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Mittwoch, 21. September 2016

Arbeit, Leben, Liebe - Sehen und Verstehen

Mit dem heutigen Datum beginnt der letzte Monat, in dem ich meinen Dienst in der seit langer Zeit leeren Flüchtlingsunterkunft verrichte. Sowieso bereits mit halbierten Diensten bei allerdings voller Bezahlung. Immerhin. Nun ja, der Bund hat bezahlt, also wir alle, dennoch gab es nichts Vergleichbares in 30 Jahren meiner Tätigkeit: eine Nacht arbeiten, zwei bezahlt bekommen, quasi jeder Tag ein Feiertag mit 100 Prozent Zulage. Das geht jetzt also seinem Ende entgegen. Seit zwei Monaten erlebe ich bereits eine Rückentwicklung und arbeite mehr und mehr bei zeitlich begrenzten Diensten in den unterschiedlichsten Objekten - halt so wie früher auch. Bisher hatte ich Glück, konnte den "Schleppi" mitnehmen (nicht aber den wider Erwarten zu einem meiner Lieblingsverdampfer emporgestiegenen "OBS-Engine", da er nach wie vor leider nicht rucksack- bzw. outdoortauglich ist) und es hat erneut die Zeit begonnen, in der keine Planung mehr funktioniert und ich per kurzfristiger Telefonanrufe neue Einsatzorte mitgeteilt bekomme. Falls keine Aufträge reinkommen = kein Geld = Nagen am Hungertuch. Vielleicht habe ich auch deshalb mittlerweile einen Vorrat an Flüssigkeiten fürs Liquid, an E-Dampfgeräten und E-Dampf-Utensilien aller Art gehortet, der locker mehrere Jahre ausreicht. Auch bestimmte haltbare Lebensmittel, Verbrauchsmaterial etc. werden von mir gebunkert. Sie waren bisher noch nie nötig aber schon oft stand es Spitz auf Knopf. Es beruhigt ein Vorrat schon, wenn du mit 5 Euro in der Tasche zum Wocheneinkauf gehen musst.

Was ich arbeite, ist keine berufliche Selbstständigkeit, kommt ihr aber de facto ziemlich nah, allerdings gottlob mit dem Vorteil, dass ich keinen Cent Schulden oder ähnliche Abzahl-Verträge irgendwo habe und mit Ellis Fortgehen auch kein Mensch und kein Tier mehr von mir abhängig ist - das ist ein Riesenvorteil, dessen bin ich mir bewusst, denn ich weiß, bei wie vielen Menschen solche Sorgen um die Lieben das Herz und den Verstand zermürben können. Mein ganzes Mitgefühl gilt diesen Menschen, die sich und ihre Angehörigen mit zwei und mehr Jobs gerade so über Wasser halten, die sich von morgens bis abends mit den Gedanken ans Überleben abrackern und doch nie so richtig an bzw. auf einen grünen Zweig gelangen. Die Unsicherheit, das Nicht-Planen-Können und etwaige vorhandene Schulden zwingen im Laufe der Zeit den stärksten Menschen in die Knie - seelisch sowie körperlich.

Die eigenen unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse erweitern ungemein den Horizont für die Mitmenschen. Wäre ich reich, so würde ich mein Vermögen mit diesen Menschen teilen, was bedeutet, ich wäre niemals reich. Die rücksichtslose Jagd nach dem Geld, die viele Menschen bei anderen anprangern, ist unter diesem Blickwinkel völlig anders zu verstehen. Es trifft hier eher die Metapher des ausgehungerten Hundes zu, der einen Leckerbissen wie auch immer ergattert hat und diesen nun bis aufs Blut verteidigt. Im Moment sind ihm sämtliche artspezifischen Verhaltensregeln (was unserer Ethik entspricht) gleichgültig und er setzt instinktiv sein Leben aufs Spiel, diesen einen Bissen "ums Verrecken" nicht wieder herzugeben. In dieser Perspektive sind manche harten, unverschämten, ja, an Raffgier erinnernden Verhaltensweisen ganz anders zu bewerten. Ein satter und sich in materieller Sicherheit wiegender Mensch verliert von Jahr zu Jahr mehr seiner nötigen Empathie, um sich in existenzielle Nöte und den daraus folgenden Verhaltensweisen anderer hineinversetzen zu können. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Doch ich drifte schon wieder ab, 'tschuldigung. Dir und allen anderen wünsche ich einen sicheren Mittwoch und ein Leben, mit möglichst wenig dieser Sorgen. Angesichts des Nichts und des Elends auf der Welt und sogar vor Ort in diesem Land, ist wenig so unsagbar viel. Und auch ich bin für jeden Tag dankbar, an dem ich den Luxus genießen darf, über Dinge des Überlebens hinaus mir Gedanken machen zu können, mich zu freuen über die Schönheit, über den Genuss, über den Sinn allen und meines Daseins, über den hereinbrechenden Herbst in seiner Pracht, über Rainer Maria Rilke, über ein Lächeln eines fremden Menschen, über ein liebes Wort, über die dreibeinige Nachbarkatze, die bei unseren Begegnungen vor dem Haus so gerne von mir gestreichelt wird und über die Liebe, die trotz allen Unmuts überall zu sehen ist, die in meinem mürrischen Gegenüber genauso wie zwischen den Zweigen eines an den Meisenknödeln vielbeschäftigten Vogels hervorlugt, die letztlich überall dort zu Hause ist, wo Leben herrscht, Leben, das einen Tag der Mühsal überstanden hat und innehält, der blauen Stunde gleich.

Seh's schon, gehe zurück an die Arbeit, ein Rundgang steht an. Bis morgen.

Kommentare:

  1. Das hast du aber schön geschrieben. Alles, den ganzen Beitrag.
    Ganz besonders wundervoll empfinde ich den ganz langen Satz, der beginnt mit den Worten: "Und auch ich bin für jeden Tag dankbar..."
    Ich habe ihn jetzt bereits sieben Mal gelesen, und genieße ihn jedes Mal auf's Neue.
    Danke für deine Dankbarkeit.
    Ach, und danke, für die virtuelle Handreichung...

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    1. Danke für deine Hand und es freut mich, wenn dir meine Worte gefallen haben.

      Liebe Grüße, Mira (schon wieder mittendrin im Trott)

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Zu alten Blogeinträgen (ab dem zweiten Monat ihrer Reifung) kannst du leider nicht mehr kommentieren, denn um die Lagerung all meiner täglich aromatisierten verbalen Liquide über Jahrzehnte hinweg im Auge zu behalten, geschweige denn ihre Kommentare, bin ich als einzige also einzelne verantwortliche Person schlicht überfordert. Ja, so isses nun mal. Danke trotzdem für dein Interesse.