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Dienstag, 4. Oktober 2016

Ein Fundstück wie aus einer vergangenen Zeit

Als Blogger in Deutschland galt man von Mitte/Ende der 90er Jahre vielleicht 5 Jahre lang so bis ungefähr 2002 als einer unter 10, also zu den 10 Prozent der netzaktiven Leute. Sprunghaft stieg in dieser kurzen Zeit weltweit die Zahl der Bloggerinnen und Blogger an. Wer bis 2003 nicht bloggte, irgendwie halt und wenn's nur mit täglichen Bildchen war, war nicht "in", gehörte nicht dazu zu den vermeintlich "innovativen" Kreisen einer progressiven Moderne, der Schicht linksliberaler Überflieger bestehend aus schnoddrigen Gestalten eines hemdsärmligen Investigativismus (was auch immer das sein mag).

In einem Blog sollte regelmäßig etwas geschrieben werden, am besten täglich. Dazu bedarf es aber auch eines täglichen Themas. Die meisten Menschen bekommen nicht mal einen Schulaufsatz ein mal pro Jahr hin - nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil sie zu faul dazu sind. Also dauerte es auch nicht lange, bis findige Typen die Sozialen Medien neu definierten und dazu allerhand Kurzformen bestehender Entwicklungen zusammenfassten. Gemeinsam mit der Werbewelt verpassten sie ihnen einen hippen Anstrich und verkauften den Menschen sodann ein scheinbar neues Produkt als "Web 2.0". Die faulen Blogger und alle, die prinzipiell überall dazugehören wollen, sprangen natürlich sofort auf diesen Zug, denn 140 Zeichen einer SMS am Tag im Vergleich zu einem vollständigen Artikel, hey, eine Befreiung! Man braucht nichts mehr zu tun, um dazuzugehören, nur noch morgens verbal zu rülpsen, hin und wieder einen sozialen Furz von sich zu lassen und schon wird man zum Hipster.

Die Entwicklung und Vermischung geht natürlich weiter, aus Blogs werden Vlogs, bei denen zur Selbstinszenierung ein regelmäßiges Kichern ausreicht, und wer weiß, wohin uns das alles noch führen wird, wahrscheinlich zu Robotern als persönliche Assistenten.

Heute ist das Bloggen jedenfalls beinahe wieder ausgestorben. Oder ich könnte auch sagen, das Bloggen im klassischen Sinne - eine Entwicklung von der ultimativen Moderne über den Mainstream ihrer Verwendung bis hin zu einem klassischen Museumsabbild des World Wide Web innerhalb von nur 20 Jahren; wow! Das ist schon etwas Einzigartiges.

Nun, es gibt sie aber noch, die klassischen textbasierten Blogs. Hier und dort leuchten sie gleich lodernde Feuer der Beständigkeit des sprachlichen Ausdrucks. Heute hat mich wieder "so jemand" bei der Lektüre seines Blogeintrags schmunzeln lassen. Sebastian schreibt über die "Facts" der "Fachstelle NÖ". Ein toller Artikel eines Menschen, den man die Freude am Schreiben in jeder Zeile anmerkt.

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