.

.

Freitag, 9. Dezember 2016

"Good Girls Revolt" - the very best

Vorhin habe ich extra in diesem Tagebuch zurückgescrollt, um nachzuschauen, wie euphorisch ich die letzte gute TV-Serie bewertet habe. Es wird nämlich zu einem Problem, wenn ich zu oft "das Beste, was ich je gesehen habe" schreibe, dann würde auch ich als Leser bei der abermaligen Lektüre einer TV-Serien-Kritik denken, "ach, der Georg nu' schon wieder ...". Eine Inflation des Guten ist genauso schlecht wie zu viel des Schlechten extra zu erwähnen.

Was soll ich aber machen, wenn ich mich weigere, schlechte TV-Serien oder Filme anzusehen und meine verbleibende Zeit auf diesem wundervollen blauen Planeten lieber dem Genuss des wahrhaft Guten widme? Ich meine, Schlechtes gibt es satt und genug im Leben, da muss ich mich dem doch nicht auch noch freiwillig aussetzen, nicht wahr. Was hätte man dann für ein Hobby? Miesepeter? Wenn ich also nur gute TV-Serien anschaue, verzerren deren regelmäßige Bewertungen das Bild des Positiven abermals, denn durch sie entstünde zwangsläufig eine Art Hitparade all des Guten. Dann wäre die Schulnote Eins plus mit Sternchen bereits deutlich abgegrenzt von einer Eins, von einem Sehr Gut oder Ausgezeichnet. Oder andersherum ausgedrückt, die Eins, immerhin die beste aller Schulnoten, verwandelte sich in eine Drei, wenn ihr die Pluszeichen und Sternchen fehlten.

Ein Dilemma.

Ein weiteres Dilemma tritt zu Tage, wenn nicht genügend Sternchen und Pluszeichen zur Verfügung stehen, es einfach albern aussähe, 1 +++*** zu schreiben.

Genau hier in diesen beiden Dilemmas befinde ich mich jetzt, da ich die TV-Serie "Good Girls Revolt" bewerten möchte, denn sie gehört wahrlich zum Besten, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe - du siehst auch hier: durch den Nebensatz "zum Besten, was ich jemals in meinem Leben gesehen habe" ersetze ich raffiniert die Sternchen und Pluszeichen im Anschluss einer Einser-Benotung und mache damit schon wieder genau das, was ich eigentlich vermeiden möchte. Ein Dilemma ist eben nicht aufzulösen, sonst wäre es schließlich kein Dilemma.

Auch möchte ich nicht in typische schablonenhafte Klischees verfallen wie "gute Regie", "erstklassiges Schauspiel" und dergleichen mehr, denn wenn die Serie zum Besten gehört, was ich je gesehen habe, dann versteht sich so etwas von selber. Solltest du als Leserin oder Leser dieser Zeilen die Serie bisher nicht gesehen habe, bringen dir solche Floskeln herzlich wenig. Doch wie rezensiere ich dann "Good Girls Revolt"?

Negativem wird in der Welt viel mehr Beachtung geschenkt als Positivem. Ich könnte das Positive nun leicht herausstellen, indem ich Negatives über Gebühr betone, etwa, dass es unbegreiflich ist, weshalb Amazon als Produzentin die Serie nach der ersten Staffel bereits wieder abgesetzt hat. Dann wäre es möglich, weiter mit Verschwörungstheorien aufzuwarten, "Good Girls Revolt" ginge intellektuell und historisch den Produzenten zu weit, sei zu radikal, zu feministisch oder es entstünde im Gezeigten ein zu realistisches Bild des Umbruchs der 1960er zu den 1970er Jahren, mit all seinen Vor- und Nachteilen der damaligen Gesellschaft (Drogen, Alkohol, politischer Unruhen, Aufkeimen des Terrors, Rassismus, Gleichberechtigung und noch einiges mehr). Wenn man den Grund einer Absetzung nicht kennt, lässt sich natürlich trefflich spekulieren, bis hin zu skandalisierten Behauptungen, die in ihrer absolut negativen Darstellung erst so richtig einen besonderen Reiz fürs Anschauen der Serie böten. Doch als ein wenig reiferer Geselle im Wust der Welt (oder wie klänge hier: "als gereifter Geselle im weltlichen Wust der Dinge"?) weiß ich, dass Geld alleine der Treibstoff für jedes noch so bedeutende wie unbedeutende Vorhaben ist, daher wird Amazon schlichtweg das Geld zur Fortsetzung dieser Serie ausgegangen sein. Auch hier könnte man Mutmaßungen ohne Ende anstellen aber ein TV-Serien-Skandal wäre als Geldbeschaffungsmaßnahme geradezu ideal, so dass für die Absetzung der Serie inhaltliche Gründe sicher nicht verantwortlich zu machen sind.

Dennoch, jetzt weißt du schon einiges mehr: Es geht um Frauen, um Frauenrechte, um Gleichbehandlung, gleiches Geld für gleiche Arbeit und es wird ein realistisches Bild der damaligen Zeit geboten.

Als rein sachliche Informationen könnten noch die folgenden dienlich sein, nämlich dass die Serie in Kreisen des Journalismus spielt (also kein klassenkämpferisches Arbeiter-Milieu), dass das Drehbuch sowie die Regie sämtliche Personen, selbst die negativen, menschlich erscheinen lassen und nichts und niemand dämonisiert wird, dass nirgendwo auch nur eine Nuance Kitsch zu erkennen ist und dass über allem eine Art positiver Menschensicht steht. Es handelt sich um eine intelligente, tiefgehende und dennoch beschwingte, fast schon komödiantische TV-Serie aber eben nicht um ein agitatorisches oder gar hetzerisches Werk und auch nicht um eine Soap. Als Randnotiz sei angemerkt, dass alles zwar Fiktion ist, so doch tatsächlich Norah Ephorn von einer Schauspielerin durchgehend in einer Nebenrolle dargestellt wird. Das finde ich geradezu ein faszinierendes Element.

Eine Bemerkung möchte ich aber noch extra herausstellen: der Impetus der Serie stammt schon hauptsächlich aus der us-amerikanischen und westeuropäischen Gesellschaft, jemandem mit einer ostdeutschen Biografie fehlen hier womöglich einige historische Parallelen oder die Gewichtung der Ereignisse wird persönlich fremdartig empfunden, anderes bleibt vielleicht unverständlich, da gerade in Bezug auf die berufliche Gleichstellung der Frau oder die Kinderbetreuung der Osten Deutschlands zu jener Zeit wesentlich fortschrittlicher und dem Westen bereits um Dekaden voraus war.

Zehn mal knapp 50 Minuten - wenn du Zeit und die Möglichkeit hast, möchte ich dir empfehlen, diese neun Stunden in einem Rutsch anzusehen oder als zwei große TV-Abende aufzuteilen. Denn erstens vergehen diese Stunden wie im Flug und zweitens wirst du hineingezogen in einen Strudel eigener Erinnerungen. Die Filmmusik besteht größtenteils aus unaufdringlich dargebotenen Hits damaliger Jahre, wer heute also 50 plus ist, wird verzückte und melancholische Momente erleben.

Was würde ich dafür geben, eine zweite Staffel der Serie (an einem Stück) sehen zu können - das darf Amazon überhaupt nicht wissen, denn für diese Serie würde ich sogar einiges an Geld bezahlen. Sie gehört halt zum Besten, was ich je gesehen habe ;-)

Jajaja, "the very best", ich kann's halt nicht lassen ...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquide über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.