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Montag, 5. September 2016

Ernüchterndes Resümee

Meine befristete Tätigkeit in der Flüchtlingsunterkunft läuft so langsam aus und es ist an der Zeit, ein kurzes Resümee zu ziehen. Was habe ich gelernt? Was wurde aus meinen Erwartungen?

So oder ähnlich könnte der einleitende Satz zu meinem heutigen Tagebucheintrag lauten, es gibt nur einen kleinen Haken an der Geschichte, nämlich keine Flüchtlinge.

In den ersten drei Monaten beschützten wir in der Unterkunft um die 100 Personen. Die Unterkunft war zu keiner Zeit voll belegt und bereits nach Silvester lebten dort nur noch drei, vier Familien, die sich untereinander organisierten; ab dem Frühjahr stand die Halle komplett leer. Wir bewachten also zu Viert eine leere Halle. Die Betreuung der Flüchtlinge wurde ebenso von bis zu vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer Hilfsorganisation geleistet - ebenfalls für null Personen, was im Klartext bedeutete, deren Nachtschicht kam nur noch zum Schlafen zu uns in die Halle. Schlafplätze gab es ja genug. Im Laufe der Zeit wurde unsere Bewachungsstärke halbiert und kürzlich die Nachtschichten der Betreuung vollends eingestellt, so dass die leere Unterkunft in den verbliebenen bzw. verbleibenden Monaten nachts von zwei Menschen bewacht wird. Das war's. Mangels Flüchtlingen.

Nix gelernt aber immerhin einen sicheren Job gehabt.

Viele Kolleginnen und Kollegen melden sich gegenwärtig bei der Arbeitsagentur und sind, so sie keine neue Beschäftigung finden, fortan arbeitslos. Es wird interessant werden, zu beobachten, wie stark die Zahlen der Arbeitslosigkeit in den folgenden Monaten ansteigt, denn auch anderswo laufen die staatlich finanzierten Maßnahmen zur Flüchtlingshilfe aus, mit deren Geld viele Tausend Arbeitsplätze geschaffen wurden. Neue Flüchtlinge sind nicht in Sicht.

Die Politische Dimension: Die "AfD" steht stellvertretend inhaltlich für unsere Arbeitslosigkeit - und zwar ganz praktisch: ohne Flüchtlinge keine Arbeit.

Daher befürchte ich einen weiteren Anstieg von deren Unterstützerinnen und Unterstützer, denn, so absurd und widersprüchlich es auch erscheinen mag, der soziale Unfriede wächst in unserem Land mit jedem Arbeitslosen; und wer vorher aufgrund der staatlichen Maßnahmen seiner Beschäftigung noch die Finger bei den AfD-Wahlkreuzen still gehalten hatte, wird im Angesicht der Kosten für weitere Infrastruktur- und Fördermaßnahmen für die bereits im Lande befindlichen Flüchtlinge neidisch oder eifersüchtig reagieren und zweifelsohne aufgergt und zittrig die "AfD" ankreuzen. So weit ich das aus meiner beschränkten kleinen Realitätssicht (ich meine die nicht repräsentative) beurteilen kann, wird mit Bestimmtheit weit über die Hälfte der Ex-Kolleginnen und Ex-Kollegen dies tun. Wer also bei der Bundestagswahl 2017 einen Sofortstart der "AfD" verhindern möchte, sollte jetzt für ausreichend Arbeitsplätze sorgen - jetzt, nicht nächstes Jahr. Geschieht dies nicht, was ich befürchte, darf sich keiner über das Ergebnis dieser Wahl wundern oder so tun, als sei man darüber überrascht.

Was aus mir persönlich wird? Nunja, es kehrt dieselbe Unsicherheit und erzwungene Flexibilität zurück, die auch vor diesem Jahr bei mir herrschte. Es beginnt schon diese Woche mit einem voraussichtlich miesen Job - aber gottlob nur wenige Nächte lang.

Deshalb auch an dich für die kommende Woche mein Wahlspruch: Bleibe schlau und lass dich nicht verführen; was uns nicht umbringt, macht uns stark.

[Nachtrag]

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