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Mittwoch, 9. November 2016

Abseits der Logik

Autoabgase unterliegen gewissen Grenzwerten, was ihre chemische Zusammensetzung bzw. deren Schädlichkeit betrifft. "Gewisse" bedeutet, wie wir bei VW derzeit sehen, dass es auch gewissermaßen relativ sein kann, was hinten raus kommt, also von welchem Standpunkt aus ein Grenzwert betrachtet wird. Aber sei's drum, es gibt sie, die Grenzwerte.

Fahre ich mit meinem Fahrrad hinter einem Auto her, atme ich dessen Abgase ein. Das ist aber nicht schlimm, wird mir versichert, und nicht ungesund, da der Staat dafür sorgt, dass die Grenzwerte dieser schädlichen Abgase mehr oder weniger eingehalten werden. Ärzte, Wissenschaftler, Behördenvertreter und Politiker bescheinigen dem Auto seine Unbedenklichkeit und nehmen mir die Sorge, am Straßenverkehr mit meinem Velo teilzunehmen. Schockbilder von schwarz eingefärbten Lungen, hässlich verfaulten Zähnen, amputierten blutigen Gliedmaßen oder eingängige Slogans wie "Autos töten Ihr Kind bereits in der Schwangerschaft" haften auf keine Heckscheiben der Automobile. Radfahren auf Straßen wird weder verboten noch mit irgendeiner gesundheitspolitischen Begründung reglementiert.

Fahre ich zwei Autos hinterher, so bin ich bereits ein Dual-User der Autoabgase.  Die Abgase, die bei einem einzelnen Auto noch grenzwertig eingehalten werden, verdoppeln sich logischerweise beim zweiten. Fahre ich im Berufsverkehr, stinkt mitunter die ganze Stadt gewaltig und ich entwickle mich vom Dual-User zum multiplen User der Autoabgase. Wenn die komplette Luft um mich herum vor lauter Schadstoffen kaum noch Sauerstoff enthält, so erfüllt doch jeder einzelne Wagen die Grenzwerte seines Schadstoffausstoßes. Mag die Umgebungsluft auch noch so ungesund sein, jedem Auto wird seine Unschädlichkeit bedenkenlos amtlich bescheinigt.

Im Inneren der Wagen sorgen heutzutage serienmäßig technisch raffinierte Filteranlagen dafür, dass von der Masse der übrigen motorisierten Verkehrsteilnehmer kaum oder jedenfalls weniger Schadstoffe hinein gelangen. Was ja bereits der Logik widerspricht, da die Umgebungsluft doch aufgrund aller eingehaltenen Grenzwerte unbedenklich für Anwohner, Fußgänger, Kinder auf ihren Schulwegen und mich als Fahrradfahrer sein soll. Dennoch, diese Filteranlagen sind ein kräftiges Verkaufsargument der Hersteller für ihre Autos. Im doppelten Sinne ist hier etwas absurd, denn wenn einerseits nichts ungesund ist, wieso werden dann überhaupt Filter für den Auto-Innenraum benötigt? Und andererseits, wieso produziert ein Hersteller etwas, vor dem er gleichzeitig seine Kunden schützt? Das macht die Tabakindustrie, da versteht man es ja noch, und dort müssen die Hersteller ihre Kunden auch vor der Benutzung ihrer Produkte eindringlich warnen, aber wieso ist das beim Auto anders?

Und dann gibt es die E-Dampfgeräte (E-Zigaretten & Co.). Die Inhalation deren Dampf ist erwiesenermaßen so unschädlich wie eine Tasse Kaffee und sogar in der theoretischen Auslegung dermaßen harmlos, dass nicht einmal irgendwelche Grenzwerte für ihre wenigen Inhaltsstoffe existieren. Folglich gibt es auch weder Filteranlagen noch verpflichtende Warnaufschriften, denn es gibt nichts herauszufiltern und nichts, vor dem gewarnt werden müsste; trotzdem ist dies das einzige der drei erwähnten Produkte, das so reguliert werden soll, dass es einem faktischen Verbot entspricht.

Die Absurdität dessen muss man sich erst mal bildlich vor Augen führen: nicht auf Autos wird vor Abgasen gewarnt, kein Ruf erklingt: "Schützt unsere Kinder!" und keine Zigarette wird verboten (an jeder Ecke kann man sie kaufen), aber gegen das harmlose Produkt der E-Dampfe wird aus allen politischen, medialen und behördlichen Rohren geschossen wie gegen kaum etwas jemals zuvor. Wer hier die wahren Hintergründe immer noch nicht sieht, dem ist dann wirklich auch nicht mehr zu helfen.

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