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Dienstag, 16. August 2016

Vorsicht an der Bordsteinkante

Um zu Fuß (wenn mir danach ist aus bewegungstechnischer Notwendigkeit und so weiter) ins angrenzende Dorf zu gelangen, muss ich ein Stück die Landstraße entlang auf einem Rad- und Gehweg. Diese Straße führt schnurgeradeaus ins Dorf und dort ebenfalls geradeaus ca. einen Kilometer weiter bis in die Dorfmitte, in der sich das Leben abspielt und sich die Geschäfte befinden. Bei Tempo 100 auf der Landstraße wird dem autofahrenden Menschen durch ein Tempo-70-Schild und dann mittels der Ortseingangstafel die Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h angezeigt. Natürlich war das den Fahrerinnen und Fahren immer schon wurscht gewesen und 9 von 10 Autos rauschten mit deutlich über 50 km/h ins Dorf hinein. Zu ihrer Verteidigung muss ich aber sagen, dass es bisher - also von den 70er Jahren bis in die 90er Jahre - eine unsinnige Verkehrsregel war, da rechts und links der Straße nur vereinzelte alte Höfe lagen und ein Tempo 70 sicher besser geeignet gewesen wäre. Also dass auf einer übersichtlichen, geraden und unbebauten Strecke kein Mensch 50 fährt, war sonnenklar.

Seit den 90er Jahren ist die Bebauung an dieser Strecke aber beinahe sprunghaft angestiegen. Heute säumen durchgehend Reihen- und Einfamilienhäuser die Straße. Dementsprechend leben und bewegen sich dort viel mehr Menschen, ein Tempo 50 war also mehr und mehr geboten. Da sich nach wie vor aber kein motorisierter Verkehrsteilnehmer daran hielt, wurde die Straße innerorts umgestaltet. Rechts und links zeichnete man Parkbuchten auf die Straße und die Farbahnmarkierungen erhielten lustige kleinere Striche. Das Resultat dieser ersten baulichen Maßnahme war, dass viele Fahrer an die Formel 1 erinnert wurden und man nun durch eine leichte S-Kurve um die parkenden Wagen herum endlich sogar Spaß auf der langgezogenen und langweiligen Strecke bis ins Dorf hinein empfand: ein Rasen mit gesteigertem Vergnügen sozusagen.

Eine zweite bauliche Maßnahme erfolgte Jahre später: es wurde am Ortseingang eine kleine Verkehrsinsel aufgezeinet. Eine gemalte Insel. Zuerst nur farblich markiert, später dann durch abgeflachte Bordsteine begrenzt. Das veränderte die leichte S-Kurve bei der Ortseinfahrt in eine deutliche S-Kurve: die Fahrzeuglenkerin bzw. sein Lenker musste das Steuerrad wesentlich mehr beanspruchen, was wiederum bei einigen zu einem noch intensiveren Spaßerlebnis führte.

Jüngst veränderte die dritte und vorerst letzte Baumaßnahme alles. Und hier beginnt endlich das eigentliche Erlebnis, das ich dir mitteilen möchte :-)

Die farbliche Markierung der Parkbuchten wurde durch Bordsteine ersetzt. Keine abgeflachten wie bei der Verkehrsinsel, sondern raue, wirklich scharfkantige Steine. Im Schnittpunkt (von Breite und Länge) ragt auf die Fahrbahn nun ein Winkel, dessen Schärfe an einen steinzeitlichen Faustkeil erinnert und der seither ausgesprochen gute Dienste im Sinne der Verkehrsberuhigung leistet.

Ich ging also gestern die Landstraße entlang bis zum Ortseingang. Dort überquerte ich die eine Hälfte der Fahrbahn problemlos, schaute mich auf der Insel zur anderen Hälfte der Fahrbahn um, nahm einen Wagen wahr aber mein übermüdetes Gehirn unterschätzte dessen Geschwindigkeit. Der Wagen, ein schwarzer, sportlich getrimmter Audi A3, sauste heran und unternahm keinerlei Anstalten, sein Tempo zu verringern. Sein Kühlergrill, seine gesamte Frontpartie wirkt bekanntlich ziemlich aggressiv. Auch ich nahm das Design in diesem Zusammenhang so wahr als ich mich auf dem letzten Drittel der zweiten Fahrbahnhälfte, auf seiner Hälfte, befand. Es blieb mir nichts anderes übrig als die restlichen zwei Schritte schneller, ja, ich würde sie als springend bezeichnen, zurückzulegen. Ein älterer Herr hätte nun mit seinem Gehstock wüst gestikulierend diesem Auto hintergeschimpft, wie du gestern aber gelesen hast, bin ich ein zuvorkommender netter Zeitgenosse und außerdem brauche ich zu Fuß noch keinen Gehstock.

Alles, was nun folgte, geschah innerhalb weniger Sekunden: ich schaffte es auf den Gehweg und nahm meine normale Schrittgeschwindigkeit wieder auf. Währenddessen rauschte der schwarze Reiter hinter mir an der Verkehrsinsel vorbei. Vielleicht 1,5 Sekunden später sah ich den Wagen bereits von hinten. Nun musste der fahrende Mensch der leeren Parkbucht ausweichen. Augenblicklich vernahm ich ein lautes "Pffft" und sah den Wagen leicht hüpfen. Schon hielt der Wagen hinter der Parkbucht an. Der Fahrer stieg aus, na, da schau an, es war eine rasant rasende Fahrerin. Der Faustkeil zur Begrenzung der Parkbucht hatte den vorderen rechten Reifen des Audis beinahe auf der gesamten Länge geradezu aufgeschlitzt. Die Fahrerin ging ums Auto herum, sah den Schaden und zückte ihr Smartphone - da war ich auf gleicher Höhe mit ihr und verstand jedes gesprochene Wort. Sie schimpfte, sagte, sie würde später kommen, könne nichts dafür aber der, ich zitiere, "blöde Reifen" habe "einfach so" einen Platten. Ich war meinerseits nun drauf und dran eine sarkastische schadenfreudige Bemerkung loszulassen, entschied mich allerdings - wir wissen es bereits - als zuvorkommender freundlicher Zeitgenosse dann doch für ein weises und vielsagendes Schweigen, das, nachdem die Fahrerin mich direkt ansah, seine Krönung in Form eines leicht angedeuteten aber durch mein breites Grinsen eindeutigen Achselzuckens erhielt - böse sandte die "Einfach-So-Frau" Blitze eines puren Vernichtungswillens aus ihren Augen ;-)

Im Dorf sprechen sich seit geraumer Zeit ähnliche Vorfälle herum und im Großen Ganzen ist die Geschwindigkeit der vielen rasenden Wagen deutlich zurückgegangen. Es kann keiner sagen, bloße Parkbuchten nutzen zur Verkehrsberuhigung nichts - wenn diese Buchten mit scharfen Bordsteinen begrenzt werden, verwandelt sich eine solche Maßnahme augenscheinlich sogar in die effektivste überhaupt.

Kommentare:

  1. Au ja, mehr von solchen Parkbuchten 😀

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    1. Also, wenn's nach mir ginge - geht es ja sowieso nie - ich meine, aber wenn, dann würde ich gerne an so manche prädestinierte Stelle vollautomatische Nagelbänder verlegen, die bei deutlicher Geschwindigkeitsüberschreitung durch Sensoren ausgelöst blitzschnell aus dem Boden fahren :-)

      Tut's dem Auto weh = perfekte Erziehungsmaßnahme für Herrchen oder Frauchen.

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  2. Gnihihi, mach ein Video für You Tube. Wird ein Erfolg :-D

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    1. Gute Idee! Da würden bestimmt ziemlich schnell so einige lustige Filmschnipsel zusammenkommen ;-)

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