.

.

Freitag, 25. November 2016

Betrachtungen

Wie du und wohl auch ziemlich jeder andere, so hätte ich ebenfalls etliches zu sagen, was die Stimmung im Lande betrifft, wie die Medien agieren - und überhaupt, stimmt es, was vielerorts behauptet wird, dass wir heute in einer "immer schlimmeren Zeit" leben? Ist es wahr, dass der Umgang miteinander ausufert, dass Hass mehr und mehr um sich greift?

Ja und nein gleichermaßen.

Nun habe ich hier auf Arbeit keine Lust, einen ellenlangen Eintrag zu fabulieren, der zeigt, dass die heutige Zeit im Vergleich zu früher trotz steigender Bedrohungen eher harmlos ist. Ich werfe einfach mal ein paar Stichworte "in die Runde", die zumindest die älteren unter uns noch sehr gut kennen.

Bis 1945, also bis nach dem Krieg war jedes Jahrzehnt katastrophal, voller Extreme und Gewalt. Aus heutiger Sicht wird oft gesagt, die 1950er Jahre seien ruhig und behäbig verlaufen. Dabei war die deutsche Gesellschaft damals vielleicht am heftigsten zerrissen wie jemals zuvor. Nazi-Zeit vorbei, in den Köpfen aber noch nicht, besetzt, nicht befreit, Deutschland zertrennt, neue politische Systeme. Ost und West hassten sich bis aufs Blut. Kriege in der Welt wie heute auch. In Westdeutschland die Einführung der Bundeswehr. Aus "Nie wieder Krieg" wurde eine atomare Bedrohungslage gegenseitiger Vernichtung. Und der Wille dazu war in jedem zweiten Bürger vorhanden. Ostermärsche und erste Demos der ersten Generation einer neuen Friedensbewegung, Menschenmassen gingen auf die Straßen und Plätze. Kurzum, unsere heutigen innerdeutschen gesellschaftlichen Probleme sind Pipifax im Vergleich zum Nachkriegsjahrzehnt.

1960er Jahre: die Spaltung der Gesellschaften hielt an, eine neue Generation begann die Welt weltweit umzukrempeln. Fundamentale Werte stürzten wie morsche Gebäude ein.

1970er Jahre: Umbruch bedeutet leider oft auch Gewalt. Ein Jahrzehnt vielschichtiger Gewalt und des deutschen Terrorismus' begann. Jeder zweite Westdeutsche betrachtete sich in irgendeiner Art selber als "Sympathisant" des Terrors. Tat er/sie es nicht, so dann die anderen und man wurde in eine solche Ecke verordnet. Diskussionen griffen um sich, deren Inhalte heute absurd erscheinen wie etwa, ob Gewalt gegen Sachen legitim sei, gegen Menschen hingegen nicht? Manchmal sei da eben nicht eindeutig zu trennen und jemand als Vertreter des "verbrecherischen Schweinesystems" sei halt als Opfer akzeptabel - und so weiter, furchtbar. Man stelle sich die 70er-Jahre-Diskussionsthemen einmal heute vor.

1980er Jahre: Bereits während der Gewalt der 70er Jahre entwickelte sich eine zweite Generation der Friedensbewegung, die in den 80er Jahren politische Formen unter anderem als Partei "Die Grünen" annahmen. Riesige Demos in Westdeutschland. Eine beinahe hysterische Vergötterung von Franz-Joseph Strauß und ein ebensolcher abgrundtiefer Hass gegen ihn fanden ihren Höhepunkt bei seiner Kanzlerkandidatur. Letzte Terror-Morde der RAF, dann war von heute auf morgen alles vorüber. Die Gesellschaft wurde plötzlich in einer Art und Weise geeint, wie es niemand vorausgesehen hatte: 1989: die "Wende" oder die "Wiedervereinigung", je nach Perspektive.

1990er Jahre: das gleichermaßen aufregendste wie friedlichste Jahrzehnt für Deutschland seit 1914. Neue Märkte, neue Geschäfte, neues Geld - die Wirtschaft sowie die Geschäftemacher waren beschäftigt und kümmerten sich nicht mehr um die Menschen. Abermals brach ein politisches Wertesystem zusammen, es lässt sich beinahe sagen, die Deutschen haben im Umgang mit Ideologien heute wohl am meisten Erfahrung. Die junge Generation blieb weitgehend sich selber überlassen. Techno und Rave, was könnte die 90er Jahre besser versinnbildlichen. Weltweit wurde die Kultur, ja sogar bis Hollywood, in allen Bereichen und nicht zuletzt gerade durch das Beispiel Deutschlands positiv inspiriert - es war ein gigantischer, friedlicher, globalen Wertewandel. Eine bisher nie dagewesenen Hoffnung auf Friede, Gleichberechtigung, Wohlstand und einem Wir-Gefühl als Menschheit ohne politische Grenzen griff um sich, ja, es war ein Feuer der Ereiferung.

2000er Jahre: Diese ganze Hoffnung wurde an einem Tag zunichtegemacht. Der 11. September 2001 hat alles zerstört. Der islamische Terror lähmt die Menschheit seither, und dies hält in einer nicht nachlassenden Intensität bis heute an. Es gibt nichts gewalttätigeres in der Geschichte, es gibt keine größere Menschenverachtung und keinen vergleichbaren Hass als den, der durch den islamischen Terror in die Welt gebracht wird. Und doch ist unser Umgang miteinander auf der Insel Deutschland harmlos im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor, und noch sind wir nicht betroffen von dieser äußeren Gewalt. Sie rückt zwar stetig näher, England, Spanien, Frankreich, aber unsere Probleme beispielsweise einer Umgangskultur in den sozialen Medien, Genderdiskussionen angesichts der Forderung nach Einführung dritter Toiletten ('tschuldigung, das kann ich mir einfach nicht verkneifen) oder Hass- und Rassismusdefinitionen jugendlicher Dumm- oder Wirrköpfe sind pure Luxusbefindlichkeiten angesichts dessen, was uns erst bevorsteht.

2016: Wie wird in Zukunft diese Zweitausendzehner-Dekade wohl bewertet werden?

Jaja, an meine Kritiker: ich weiß, vieles habe ich selber vergessen, einiges absichtlich unbeachtet gelassen und sowieso ist alles hier ein subjektiver Tagebucheintrag persönlicher Eindrücke und kein Ergebnis wissenschaftlicher Studien. Wenn du die Welt anders siehst und verstehst, so soll dies so sein, um Himmels Willen, der Welt ist es sowieso egal, was oder wie wir über sie denken, was wir sagen, was wir tun oder lassen - irgendwann sind wir als Menschheit nicht mehr da aber die Welt dreht sich munter weiter. Irgendwann wird sie dann von der Sonne "verschluckt" werden, unser Planetensystem hört auf zu existieren, vielen anderen, alte und neue Erden, ergeht's ebenso, ganze Galaxien kommen und gehen - also, wer sich über Kleinkram aufregt, ist selber Schuld.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen