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Donnerstag, 22. September 2016

Ritter St. Georg

Es ist ja so, bei einer hauptsächlich sitzenden Tätigkeit über 12 Stunden hinweg, nickt man auch mal kurz ein. Davon kann sich niemand freisprechen, das geschieht tagsüber genauso wie nachts. Dumm beim Autofahren aber am Tisch meines temporären Arbeitsplatzes ist es gegenwärtig völlig wurscht. Mein nachtaktiver Biorhythmus zeigte vorhin eine ebensolche Abnormalität und ich war für wenige Minuten abgetaucht in eine merkwürdige Zwischenwelt - nicht wach, so doch ebenso in keinem Reich des Schlafs. Das sogenannte Dösen, ein Glimmen eines Holzspans sehr ähnlich, mit dem zwar durch den perfekten Luftzug noch allerhand Feuer zu entfachen wäre, der jedoch bereits den Weg in ein dunkles trocken-kaltes Dasein eingeschlagen hat, an dessen Ende schlussendlich kein Wind mehr heißes Feuer anzufachen in der Lage wäre.

So saß ich also da, den Kopf gesenkt, der Hut in die Stirn gerutscht, die Arme über der Brust verschränkt und döste vor mich hin.

Die wenigen realen Geräusche nahm ich im Hintergrund gut wahr. Doch, doch, ich glaubte sogar durchgehend meine Jacke zu sehen, es kann allerdings auch sein, dass meine Augen längst gänzlich geschlossen waren, im Grunde weiß ich das nicht mehr mit Sicherheit zu sagen, aber es ist auch egal, denn ob nun real oder nicht, in diesem Augenblick sah ich etwas an meiner Jacke baumeln, an einem Spinnenfaden.

Graugrünlich schimmernd schien es sich zu bewegen und den Faden langsam hinauf zu klettern in Richtung meines Kopfes, es wurde größer, stetig größer, schon erkannte ich Insektenflügel, die sich wiederum allmählich in schillernde Schwingen verwandelten. Was da unterwegs hoch zu meinem Kopf kroch, war kein Insekt, neinnein, es war eine Fantasiegesatalt, ein Mischwesen, einerseits ein Flugsaurier und andererseits bestehend aus etwas Undefinierbarem. Als Gesamtbild würde ich meinen, es war ein Furchtbar-Drache. Und schon schien er bedrohlich nah, Panik breitete sich in mir aus, "Georg, nun tu doch was!", schrie eine Stimme in mir, doch die Versuchung wohliger Ruhe zog mich weiter Richtung Schlaf. Das Monster rückte derweil näher und näher. Was sollte ich bloß tun?

Instinktiv begann etwas in mir zu spucken, nicht ich war das, ich befand mich noch auf schlafwandlerischem Weg. Fremdgesteuert schlug ich mit meinen Händen wie man überrascht und angewidert ein lästiges Insekt verscheucht. Ich beobachtete dies von innen heraus und wähnte mich meines Namensgebers gleich als heiliger Rittersmann Sankt Georg, der verwegen mit Schwert und Lanze das Ungeheuer bekämpfte - klar, in diesem Moment kehrte mein Verstand zurück, der Holzspan flammte quasi wieder auf. Dann war ich wach und nahm mich wie in einem Film in einer Schlacht wahr. "Meine Güte, da hast du aber Glück gehabt", raunte die Indoor-Stimme, "wie entsetzlich eklig, wenn dieses Drachen-Viech dir ins Ohr gekrabbelt wäre". Während ich nun an mir herunter blickte, klimperte etwas. Da erkannte ich den Drachen. Von mir bereits gebändigt, hing er an diesem kurzen Band, an jenem Lanyard, das an meiner E-Dampfe befestigt ist, die sich in der Brusttasche befand und das nun also gut 20 Zentimeter hinunter baumelte. An dessen Ende befand sich das gefürchtete Untier - es war die kleine Stoffmaus mit einem blinkenden Anhänger, die mich kühn und herausfordernd ansah. Da erst war ich endgültig wach.

Kommentare:

  1. Hach ja, ich liebe diese Zustände zwischen Tag und Traum. Oder, bei dir zwischen Nacht und Traum. Oft geben sie mir Anregungen für meine Geschichten. Bei mir besteht nur ein kleines Problem. Ich beginne nämlich in solchen Phasen des dahin Dämmerns, laut zu sprechen. Was dabei aber heraus kommt, ist zumeist völliger Unsinn.
    Tja, und wenn mich die Müdigkeit auf dem Heimweg von der Arbeit in der Straßenbahn überfällt und in diese seltsame Zwischenwelt verschleppt, kann das leicht peinlich werden, sollte ich plötzlich anfangen, wirres Zeug zu reden.
    *kicher*
    Liebe Grüße
    die Mira

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    1. Oje, ich denke, die liebe Ellimaus hätte dazu auch einiges verraten können ;-)

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