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Sonntag, 12. Februar 2017

Filmkritik "American Honey": Subkultur in Subohm

"American Honey" ist ein typischer Film über eine "verlorene Generation". Er schildert ein paar Tage das ausweglose Dasein einer Handvoll Jugendlicher in einer im Lande umherreisenden Drückerkolonne. Diese Art Filme kennt man zur Genüge seit den 1970er Jahren. Eine fiktive Milieustudie, die in einem heruntergekommenen Umfeld spielt, die das Land und somit die Gesellschaft, in der sie angelegt ist, möglich dreckig und schlecht aufzeigt. "Sozialkritisch", so nannte man das früher. Solche Filme fand ich selber als junger Mensch toll: politisch unangepasst, viel Musik, exzessiver Sex, Drogenrausch und das ganze Paket, in dem verborgen liegt, wie sich Erwachsene allgemein oder liebe Bürgerkinder in ihren Kunst- und Filmakademien das Leben in der Gosse halt so vorstellen. "Authentisch", dieser Begriff fällt auch häufig in Kritiken zu dem Film - als ob die Kritikerinnen oder Kritiker oder gar das Produzententeam, die Regisseurin/Autorin das Original der vermeintlichen Authentizität je kennengelernt hätten. Dasselbe gilt mit wenigen Ausnahmen für Maler, Fotografen und so weiter. Und da "American Honey" nicht Syrien, Ägypten oder den Iran negativ darstellt, auch nicht Indien, China oder Afrika, sondern die USA als Land des "Way Of Life", erhält der Film natürlich auf jedem Filmfestival Auszeichnungen und Lob am laufenden Band. Kritik und Juroren übertreffen sich mit Lobeshymnen und interpretieren all das in den Streifen hinein, was sie in ihrer linksliberalen, sexual-verklemmten Weltsicht als Wohlstandbürger an anderen Menschen (der bürgerlichen, rein materialistischen Welt) auszusetzen haben.

Der Bodensatz einer Gesellschaft hat immer schon in seinem sexy Erscheinungsbild noch straffer junger Haut und in Exzessen aller Art wohlhabende Intellektuelle fasziniert. Das war vor 100 Jahren nicht anders als heute. Gebannte Blicke auf eine raue brutale Welt von außen, ohne dabei in Versuchung Gefahr zu geraten, das eigene Leben auch nur ansatzweise als mitverantwortlich dafür in Frage zu stellen und zu verändern. Man ist ja nur Chronist oder Künstler. Dass mit einem solchen Tun aber die Gosse instrumentalisiert wird, und wenn vielleicht auch nur aus eigenen psychotherapeutischen und nicht mal aus politischen Motiven heraus, will keiner wissen. So ist "American Honey" am Ende eigentlich nichts anderes als eine Vorführung exotischer, wilder, unbekannter Menschen in einem Zoo; der Tierpark Hagenbeck hatte dies schon 1909 in seiner Völkerschau beeindruckend vorgemacht.

Nur eine Sekunde ist eine aber um so bezeichnendere Szene zu sehen, in der das Dilemma vollkommener Ahnungslosigkeit der Filmschaffenden mit dem dargestellte Milieu von Sex, Armut, Ausbeutung und Drogen wie Faust aufs Auge passt, nämlich bei der Verwendung der heute für solche Zwecke bereits obligatorisch vorgesehenen E-Dampfe: Subohm-Dampfen als Synonym für Subkultur. Entlarvend peinlich. Es wird den Zuschauern durch den Kontext suggeriert, Rauchen + unbekannte Substanzen im Liquid = oje, die moderne Droge für Jugendliche. Genauso falsch und verzerrt wird das Bild dieser perspektivlosen Jugend dargestellt. Auf einen Screenshot habe ich aus Copyright-Abmahngründen dann doch lieber verzichtet (falls du den Film einmal guckst, Timecode: 2:20:52).

Der Spielfilm (wohlgemerkt keine Doku) ist mit "Wackelkamera" (klar, der Authentizität wegen *lol*) und im 4:3-Format gedreht worden. Laiendarsteller mischen sich unters unbekannte Schauspiel-Ensemble und eine Entwicklung der Geschichte ist kaum erkennbar. Persönliche Kritik in einem Wort und Schulnote: Sozialkitsch und Sechs.

Kommentare:

  1. Eher Strafe als Vergnügen. Ganz sicher werde ich den Film nicht gucken.
    Mit Handkamera gedrehte Filme mag ich auch nicht. Da gibt es immer mal wieder ein Revival, wenn Jungregisseure die Geschichte vom Pferd neu erzählen möchten. Nur kennen wir die schon:-)
    American Honey hat diverse Preise eingeheimst, aber da kann man sich nicht drauf verlassen (siehe auch die diesjährige Oscarnominierungen für "LaLaLand").

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    1. Achja, "LalaLand" habe ich immer noch nicht gesehen *schäm*, vielen Dank für die Erinnerung, den Film werde ich mir kommende Nacht reinpfeifen, liegt schon im Film-Ordner bereit :-)

      Hatte letzte Nacht die ersten 4 Folgen von "Westworld" gesehen. - Gut! - Ed Harris ist der perfekte Yul Brynner um 40 Jahre gealtert. Die stechenden Augen und der schwarze Hut - perfekt, sag ich dir. In der Serie sind zwar nur 30 Jahre seit Westworld 1 vergangen, so weit ich weiß, ist der Spielfilm aber von 1972, Mensch, das sind schon 45 Jahre her, liebe Barbara, unfassbar! Ganz toll ist die Perspektive der Serie, die geht nicht wie damals vom Menschen aus, sondern es wird aus Sicht der Roboter erzählt. Bis jetzt finde ich die Serie wirklich toll. Für die restlichen 6 Folgen mit deutscher Synchro muss ich aber auch erst auf ihre ersten Ausstrahlungen im deutschen TV warten. Ich glaube 2 pro Woche, wenn mich nicht alles täuscht. Und nach den 10 Folgen der 1. Staffel sind bereits weitere Staffeln geplant. Man kann also schlecht die Qualität der Serie heute schon einschätzen, aber wie gesagt, bis jetzt sehr gut, brutal aber humorvoll, prima Unterhaltung (was will man mehr?) und im Gegensatz zum damaligen Film-Budget mit einer Riesenmenge Geld (50 Millionen, glaube ich gelesen zu haben) ausgestattet, was der tollen Filmtechnik auch absolut anzusehen ist, sehr gelungen.

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  2. LaLaLand habe ich nicht gesehen, da haben mich schon die Reviews (auch amerikanische) gleich das Interesse verlieren lassen. Da ich bis dato nicht die Quelle anzapfe die du hast, müsste ich dafür ins Kino gehen.
    Westworld würde ich mir schon ansehen. Ich habe einen Jailbreak Fire Stick. Vielleicht muss ich dir doch endlich mal privat schreiben...habe nur Bedenken, ob ich es hinbekomme.

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    1. Ein bisschen sollte man sich schon auskennen. Einzelne Filme kann man sich auch digital hin- und herschicken, bei Serien wird das aber zu einem Problem, denn die Datenmenge ist dann einfach zu groß. Es dauert, ist lästig und kostet auf Dauer ab einer gewissen Größe auch. Bei Serien würde ich persönlich lieber einen USB-Stick per Post jeweils hin- und herschicken. Das ist zwar minimal langsamer (Postweg) aber bei Serien, die ja sowieso stunden- und tagelang spielen, wäre das dann auch egal.

      LaLaLand habe ich gestern nur im Kino-Ton (ist schlechter für zu Hause) gesehen (aber mit 1A Bild). Ein kleiner guter Film. Ich überlege noch, ein Review zu schreiben, glaube aber weniger, dass ich's am Ende mache, weil - es ist ein leichter, lieber Film, nett halt und auch schön anzusehen, nichts Originelles oder Neues, muss aber auch nicht immer so sein, erinnert mich irgendwie ein wenig an "The Purple Rose Of Cairo". LaLaLand ist ein harmloser Liebesfilm, dessen Ende ich aber definitiv nicht mag (ist mir zu desillusionierend). Doch was soll's, andere mögen das. Also wozu sollte man ein kleines nettes Liedchen kritisieren? Ich glaube, das mache ich auch nicht.

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