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Dienstag, 19. Juli 2016

Pokemon Go und die Arroganz

Um eines vorweg zu nehmen - man weiß ja nie, wer hier so alles mitliest - sei angemerkt, dass neben der abgrundtiefen Wahrheit, die selbstredend Hauptbestandteil meiner weisen Worte ist, auch hie und da zwischen den Zeilen und Buchstaben ein grinsendes Gesicht namens Schalk hervorlugt, das ich nicht ständig in der Lage bin zu verstecken, da ich es selber oft gar nicht bemerke. Oha! So ganz gesund hört sich das nun auch nicht an, nicht wahr.

Nun denn, heute geht es um die Arroganz.

Zwei Wesens- und zugleich Erkennungsmerkmale der Arroganz sind die Dummheit und die Krankheit. Sie machen sich oft durch verachtende Herabwürdigungen einiger weniger Zeitgenossen über das Handeln des Großteils der Bevölkerung bemerkbar bis hin zu pseudointellektuellem Spott für diese Mehrheit der Menschen. Dass ohne sie, also ohne die ausgelachte Mehrheit, die eigene Existenz der Arroganz gar nicht möglich wäre, erkennt die Arroganz nicht, denn eine Folge ihrer Wesensmerkmale ist die eingeschränkte Sicht, die mit der Unfähigkeit von Selbstreflektion und Selbstkritik einhergeht. Es ist also metaphorisch betrachtet ähnlich wie der Mensch, der auf einem Baum sitzt, nach einiger Zeit dort wieder herunter möchte und in seiner unendlichen Weisheit damit beginnt, den Ast, auf dem er sitzt, abzusägen. Ohne Dummheit gäbe es keine Arroganz. Ganz gleich, ob es sich dabei um die eigene Dummheit oder die der anderen handelt - die Existenz von Dummheit ist Voraussetzung der Arroganz. Auf Krankheit als Merkmal gehe ich in Punkt 3 kurz ein.

Viele Zeitgenossen spotten seit jeher über den Medienkonsum breiter Schichten der Bevölkerung. Um mittels eines Beispiels zu erklären, wie ich das meine, betrachte diese Arroganz einfach mal, wenn sie McDonalds-Gäste belächelt, denn den Konsum von FastFood verspottet diese Arroganz ebenso. Das ist sogar identisch wie bei ihrem Schimpfen auf den Medienkonsum. Trifft man sie aber zufällig einmal selber im Dunkel der Nacht oder des Abends in einem dieser FastFood-Tempel an, so sind allerhand verlegene Ausreden von den Trägern der Arroganz zu vernehmen. Sie erinnern mich dann irgendwie ans Zu-Spät-Kommen in den Schulunterricht der 1960er Jahre: kleinlaut aber durchaus fantasievoll werden die absurdesten Geschichten aufgetischt und ausgeschmückt. Ob diese Schülerinnen und Schüler als Erwachsene es heute den übrigen Menschen gleichtun und Samstagabend in der Glotze Privatsender und Casting- oder Quizshows insgeheim mitverfolgen, ist anders als beim Besuch von McDonalds nicht nachprüfbar, jedoch sollte der Detailreichtum ihrer Kritiken an solchen massenverdummenden Sendungen, als welche sie sie bezeichnen, einen doch stutzig machen. Sie wären jedenfalls nicht die ersten, die Wasser predigten aber dem Weingeist verfielen.

Im Bereich der Arroganz tummeln sich seit jeher drei Varianten.

  • Erstens die Propagandisten einer besseren Gesundheit, also diejenigen, die glauben, die Gesellschaft würde nur genesen, wenn sie schädigenden Einflüssen abschwöre. Sie gehen demnach von einer kranken Gesellschaft aus. Tatsächlich fehlt vielen Menschen, wie auch mir, ausreichende Bewegung. Das kann - und führt auch oft zu Krankheiten; zuerst körperliche, aus ihnen folgen später seelische, nicht zwingend immerzu aber möglicherweise. Diese Gesundheitspropagandisten predigen folglich, dass nur in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist beheimatet sei. Das daraus entstehende Missverhältnis sei also Mitschuld am Weh und Leid der Gesellschaft als Ganzes. Hier liegen natürlich bereits mehrere logische Denkfehler vor, auf die ich aber gar nicht eingehen möchte, da es mir heute um etwas anderes geht. Aus Sicht der Gesundheitsapostel ist das samstägliche Familien-Abhängen vor der Glotze demnach auf mehreren Ebenen gesellschaftsschädigend: Verdummung der Masse, Schädigung ihrer Körper und dadurch ihres Geistes.

  • Zweitens wohnt der Arroganz eine gesellschaftspolitische Richtung inne. Eine kleine aber unsagbar mächtige Elite, so glauben es die Vertreterinnen und Vertreter dieser politischen Ausrichtung, würde absichtlich die Masse der Gesellschaft verdummen und ruhigstellen, damit sie selber ungestört ihren Geschäften nachkommen und ihre Triebhaftigkeit für eine Weltregierung ausleben können. Sie sagen, die Mächtigen verabreichten der Masse der Menschheit absichtlich Fett, Zucker und dümmliche TV-Unterhaltung in Hülle und Fülle zu erschwinglichen Preisen als eine Art Droge. Wer satt und oberflächlich zufrieden sei, führe keine Revolution, so ihr Credo, daher müsse aus politischer Verantwortung heraus der Gesellschaft ihr vermeintliches Vergnügen genommen werden.

  • Drittens schließlich gab und gibt es immer unzufriedene Menschen (ob im Laufe ihres Daseins unzufrieden gewordene oder als angeborene Unzufriedenheit, quasi als eine Art genetischer Disposition, das sei mal dahingestellt), die es nicht ertragen können, wenn andere Menschen lachen und ihr Leben genießen. Der Genuss ist diesen ernsten bis mürrischen Menschen ein steter Dorn. Eine Spaßgesellschaft ist das schlimmste Horrorszenario, was sie sich vorstellen können. Hier in diesem dritten Bereich der Arroganz würde ich die Protagonisten weniger als dumm bezeichnen, vielmehr als psychisch erkrankt.

Vertreterinnen und Vertreter dieser drei Bereiche haben allerdings eine Gemeinsamkeit, nämlich dass allein sie zu wissen glauben, was für andere Menschen gut und richtig sei und was nicht. In Religionen und politischen Parteien, in Regierungserklärungen von Diktatoren sowie im Fundament sämtlicher Ideologien sind diese Aspekte der Arroganz zu finden - mal mehr, mal weniger ausgeprägt, doch stets vorhanden. Diese Regeln müssen aufgeschrieben werden, sonst würden sie nicht beachtet und die Arroganz geriete in Vergessenheit, denn ein freier Mensch, der anderen Menschen ihr Leben überlässt, der sich mit und für andere erfreuen kann, der leben lässt und gewährt, der hat kein Interesse daran, anderen Menschen Vorschriften zu machen. Doch ich schweife ab …

Wenn jetzt neuerdings und brandaktuell eine Mode um sich greift, die alle Couch-Potatos in körperliche Bewegung versetzt, dann sollten doch die Protagonisten der Arroganz applaudieren, zumindest jene, die die Bewegungsarmut der passiven Bevölkerung ankreiden. Da hinter dieser Mode faktisch auch keinerlei Weltverschwörungstheorien ausfindig zu machen sind, wäre es ebenso für die zweite Gruppe arroganter Menschen an der Zeit, Freude über den Anblick einer sich bewegenden und lachenden Bevölkerung zu zeigen. Für die dritte Gruppe der Spaßgegner gibt es sowieso nichts, was ihnen ein Lächeln um die Mundwinkel bereiten könnte. Aber was ist im Ansatz dieser Tage tatsächlich schon wieder zu beobachten?

Die Arroganz formt sich neu. Wie ein wabernder flexibler Nebel legt sich diese Arroganz auf sämtliche "Pokemon Go" Spielerinnen und Spieler nieder in einer um so intensiveren Dichte desto mehr Menschen dieser Mode nachkommen. Ja, es dringt bereits aus allen medialen Poren, "Pokemon Go" sei eine neue Sucht. Das ist die perfekte Klassifizierung gegen jeden Genuss, denn eine Sucht ist prinzipiell schlecht und darf fortan bekämpft werden, und eine Sucht degradiert selbstverantwortliche Menschen zu süchtige Marionetten, die nicht mehr Frau oder Herr ihres eigenen Tuns sind. Die Anti-Spaß-Psychoretten der "3. Fraktion der Arroganz" springen den beiden anderen bei und stehen bereits sabbernd in ihren Startlöchern, denn ein neues großes Betätigungsfeld für Therapien aller Art tut sich auf. Und die Kapitalismusgegner wettern sowieso auf Nintendo und fragen sich, wieso andere einen Haufen Geld an diesem Spiel verdienen, sie selber aber wieder leer ausgehen. Nein, das darf die politisch korrekte Arroganz aus "Nummer 2" erst recht nicht zulassen.

Alles in allem gehe ich hier und heute jede Wette ein, dass binnen kürzester Frist in den pseudointellektuellen Kreisen der Arroganz "Pokemon Go" neben McDonalds, Dieter Bohlen, RTL, neben Sex, Drugs & Rock 'n' Roll und natürlich dem FastFood seinen Platz einnehmen wird. Wetten dass...?

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