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Donnerstag, 13. Oktober 2016

Knock-Out

Mit dem Fahrrad unterwegs zu EDEKA, das ist für mich nur eine ca. 3-Kilometer-Fahrt, 10 Minuten. Je nach Verkehr bin ich schneller mit dem Rad am Ziel als mit einem Auto. Bewegung gibt's gratis obendrein, kommt alles aufs Bewegungs-Konto, außerdem spare ich mir damit teures Geld fürs Fitnessstudio.

Die Versuchung ist groß, wieder eine ellenlange Einleitung zu fabrizieren ;-)  Nein, ich lass es und komme direkt zum Punkt, to the point of no return.

Also während dieser 10 Minuten befinde ich mich tief in meinen Gedanken des Alltags, die Fahrt verläuft weitgehend autonom. Dann sehe ich an der Kreuzung eine alte Bekannte mit ihren beiden Hunden. Die Drei sind unterwegs zum Hundespaziergang in den nahegelegenen Wald. Ich kenne die Frau seit fast 20 Jahren vom Sehen, sie wird heute um die 70 bis 75 Jahre alt sein, ihre Hunde kannte und kenne ich alle. Wir sind oft stundenlang Smalltalk erzählend durch den Wald gegangen, mit "Herrn Müller" anfangs und nachher 14 Jahre lang mit Elli. Seit Elli gegangen ist, war ich nicht mehr im Wald.

Und da spricht die Frau mich an der Kreuzung an, fragt, wie es Elli geht - in diesem Augenblick kippt ein Fass in mir plötzlich um und es ergießt sich eine emotionale, wie Vulkanlava zähflüssige, teerartige schwarze Masse, bestehend aus reiner Trauer. Ich bin wie aus den Wolken gerissen, etwas geht in mir vor, aber ich verstehe nicht was. All das geschieht innerhalb einer Sekunde. Mein Mund bewegt sich, will ein Wort umfassen, da schnürt schon etwas meine Kehle ein. Dieses Etwas, gehüllt in einen Schleier aus schwarzem Leid, steigt in mir auf und beginnt mich zu verschlingen. Ein Heulkrampf setzt ein wie eigentlich nie zuvor in meinem Erwachsenenleben - ich fahre direkt weiter und winke der Frau nur rasch entschuldigend zu.

Es hatte niemand mitbekommen, was mit mir in diesem Moment geschah. Im wortwörtlichen Sinne übermannte mich der pure Schmerz. Elli! Elli!

Was soll das bitteschön? So etwas kenne ich nicht, lese von Frauen in den Wechseljahren, denen ähnliches widerfährt - aber mir doch nicht, ich bin ein Mann! Was stimmt da in meinem Hirn nicht? Natürlich vermisse ich Elli wie nichts anderes auf der Welt, ihr Verlust zerreißt mein Herz; seit Monaten. Aber ich war und bin Realist genug, mich nicht von Gefühlen so sehr aus der Bahn werfen zu lassen. Und dann das, völlig unvorbereitet von jetzt auf gleich und so heftig, dass es mich beinahe umgerissen hätte.

Mann oh Mann, alt zu werden, der Wechsel des Chemiehaushalts im Körper, ist nicht schön, ganz und gar nicht. Die Pubertät steht am Anfang, ist oft und war auch bei mir schwer genug, das brauche ich wirklich nicht noch einmal. Wie nennt man nun das umgekehrte Spiel in der Kurve vor der Zielgeraden? Gibt es dafür eigentlich eine Bezeichnung?

Kommentare:

  1. Vorgezogene altersbedingte Gefühlsinkontinenz, wäre da so meine spontane Antwort.

    Ja, das mit der Chemie im Hirn, das ist mir auch nicht so ganz geheuer.
    Ich hatte früher mal Zeiten, da habe monatelang nachts nur geheult. Ein mal nahm ich dann eine entsprechende Tablette und sofort wurde es besser. Der Schreck, dass Chemie so viel bewirken kann, die eigene und die per Pülverchen, tja da kann man schon mal anfangen, am Sinn des Lebens und an dem, was man gemeinhin meint, was eine Persönlichkeit ausmacht, zu zweifeln.

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    1. Ja, so ist es wohl, die Persönlichkeit wird reichlich überbewertet. Gleichzeitig wird die Furcht vor Medikamenten ebenso übertrieben. Sobald etwas lateinische oder griechische Namen trägt, haben viele Leute Angst davor. Komischerweise aber nicht, sich kiloweise Zucker, Alkohol, Nikotin oder wer weiß was sonst noch reinzuziehen. Naja, Menschen halt.

      Ich hoffe doch, meine Spät-Pubertät legt sich mit der Zeit; falls ihre Auswirkungen aber überhand nehmen oder zu häufig auftreten sollten, gibt es bei mir keine Vorbehalte, temporär ein entsprechendes Medikament einzunehmen.

      Es ist ja nicht allein der Chemiehaushalt, der unsere Persönlichkeit beeinflusst, wenn man mal sieht, was die Forschung mittlerweile weiß über die Entscheidungsfindung - also lange war es alleine geisteswissenschaftlicher Bestandteil z.B. der Philosophie, dass wir keinen wirklichen freien Willen besitzen, nun aber ist genau das naturwissenschaftlich belegt worden, dass quasi jede noch so banale Entscheidung, die wir glauben in dem entsprechenden Moment bewusst selber zu treffen, bereits vorher getroffen wurde aufgrund von Voraussetzungen, die im Nano-Sekundenbereich auf zellularer Ebene vorher eingetreten sind - also Zwangsläufigkeiten gewissermaßen - das finde ich schon alles faszinierend, ernüchternd und ein klein wenig beängstigend zugleich. Beängstigend aber nur in dem Sinne, dass uns so etwas die Einzigartigkeit und Wichtigkeit nimmt, also uns als Individuen sowie eines jeden einzelnen Lebewesens.

      Ein weites Feld. Auch das. Jawohl. Und gut' Nacht :-)

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  2. Vorgezogene altersbedingte Gefühlsinkontinenz, LOL.
    Gefühle lassen sich ganz gut überlisten, indem man den Verstand einsetzt, mache ich auch.
    Irgendwann überkommt es einen dann doch. Muss dann raus und gut ist.
    Unser letzter Katz ist jetzt fünf Jahre nicht mehr und noch immer vermisst man so viele Gemeinsamkeiten.

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    1. Barbara, was mich so schockierend überraschte ist ja nicht ein verborgener Schmerz, der von Zeit zu Zeit aus dem Rucksack hervorschaut und sich in Erinnerung bringt - da haben wir mit den Jahren alle eine stets schwerer werdende Last auf unsere Rücken zu tragen - sondern es ist zum einen die Vehemenz und zum anderen das Plötzliche, das wie aus dem Nichts binnen einer Sekunde mit vollem Schub auf 100 Prozent Beschleunigung einfach so da ist. Es blieb nicht einmal Zeit, mir eine angemessene Reaktion zu überlegen, ja mir fehlte sogar der kurze Moment, meinen Verstand einzuschalten. Augenblicklich tat sich ein Loch vor mir auf, in das ich hineinstürzte.

      So wie ein Hypnotiseur ein bestimmtes Codewort nennt und der Hypnotisierte sofort einem Befehl folgt - oder wie ein Cyber-Borg, der aus seinem Kollektiv einen Befehl erhält und unmittelbar reagiert, so war das. Das Codewort lautete gestern "Elli". Heute nicht mehr, und wer weiß, welches Codewort Morgen für eine ähnliche Reaktion vorgesehen sein wird.

      Das zeigt mir, dass meine Chemie momentan nicht stimmt, dass da etwas durcheinander geraten sein muss, dass sich eine Entwicklung ähnlich der Pubertät quasi in progress befindet. Es war also anders als das übliche Rauslassen, was wir alle von Zeit zu Zeit tun. Es fällt mir nur schwer, es treffend zu beschreiben. Bis gestern kannte ich so etwas schließlich selber nicht - hätte jemand anderes es noch vorgestern beschrieben, ich glaube nicht, dass ich es verstanden hätte - im Sinne eines Nachempfinden. Es sind ja zweierlei Paar Schuhe: ich kann etwas rein logisch oder sachlich verstehen oder aber ich verstehe es, da mir etwas ähnliches selber schon geschehen ist. Im letzten Fall benötige ich nicht einmal eine detaillierte Beschreibung, zwei, drei Worte hätten dann bereits ausgereicht, zu verstehen.

      Und wenn ich mir heute "im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte" diese Zusammenhänge so betrachte, dann wird mir unheimlich angesichts einfacher chemischer bzw. hormoneller Prozesse und deren mögliche Auswirkungen auf meine Persönlichkeit. Und das geht dann noch weiter, mir schaudert's förmlich vor der Erkenntnis, dass möglicherweise jede Persönlichkeit lediglich ein Sud aus molekularbiologischen oder chemischen oder wie auch immer zu bezeichnenden Zusammensetzungen ist. Das wäre das definitive Aus eines jeden erdenklichen Spirits und der Magie.

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  3. Genau das meine ich Georg. Da ist nichts machbar mit Verstand und Selbstbeherrschung. Und genau zu Deiner abschließenden Erkenntnis bin ich damals dann auch gekommen und dabei geblieben ;-)

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    1. "Und genau zu Deiner abschließenden Erkenntnis bin ich damals dann auch gekommen und dabei geblieben"

      Was dann auch den kleinen aber entscheidenden Unterschied zwischen einer Agnostikerin und einer Atheistin ausmacht. Das Ende der Magie legt gewissermaßen den Blick frei aufs Nichts.

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