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Mittwoch, 15. Februar 2017

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt

Sebastian beschreibt in seiner wunderbaren Glosse "Wenn die Dampfe teuer furzt" humorvoll seinen Gemütszustand, der exakt in dieser Art auch meiner ist. Darüber hinausgehend empfinde ich die fehlgeleiteten Reaktionen der Dampfcommunity auf den Regulierungswahn der Behörden am schlimmsten und peinlichsten. Wie meine ich denn das?

Ideologisierte oder korrupte Politiker beschließen, da sie über das Thema "E-Dampfen" keinen eigenen Sachverstand besitzen, sinnfreie Gesetze und Verordnungen. Statt nun diese Regeln zu ignorieren oder bewusst gegen sie zu verstoßen, werden sie von der Dampfcommunity einfach als gottgegeben hingenommen. Es folgen alle möglichen Verrenkungen, ihnen einigermaßen zufriedenstellend zu entsprechen. "Wir müssen so handeln, das ist Gesetz", so lautet die Rechtfertigung. Hinterfragt wird nichts. Das geht so weit, dass die Händler beginnen, sich gegenseitig zu verklagen, bloß damit keiner unverschämterweise einen Vorteil erheischt, indem er bestimmte Regeln einfach missachtet. Freie Händler haben nicht nur die EU-Bürokratie gegen sich, auch die eigenen Händlerverbände machen sich zu Staats-Büttel, gegen die sie sich zur Wehr setzen müssen. "Chancengleichheit" lautet das große Wort der Stunde. Bullshit, es ist ein vernünftig klingendes Synonym für blanken Neid.

Der Handel fordere Chancengleichheit - etwas Lustigeres kann man über den Handel eigentlich nicht sagen bzw. wer das sagt, führt die Menschen absichtlich hinters Licht. Handel bedeutet ständiger Kampf und Vorteilsnahme, die angebliche Chancengleichheit ist Teil einer solchen Strategie eines eigenen Vorteils. Und bitte, nicht von Fairness sprechen oder von einer Notwendigkeit wie Regeln im Straßenverkehr. Es reicht schon, dass die Political Correctness den "Konkurrenten" verbal verjagt hat und anstelle dessen einen gezähmten "Mitbewerber" platzierte - Himmel, welch eine plüschige Puppenwelt grün-naiver Krabbelgruppen im öffentlichen Dienst ist für eine derartige Sprachverharmlosung verantwortlich? Sprachlicher Kitsch einer rosafarbenen Welt, wie sie nicht existiert. Plappere denen bloß nicht unhinterfragt und uninformiert alles nach. Chancengleichheit auf einem kleinen regionalen Flecken des Teppichs einer globalen Wirtschaft, das ist eine Chimäre. Wir leben in keinem gallischen Dorf. Wer Chancengleichheit von anderen fordert, lenkt von den eigenen und eigentlichen Interessen ab. Ach ja, und was den Straßenverkehr betrifft: Putin und die russische Oligarchie zum Beispiel besitzen bis hinunter auf lokaler Ebene eigene Blaulichter, die diese Regeln bei allen ihren Fahrten für sich selber außer Kraft setzen. Über den Luftverkehr will ich erst gar nicht beginnen, je mehr Geld du zur Verfügung hast, desto weniger Regeln gelten für dich. Gültigkeit und Geld haben nicht von ungefähr denselben Wortursprung.

So ähnlich wird auch das E-Dampfen in der Öffentlichkeit missinterpretiert. Raffinierte Strategen lassen Gesetze verabschieden, die behaupten, Dampfen gehöre in die selbe Schublade wie Rauchen, demnach gelten die Bestimmungen für den Nichtraucherschutz auch fürs E-Dampfen. Dampfen hat aber bekanntlich faktisch nichts mit Rauchen zu tun.

Kurzer Einschub zum Verständnis für dich als ein möglicherweise außerhalb dieses Themas stehender Mensch: anders als beim Rauchen, wird durchs Dampfen niemand gesundheitlich in irgendeine Gefahr gebracht, weder aktiv noch passiv, Passivdampf im Sinne von gesundheitsschädlichen Stoffen im Dampf existiert nicht. Es ist Stand der Wissenschaft: keine Gefahr durch Passivdampf. Auch ist noch kein einziger Mensch je durchs E-Dampfen erkrankt oder gar gestorben, wie auch, wenn vom E-Dampf keinerlei Gefahr ausgeht? Dampfen und Rauchen sind zwei so unterschiedliche Paar Schuhe wie Tee und Wodka. Niemand würde akzeptieren, wenn Gesetze, die für den Genuss von Wodka gelten, aufs Teetrinken angewandt werden würden.

Statt nun also diese Verordnungen kollektiv zu ignorieren, da sie jeder Grundlage entbehren, wird sich gegenseitig ums richtige Benehmen gezofft; E-Dampfende streiten sich untereinander, wer die größten und damit für die Öffentlichkeit schlimmsten, da sichtbarsten, Dampfwolken ausbläst und somit als schwarzes Schaf der E-Dampfszene anzusehen ist. "Du bläst eine viel zu große Wolke, du schadest dadurch dem Ruf der guten E-Dampfer, sieh!, die Leute gucken schon".

In allen Fällen brauchen die Gesetzgeber keine Angst zu haben, einen Aufstand gegen sich zu riskieren, denn die blökende Herde dampfender Zeitgenossen reguliert sich bereits prima selber. Obrigkeitshörig, aus Angst aufzufallen oder aus Sorge vor sozialer Ausgrenzung. Ducken und gehorchen, deutsch halt, wir können einfach nicht aus unserer Haut, nicht mal 2017. Das wird argumentativ natürlich kaschiert, man möchte schließlich nicht wie der deutsche Michel erscheinen, also wird hübsch politisch korrekt gesagt, man wolle niemanden in seiner Freiheit einschränken und nehme daher Rücksicht, viel Rücksicht, noch mehr Rücksicht - und wenn sich die Freiheit der anderen immer enger und dichter um einen selbst versammelt und schon als Unfreiheit drückt und zwängt, einem die Luft zum Dampfen nimmt, tja, dann nehmen wir uns halt noch ein kleines Stück zurück. Wir nehmen uns so weit zurück, bis am Ende die Unfreiheit die Freiheit vollständig verdrängt haben wird.

Dass die Freiheit auch verteidigt werden will, dies gar täglich von uns allen einfordert, das möchte keiner hören, denn so etwas wäre ja unangenehm, bedeutete Auseinandersetzung, igittigitt, wie unschön. "Kampf" und "Krieg", bäh, syrische Worte, Begriffe aus unserer Vergangenheit, die gibt’s in der plüschigen Gedankenwelt einer stets ausdiskutierten Harmonie nicht mehr. Aber leider hört die eigene Freiheit und Toleranz genau dort auf, wo die Intoleranz und Unfreiheit der anderen ohne Diskussion beginnt. Wie jetzt? Naja, im Grunde ist diese beinahe schon als "Klospruch" vorgetragene Formel von Freiheit und Unfreiheit rhetorisches Gewäsch, das selbst für gegenteilige Zwecke nur in ihrer Syntax angepasst zu werden braucht. Ganz besonders blöd wird es dann, wenn sich die Freiheit der anderen, also die Unfreiheit für einen selber, immer weiter auf einen zubewegt, nicht wahr.

Widerstand gegen Dummheit empfinde ich als Pflicht. Weder ein Händler ist der Schuldige, wenn er unsinnige Regeln ignoriert, noch der Dampfwolkenmacher im Nichtraucherbereich der Bahn, im Gegenteil. Es gilt Ursache und Wirkung zu trennen. Die Ursache sind die willkürlichen und falschen Gesetze der Einschränkungen, nicht die Verstöße gegen sie, denn die gehören gelobt und gefördert, man sollte es ihnen gleichtun. Die Prohibition in den USA hatte seinerzeit auch deshalb nicht funktioniert, weil die Suffköppe, "der Mensch an sich", sich das Saufen einfach nicht verbieten lässt und die Menschen damals sogar viel höhere Strafandrohungen in Kauf genommen hatten als die, die uns E-Dampferinnen und Dampfer für zivilen Ungehorsam heute drohen.

Wenn ich jemanden in einem Nichtraucherbereich dampfen sehe, nehme ich sofort aus Solidarität meine E-Dampfe hervor und gönne mir ein, zwei Züge. Würde ich ein Gerät in einem Offline-Shop sehen, das offiziell erst in mehreren Monaten verkauft werden darf, dann lächelte ich unwillkürlich und zeigte dem Inhaber oder Verkäufer meinen Daumen nach oben im Sinne von "gut gemacht!". Noch können wir uns wehren, noch werden wir fürs E-Dampfen hierzulande nicht ins Gefängnis geworfen, was nicht überall so der Fall ist.

Natürlich dampfe ich niemandem ungefragt meinen Dampf ins Gesicht und nehme des Anstands wegen Rücksicht auf meine Umgebung - ich spare mir die Beispiele hierzu, da dies alles Selbstverständlichkeiten sind. Wenn wir uns aber jetzt nicht entschieden zur Wehr setzen, laut, bedingungslos, in einem sinnlichen Rausch wohlduftender Nebel, dann wird der Kreis der Unfreiheit um uns herum immer enger gezogen. Wehren bedeutet Ungehorsam. Massenhafter Ungehorsam wird zu einer gesellschaftlichen Bewegung. Und Bewegungen, so sagt es der Name bereits, beseitigen die Starre.

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