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Dienstag, 10. Januar 2017

"Rectify" - Juwelen und Glasperlen

Die Serie ist schon etwas älter und hat haufenweise positive Kritiken bekommen: "Rectify". Von insgesamt 30 Folgen habe ich nun 27 gesehen, die letzten drei werden bis Anfang Februar ausgestrahlt. Es ist äußerst schwer, dieser Serie in ein paar wenigen Sätzen gerecht zu werden. Emotionale Tiefe, demolierte Seelen, vorübergehende Perfektion, ewige Teenager, Nähe, Distanz, Wut und Ehrlichkeit - das fällt mir spontan dazu ein.

Obwohl die Serie in vier Staffeln aufgeteilt ist, würde ich sie durch drei teilen:

Das erste Drittel erlebte ich so ergreifend wie vielleicht im emotionalsten Film, den ich jemals gesehen habe, wie in "Crash" - es ist eine ähnlich packende Emotionalität, ein Rühren an der menschlichen Seele, wie es für mich der Schrei des lateinamerikanischen Vaters und Schlüsseldienst-Mitarbeiters "Daniel" (Michael Peña) in "Crash" dargestellt hat - hier in der Serie verteilt in mehreren Szenen innerhalb dieses ersten Drittels. Es ist schlichtweg ein berührender, wahrer, kräftiger und als Gesamtheit perfekt in mehreren unabhängigen Szenen umgesetzter Schmerz.

Das zweite Drittel der Serie hätte man sich sparen können. Es findet das genaue Gegenteil statt: die Tiefe weicht einer Oberflächlichkeit, die Emotionalität der einer Soap Opera und der im Hintergrund leise bzw. immerwährende Kriminalfall dem eines Groschenromans. Schlechter und langatmiger könnte man keine Serie produzieren.

Im letzten Drittel aber steigt die Qualität auf allen Ebenen erneut annähernd in die Höhen des ersten Drittels.

Hier und jetzt möchte ich nicht spoilern, habe auch keine Lust, eine ausführliche Kritik abzuliefern, da viele kluge Expertinnen und Experten ihre Meinungen und Ansichten zu "Rectify" bereits geäußert haben. Auch versagt mein "Schulnoten-Bewertungssystem" bei dieser Serie komplett, denn eine Durchschnittsnote von 3 wäre angesichts der teilweise unglaublichen Qualität schrecklich ungerecht. Die Serie besitzt absolute Spitzen dieser höchsten Qualität, die nichts durch zusätzliche minderwertige Folgen einbüßt. Und deshalb lässt sich meines Erachtens diese Serie nicht als Ganzes bewerten.

Kommentare:

  1. L.A. Crash ist an mir vorübergegangen, würde ihn mir aber sehr gerne anschauen aufgrund dessen was auf Wiki darüber zu lesen ist.
    Bis auf Breaking Bad und Better Call Saul kenne ich keine durchgängig starke Serie. Gerade sehe ich die amerikanische Version von The Killing und zwischendrin befallen mich leise Zweifel, ob ich die Serie weiterschauen möchte. Eine Folge weiter und schon wurde ordentlich Schubkraft gegeben, sofort ist man wieder gefesselt.
    Was ich an den Serien faszinierend finde: es gibt fast nie einen schlechten Schauspieler. Die hängen sich dermaßen in ihre Rolle und ich sehe denen einfach gerne beim spielen zu. So wie jetzt gerade Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als ihr Partner Holder. Einfach großartig.
    Bitte schreibe weiter über alles was du anschaust. Ich hoffe und wünsche, dass viele hier mitlesen!

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    1. Ja! Ja, genau! Und ja! - Während meines gegenwärtigen Lesens deines Kommentars könnte jemand in meiner unmittelbaren Umgebung angesichts dieser akustischen Zustimmung in Verbindung mit dem Nicken meines Kopfes glauben, mein Geist sei in einer altersdementen Zeitschleife gefangen oder ich sei beim Mitsingen des wie auch immer im Einzelnen lautenden "Oh-Yeah-Refrains" eines gerade in meiner Erinnerung spielenden Liedes beschäftigt, so sehr stimme ich jedem deiner Sätze vehement zu.

      Immer öfter scheint mir als befinden wir uns alle inmitten in eines kulturellen Wandels, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Unserer Sehgewohnheiten verändern sich. Die TV-Serie, in den 70er und 80er Jahre noch stiefmütterlich von der Filmindustrie belächelt, drängt nicht nur in Riesenschritten vorwärts, nein, mir scheint, es findet eine Synergie zwischen Spielfilm und Serie statt, die dabei ist, ein gänzlich neues Genre zu erschaffen.

      Die heutige Qualität der TV-Serien übertrifft bereits die der Kinofilme aus den vergangenen Jahrzehnten um Längen; die Kinofilme selber sind dabei, sich in abendfüllende Ereignisse zu verwandeln (wie es zu Beginn des Kinozeitalters auch schon mal war). Heute ins Kino zu gehen ist mehr wie einem Konzert beizuwohnen, wie ins Theater zu gehen: es ist ein Abendprogramm im eigens dafür hergerichteten Gebäude, nicht wie lange Zeit das Schachtelkino, in dem mal eben schnell anderthalb Stunden ein Film zu sehen war. Das Kino erhält durch seinen Event-Charakter vielleicht wieder das zurück, was es einst für die Menschen in großartiger Weise bedeutet hatte: ein kulturelles Ereignis, das mitunter ein Leben lang für die Kinobesucher in deren Erinnerung nachhallt.

      Andererseits haben sich die Serien von billigen Zwischen-Werbungs-Füllern heute zu einzelnen kleinen spielfilmartigen Mini-Blockbustern gewandelt, die weniger an eine Fortsetzungsgeschichte als mehr an einen nie enden wollenden Film erinnern. Der Wettlauf um Perfektion und Qualität in Verbindung mit der rasant fortschreitenden technischen Entwicklung lässt dabei bisher ungeahnte Meisterwerke entstehen. Mit der technischen Entwicklung meine ich auch ganz besonders die, der Abspielgeräte sowie die Art und Weise der Datenübertragung. Dadurch ändern sich die Seh- und Erlebnisgewohnheiten des Publikums, das heute als seine eigene Programmdirektion fungiert und selber bestimmt, was, wie viel und wie lange es wann konsumiert. Sogar TV-Sender strahlen heute meist mehrere Teile einer Serie hintereinander aus. Ein Serienabend ein und derselben Serie dauert heute meist drei und mehr Stunden, während die einzelne 45-Minuten-Folge nur den brandaktuellen Teilen vorbehalten bleibt, für die Menschen, die vor lauter Spannung auf eine Fortsetzung nicht warten mögen. Hier kann die neuste Folge prima für Werbung benutzt werden. Es existiert heute beides nebeneinander: das Serien-Event sowie die einzelne Werbungs-Folge.

      Sorry, die Zeichenbegrenzung schneidet meinen Kommentar hier ab ...

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    2. Hier halt manuell wieder angenäht ;-)

      Spielfilme werden also zu unglaublichen Events fürs Kino; die Serien zu abendfüllenden, nicht enden wollenden Spielfilmen zu Hause und eine aktuell neuste Folge entwickelt sich zu einer Filmvorschau kommender Serienereignisse.

      Aber das alles ist so ein weites Feld, dazu könnte man noch sehr viel mehr erwähnen. Jedenfalls scheint es mir eben, als befänden wir uns hier mitten in einem solchen Wandel.

      Da kann man nur gespannt in die Zukunft blicken. Angst vor minderer Qualität braucht keiner zu haben, denn eigentlich steigt sogar bisher die Qualität kontinuierlich immer weiter an. Gerade die Produktionen, die durch öffentliche Kulturgelder entstehen, werden mehr und mehr schlechter und werden vom Publikum unbeachteter denn je links liegen gelassen, während die privatfinanzierten reinen Kommerzproduktionen die vorher für nicht möglich gehaltenen Höhen der Qualität erreichen.

      Diese Effekte einer freien Marktwirtschaft innerhalb des Kulturschaffens bewirken letztendlich, dass für jeden Menschen geeignete Werke entstehen. Minderer, mittlerer und hoher inhaltlicher Qualität - vom Dschungel-Camp bis zum anspruchsvollen Serien-Highlight, für jeden ist etwas dabei, die Marktwirtschaft bleibt nicht auf eine einzelne Gruppe beschränkt.

      Naja … Freue dich auf "Crash", schau dir den Film aber als Event an (ich weiß, dass du es tust und erwähne dies hier und jetzt eigentlich nur für die Mitleserinnen und Mitleser), denn man sollte bei diesem Film nicht abgelenkt sein, sonst bekommt man die vielen Zwischentöne und Zwischenszenen nicht mit. Ich selber hatte ihn anfangs zu oberflächlich gesehen, habe nach dem zweiten und dritten Mal des Anschauen erst vieles verstanden, nämlich wie sich alles so verzahnt und am Ende ein unglaublich komplexes Gesamtbild entsteht.

      Jeder Mensch ist anders, gottlob, und für mein Verständnis gehört "Crash" zu den 20 Meisterwerken der Filmgeschichte schlechthin. Klar, ich weiß, dass andere Menschen es anders sehen. Ich besitze eine DVD aus einer Fokos-Film-Edition "Kino de luxe. 50 Meisterwerke zum Sammeln", dort haben die Filmredakteure und Redakteurinnen "Crash" den ersten Platz eingeräumt. Ist halt so wie immer im Leben: "Vom Winde verweht" wird oft verspottet und als Kitsch ausgelacht besonders von sogenannten Filmexperten, trotzdem beweist sich der Film längst als das Meisterwerke der Filmgeschichte, das er ist.

      Liebe Grüße, Film-Fan Barbara! Deine Kommentare empfinde ich als ungeheuer bereichernd. Dankeschön dafür.

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