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Mittwoch, 27. Juli 2016

Terror, Counter-Strike, E-Dampfen und gute Menschen - wie passt das alles zusammen?

Die Anhänger des zweidimensionalen Denkens feiern gerade wieder Hochkonjunktur und graben eine alte, längst der Verwesung anheimgefallene und als erledigt geglaubte Debatte erneut zu Tage. Angesichts der Fassungslosigkeit über den jüngsten Terror und der daraus folgenden Weigerung, zu glauben, dass Menschen zwar unschuldig geboren werden, so doch im Laufe ihres Lebens durch mannigfache und nicht zu beeinflussende Gründe durchaus böse werden können, werden Spitzhacke und Spaten in die Hände genommen und der "Schuldige" für den Terror, für die Mordanschläge jüngerer Männer in Form des bereits skelettierten alten Sündenbocks namens "Counter Strike" exhumiert. Die Totenausgräber glauben, kein Mensch sei böse, sondern höchstens krank und tue deswegen böse Dinge; eine dieser krankmachenden Ursachen sei das Spielen von Killerspielen.

Wie dieses zweidimensionale Denken und die Medien funktionieren, kennen wir vom Thema der "E-Zigaretten" bzw. des "E-Dampfens" zur Genüge. E-Dampfen sei zwar nicht giftig aber allein deshalb gefährlich, da dadurch junge Menschen verleitet werden würden, Tabakzigaretten zu rauchen. Also ein jugendlicher Nichtraucher, der e-dampft, werde über diesen Weg zum Raucher. Deshalb wird nicht etwa das Rauchen verboten, sondern das gesunde E-Dampfen als "Wegbeschleuniger" oder "Türöffner" des Rauchens. Diese als "Gateway-Theorie" bekannte Annahme kann zwar nicht wissenschaftlich belegt werden, jedoch ist es leicht möglich, mit Statistiken jede erdenkliche Argumentation zu untermauern - wer zweidimensional denkt, dem werden solche Jahrmarktstricks als vermeintliche Wahrheiten einleuchten. Er wird sie folglich nicht mehr hinterfragen und sie dankbar aufsaugen als einfache Antworten, die gottlob einen selbst davor bewahren, liebgewonnene Denkmuster verlassen zu müssen. Nicht das Rauchen ist böse, das neue unschädliche E-Dampfen ist es. Genau so funktioniert es gerade wieder beim Thema "Terror/Amok vs. Killerspiele". Und das geht wie folgt:

Journalistinnen und Journalisten tragen diese Methodik der Scheinlogik weiter und bringen sie ungefiltert unter das Volk. So heißt es zum Beispiel bei "n-tv": "Der Amokläufer von München hat Counter Strike gespielt und sich laut Polizei 'wie in einem Computerspiel bewegt'". Man kann den Spielentwicklern nur gratulieren, denn hier haben sie es geschafft, dass manche Menschen die virtuelle von der realen Welt nicht mehr unterscheiden können - aber nicht die Spielenden wurden hier verwirrt, sondern die nach Antworten suchenden normalen, lieben Menschen: denn hat der Täter sich bewegt wie im Spiel oder ist das Spiel so real wie die Wirklichkeit?

Im Verlauf des Artikels, der diese Zweidimensionalität ungeniert weiterträgt, muss zwangsläufig nach Behauptungen eine Untermauerung durch die Wissenschaft folgen (in religiösen Kulturen wird Gott zitiert, in säkularen Gesellschaften die Wissenschaft), somit wird die obligatorische Studie herangezogen, die vermeintlich belegt, dass Killerspiele gefährliche Auswüchse haben können - man beachte hierbei, dass immerzu nur im Konjunktiv argumentiert wird, denn belegen können weder Gott noch Studien etwas, das faktisch nicht stimmt. Ein Psychologe (die Psychologie kämpft seit Freud um die Anerkennung als seriöse Wissenschaft) wird befragt und der "Experte" nimmt sodann eine Studie heran, die durch ihren englischen Namen bereits mehr Seriosität verspricht als etwa eine Studie einer x-beliebigen Fachhochschule aus der deutschen Provinz. Die "US-Studie der State University Ohio" habe bewiesen, dass durch Killerspiele "durch ausgeprägten Konsum die Empathiefähigkeit abnehmen und die Gewaltbereitschaft zunehmen kann." Obacht: "kann", ein Konjunktiv. Es kann alles durch alles jederzeit geschehen, das heißt soviel wie, "es ist nicht auszuschließen, dass …".

Nun, neben dieser Jahrmarksmethodik bei der Verwendung solcher "Untersuchungen", werden Studien fast ausschließlich durch Statistiken zusammengeschustert. Standardbeispiel: 100 überführte Mörder werden im Knast zu ihren Lebensgewohnheiten befragt und alle geben an, dass sie sich morgens duschen. Ist die Tatsache eines morgendlichen Duschbades nun ein Indiz dafür, zu einem möglichen Mörder zu werden? Muss sanitären Anlagen der Einbau von Zeitschaltuhren gesetzlich verpflichtend vorgeschrieben werden, die das morgendliche Duschen zum Schutz unserer Gesellschaft in die Mittags- oder Abendstunden verlegt? Darf zum Wohle unserer Kinder das morgendliche Duschen erst ab 18 Jahren erlaubt werden?

Das findest du albern, absurd und polemisch, nicht wahr? Aber genau so wird argumentiert und werden beispielsweise gesetzliche Verschärfungen gegen das E-Dampfen begründet. Du magst deinen Kopf schütteln, doch das ist (politische) Realität. Man muss nur die Augen einmal öffnen, um zu erkennen, wie politischer Aktionismus, wie Politik funktioniert.

Um diesem Teufelskreis zu entfliehen, sollten wir wieder lernen, dass unsere Welt eine mehrdimensionale ist, deren Wechselwirkungen komplizierter ausfallen als dies einfache "Wenn-Dann-Antworten" suggerieren. Es mag möglich sein, jeden Mörder, ja sogar jedes Verbrechen auf dieser Erde psychologisch zu erklären und die Taten zu entschuldigen oder zu relativieren. Wer jedoch wie Margot Käßmann davon ausgeht, alle Menschen seien von Grund auf gut oder nicht schlecht und allein die Opfer oder die Opfergesellschaften seien an den Taten zumindest mitschuldig oder mitverantwortlich, der begibt sich in eine Spirale der Einfältigkeit, in einen Sog, der letztlich alle für alles Übel in der Welt mitverantwortlich macht. So etwas ist kein Ausweg aus der Misere, es ist wie ein Strudel der Beginn der Verneinung der eigenen Existenz. Gibt es keine Menschen mehr, so gibt es auch kein Böses.

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