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Donnerstag, 3. November 2016

Die dem Positiven abgewandte Seite

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl: seit 13 Monaten befand sich der Laptop im Rucksack und wurde nur auf Arbeit ausgepackt. Nun steht er zum ersten Mal wieder auf dem Tisch zu Hause. Die Netzwerkeinstellungen mussten zurückgesetzt werden, den alten WLAN-Schlüssel hatte ich sogar auswendig im Kopf und zusätzlich zum Tablet kann der Laptop sich jetzt sogar mit dem neuen Bluetooth-Ufo verbinden, da es mehrere Kopplungen zulässt - wenigstens ein kleines positives Detail, das mir ziemlich Freude bereitet.

"Wo ist das denn die negative Seite?" Na, warte, es kommt schon ...

Vor einem Jahr lag Elli noch genau am selben Platz neben mir. Seit sie gegangen war, hatte ich den Raum gemieden. Das Netzteil des Laptops (ich besitze zwei) befand sich hinter Staubweben, wie man das aus Gruselfilmen kennt, und auf dem Wohnzimmertisch lagen noch alte Briefe vom Oktober '15, die ich eigentlich abheften sollte aber nun doch in einem entsprechenden Kram-Karton gelandet sind. Das neuste Schreiben war vom Januar '16, der Hundesteuerbescheid für Elli. Muss ich die Tage erst mal abmelden, die vom Amt wissen ja noch nichts. Ach, ist das alles ein Elend!

Siehst du, deshalb wollte ich hier eigentlich im Tagebuch pausieren, es ist nicht so schön in the moment. Aber dann dachte ich mir, wieso soll ich nur schreiben, wenn die Sonne scheint? Hält die Leserin / der Leser die Wirklichkeit nicht aus? Kommst du nur hierher, um Positives zu erfahren? Ich war und bin ziemlich ungeeignet, um zur Erbauung anderer zu schreiben, echt jetzt,

"Ja, aber mit deiner Schluchz- und Jammerei gehst du auf Dauer jedem Besuch hier extrem auf den Geist, das ist dir wohl klar, liebe Heulsuse Georg, nicht wahr". Boah, was liebe ich das schwarze Teufelchen in mir. Hey, ich jammere und heule nicht, du dreckiger kleiner Satanist, ich werde stocksauer. Sollte irgendwann in den News stehen, dass eine niederrheinische Behörde oder Bank in die Luft gejagt worden ist, dann siehst du, was die kraftvolle Energie, die aus zu viel des Jammertals entstehen kann, ausrichtet. Und bevor jetzt jemand den Verfassungsschutz alarmiert: das war ein Scherz (du hörst: ein Schähherz), der meinem derzeit reichlich vorhandenen Sarkasmus entspringt.

"Also, endlich noch mehr Trübsal?"

Ja, ich habe noch was, etwas trübsalmäßiges. Möchtest du's wissen? Nein? Ja? Gestern habe ich das erste Mal seit einigen Wochen meine Mutter gesehen. Sie lebt zwar mit mir und meiner Nichte im selben Haus, doch wenn ich wach bin, schläft sie und umgekehrt, wir telefonieren, das ist halt so, jeden Tag will ich sie sowieso nicht sehen, ich meine, noch nie wollte ich das. Mein Bruder hat's gut, der sieht sie ein Mal im Jahr zu Weihnachten. Sei's drum. Was ich gestern sah, ließ meinen Atem stocken und mein Blut innerlich gefrieren. Ein Häufchen Elend, das sich bereits in einer eigenen geistigen und ziemlich entfernten Welt befindet. Ob sie dieses Weihnachten überhaupt noch erlebt? Nein! Ich weiß, man täuscht sich oft und meine Erfahrung auf diesem Gebiet ist gleich Null, doch als Bild kam diese Gewissheit mir unvermittelt in den Sinn. Vielleicht aber auch nur wegen meiner negativen Depri-Grundstimmung, das kann natürlich auch der Fall sein. Es ändert aber nichts an meinem Erschrecken und nichts an ihrem so deutlichen Verfall.

Noch was Negatives gefälligst? Nein, genug? Doch, mehr davon? Während ich mich weit weg auf einer meiner vorerst letzten Nachtschichten befand, hat XYs längst mit Hausverbot belegte Ex-Mann in einem seiner typischen Wutanfälle wieder Möbel und eine Autoscheibe ihres Wagens direkt vor meinem Wohnzimmerfenster zerschlagen. Hätte ich selber zwischen 20 und 30 Jahren nicht ebenfalls so viel Blödsinn gemacht (aber nichts gewalttätiges), müsste ich mir heute tatsächlich an den Kopf fassen und rufen: "Wie kann man nur so dämlich sein und ihn wieder ins Haus hinein lassen?" Nein, nein, auch ich war einst so dumm und verwechselte Abhängigkeit, Sucht und eigene Schwäche mit vermeintlicher Liebe. Man kann Menschen halt nicht backen wie Kuchen, man kann sie nicht verändern, weder mit männlicher Gewalt noch mit weiblichem "Psycho-Generve". Diese Erkenntnis hat bei mir selber locker 10 bis 15 Jahre gebraucht.

So, zum Abschluss vielleicht ein letztes negatives Ereignis? Nein! Na gut, das soll für heute auch genug sein. Wer weiß, was noch alles in den Startlöchern steht.

Trotz allem oder gerade wegen allem wünsche ich dir einen angenehmen Donnerstag. Falls es dir zu negativ hier wird, meide einfach ein paar Tage dieses Tagebuch.

Kommentare:

  1. Du hast gerade etwas viel zu bewältigen. Und dann noch die Unsicherheit wie es mit der Arbeit weitergeht. Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss, leider.
    Wird denn die Mutter versorgt, kommt da eine Pflege vorbei?
    Das geistige Abrutschen finde ich am schlimmsten, selber mit meiner Mutter erlebt. Andererseits kenne ich eine 88jährige, die geistig megafit ist und über wirklich alle Themen Bescheid weiß.
    Ist doch völlig in Ordnung, deinen Kummer hier mitzuteilen. Damit vergraulst du uns nicht.

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    1. Nein nein, ein Pflegeproblem besteht (noch) nicht. Was ich meinte, ist die unglaubliche Geschwindigkeit des Verfalls, den ich jetzt also schon von Woche zu Woche wahrnehmen kann. Es gibt bei meiner Mutter gute Zeiten und weniger gute Momente - und eben während eines weniger guten steht förmlich der Tod in ihrem Hintergrund. Er schaut ihr die ganze Zeit lang über die Schulter. Er grinst und lacht mich aus, wenn ich ihn sehe. Klingt verrückt, ich weiß.

      Liebe Barbara, ich reiße mich jetzt zusammen, morgen schreibe ich das Gegenteil zu heute, habe schon begonnen, es zu formulieren. Es wird den Titel tragen: "Die dem Negativen abgewandte Seite".

      Ich danke dir für deine netten, klugen und verständnisvollen Worte.

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquide über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.