Nachkommen elterlicher Geschwister. Aber ich interessiere mich nicht für sie und forsche nicht nach ihnen. Mir sind Wurzeln auch egal.
    Wahlverwandschaften sind mir lieber, aber auch die bitte nicht zu dicht auf der Pelle. Bin halt Einzelgängerin und habe ebenso einen geheiratet. Einen Familienmensch hätte ich nicht ausgehalten.
    Weites, sehr weites Feld.

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    1. Genau so. Ich glaube, wir sind uns ziemlich ähnlich, ja, fast schon beängstigend gleich. Beängstigend? Na, ich meine, daran sieht man vielleicht, wie sich alles unabhängig von Sozialisation, Erbgut und Ort mitunter gleicht. Man könnte beinahe annehmen, das Leben als solches sei ganz einfach strukturiert, gar nicht so kompliziert wie oft behauptet wird. Wir sind uns alle viel ähnlicher als wir denken.

      Naja wer weiß. Jedenfalls verstehe ich dich haargenau. Die Kisten und Kartons mit den Fotos und Papieren sind bei mir noch nicht ganz verschwunden aber schon von drinnen, vom trockenen Söller, in den feuchten Schuppen verfrachtet worden. Ich denke mal, nicht mehr lange, dann werden auch sie entsorgt. Vielleicht wird es bei Mutters absehbarem Ende der Fall sein, ich weiß es nicht, würde aber Sinn machen.

      Du hast recht, eigentlich ist das alles egal. Stellen wir uns jetzt die Welt in exakt, na, sagen wir mal 674 Jahren vor: kein Mensch weiß dann noch etwas von unserer Existenz. Und falls faktisch doch irgendwoher, ich meine rein theoretisch, dann wären wir keine Erinnerungen, sondern lediglich Fakten ohne jedes Gefühl, wie zum Beispiel Baumeister XY hat den Dom in YZ 1143 erbaut. Und? Man weiß nichts von seinen Gedanken, seinem Alltag, seinen Gefühlen, seinem Glück, seinem Schmerz, von den Träumen, Erfolgen, dem Scheitern, den Gedanken dieser Menschen. Man weiß nur, aha, es hat einen XY gegeben.

      In Stein gemeißelte Dinge oder Botschaften überdauern Ewigkeiten, sagt man. Die komplette Erde inklusive aller Steine hat nur eine begrenzte Haltbarkeit. Wir wissen heute bereits, dass das Erden-Leben in seiner Gänze aufhören wird zu existieren. Die Sonne wird zur Supernova und das war's dann, die Galaxie wird mit der Nachbargalxie verschmelzen und die dann ebenso mit weiteren bis dass alles irgendwie irgendwann in schwarze Löcher verschwindet. Fremde Kulturen auf fernen Planeten werden nie etwas von der Erde erfahren, so wie wir von vergangenen Zivilisationen auf den Planeten, die längst nicht mehr als Planeten vorhanden sind, auch nie etwas erfahren werden. Geschweige denn von einem einzelnen Lebewesen. Wir sind so klein und unwichtig wie zwei ganz bestimmte Ameisen in einem Ameisenhügel irgendwo in Asien vor vielleicht 5473 Jahren. Wir wissen heute, es hat Ameisen gegeben zu jener Zeit, aber an zwei bestimmte ist faktisch nicht mehr denkbar.

      Das Bisschen Vergangenheit unserer begrenzten Wahrnehmung ist also wirklich wurscht und man sollte sich die Gegenwart davon absolut nicht versauen lassen. Ja, du hast vollkommen recht, mit dem, wie du dein Leben führst. Ich seh's genauso.

      PS: Jemand, die/der hier mitliest, denkt bestimmt, wir spinnen ;-)

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquide über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.