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Montag, 2. Mai 2016

Achtgeben

Die "AfD" fordert unter anderem die Abschaffung der Rundfunkgebühren. Dass nun die öffentlich-rechtlichen Sender, die von diesen Gebühren abhängig sind und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu einem nicht unerheblichen Teil ohne sie arbeitslos wären, gegen die "AfD" zu Felde ziehen, ist verständlich, steht doch über jede Moral zuvorderst in großen (meist transparenten) Lettern geschrieben: "Geld".

Was hat weiterhin die Forderung, Minarette (nicht zu verwechseln mit Moscheen) und den öffentlichen (durch Lautsprecher verstärkten) Singsang des Muezzins nicht zu erlauben, mit einem Angriff auf die Religionsfreiheit zu tun? Ich selber bin neben einer katholischen Kirche aufgewachsen (in unmittelbarer Umgebung, 30 Meter vom Glockenturm entfernt lag mein Kinder- und Jugendzimmer) und weiß daher, wie lebensqualitativ gering die Penetranz der Glaubensfanatiker sein kann, da muss ich jetzt doch nicht noch jedes weitere Geschrei aller möglichen Religionen gutheißen - als ideologisch-multikulturellen Lärm sozusagen. Und schlussendlich was ist falsch am Beispiel des französischen Rechtssystems, das die öffentliche Vollverschleierung verbietet? All diesen Forderungen der "AfD" stimme ich zu und werde mit einem Mal abgestempelt als ein Islamfeind; so schnell geht das.

Ideologie auf der einen Seite und Geld auf der anderen, wenn sich diese beiden Extreme zusammentun, dann wird’s gefährlich.

Viele von uns sind so schrecklich fundamental geworden: bist du nicht uneingeschränkt für uns, bist du gegen uns. Schwarz und Weiß bestimmen den Lebensrhythmus dieser Tage. Je weniger Bildung desto radikaler einseitig entwickelt sich die Gesellschaft. Das hatten wir alles schon. Eine neue Diktatur kommt zukünftig natürlich nicht mehr im antiquierten braunen Gewand der Nazis daher, neinnein, ihre Bekleidung wird schick in einem uniformen hippen Auftreten jugendlicher Agilität und im modischen Verhalten allgemeiner Selbst-Verzückung präsent werden. Die wahre Gefahr einer Diktatur liegt nicht im Erstarken der "AfD" begründet, sie lauert einerseits aus Richtung vermeintlich aufgeschlossener Linksliberalität sowie andererseits im - mit einem grünen Mantel getarnten - Wertkonservatismus. Deren Schnittmengen werden heute bereits offen zur Schau gestellt in umfänglichen meinungs- und verhaltensdiktatorischen Vorgehensweisen (Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg). Wehret den Anfängen.

Kommentare:

  1. hm. die sache mit der vollverschleierung ist - wie meist - zweischneidig. auch da wird nämlich von einer öffentlichkeit frauen vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben. ist sie zu verhüllt? - islamobraut. zu nackich? - schlampe! zu brav? - mauerblümchen. zu auffällig? - hat's wohl nötig (oder ähnliches).
    dass man(n) unter einem komplettschleier die person nicht mehr erkennt, mag stimmen. aber wenn das wirklich das hauptproblem wäre, müssten auch alle dicken schals und mützen im winter verboten werden. wenn so frostbeulen wie ich an sonnigen tagen (also auch noch mit sonnenbrille) unterwegs sind, dann sieht man von mir: nix. genau wie von den vollverschleierten frauen.
    und sag mal, ist es den männern denn auch verboten, in ihren nachthemdartigen gewändern rumzulaufen? ich weiß das wirklich nicht, habe aber auch nix derartiges auf dem radar. wie viel sieht man von einem mann im wallegewand, evtl mit kopfbededckung, und mit rauschebart, vielleicht auch noch mit sonnenbrille?
    und wie viel sieht man von einem menschen mit kapuze und sonnenbrille?

    und nächste frage: warum muss man das? also ein gegenüber, insbesondere weiblich, in toto sehen können? meine erfahrung ist nämlich die, dass weibliche wesen i.d.r. abgecheckt werden auf brauchbarkeit hinsichtlich der paarung. klingt extrem, ist aber leider meine erlebte realität. ich persönlich finde es extrem nervtötend, permanent (und ich meine wirklich PER-MA-NENT!) beglotzt zu werden. ich passe halt vom körperschema in die positiv bewertete norm - und damit werde ich kommentiert. ja, echt. es ist wie ein hintergrundrauschen, mal nervt es mehr, mal weniger. aber da ist es nahezu ununterbrochen.
    schon allein das ewige "lächle doch mal, du siehst dann viel hübscher aus!" - da könnt ich ko*** - du weißt schon. ich arbeite doch hier nicht bei "schöner eure städte und gemeinden"!

    just my 0.02 cts ...

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    1. Sehe ich genauso, stimme dir in allem zu, was du sagst. Wir beide verwechseln die Vollverschleierung auch nicht mit einem Kopftuch, was ein ganz anderes Thema wäre.

      Jeder nach seiner/ihrer Fasson.

      Vollverschleierung meint hingegen die Verschleierung des Gesichts, so dass nur noch Sehschlitze übrigbleiben. Das Gesicht ist aber das Kommunikationsmittel Nummer Eins - noch vor der Sprache. Jeder soll es situationsbedingt und eigenverantwortlich verbergen dürfen, doch niemand soll es verstecken müssen.

      Und dann kommt bekanntlich ein weiter Grund hinzu: der sexistische Umgang mit Frauen, die mittels einer Burka zu einer Sache gemacht werden, einer Sache, die einem Mann gehört. Noch schlimmer als der Umgang mit Tieren, werden Frauen nicht bloß als jemandem gehörig gekennzeichnet, das versucht jede männlich geprägte Kultur mit kleineren Dingen und Erkennungsmerkmalen, nein, mit der Burka wird die Existenz als Mensch in der Öffentlichkeit vor allen Augen sichtbar als nicht mehr eigenständig zu der einer Sache, eines Dings degradiert. Es ist kein Mensch mehr, der da notwendigerweise draußen zum Einkaufen geht (da der Mann dazu zu faul ist), es gibt keinen Unterschied mehr zu einem Sack irgendwelcher Ware. Die Burka raubt einem das letzte Eigenständige, das man besitzt: die eigene Existenz als freier Mensch.

      Das ist nicht nur frauen- oder menschenverachtend, es ist wie die Sklaverei eine öffentliche Betonung der Entrechtung eines Menschen. Wer im falsch verstandenen Multikulturalismus die Ketten eines Sklaven als Kultureigenart duldet, macht sich zum Komplizen dieser Sklaverei.

      Noch schlimmer ist das verquere Argumentationsgestammel, das - um im bildlichen Vergleich zu bleiben - den Ketten eines Sklaven dessen Freiheit erst ermöglicht - also die Ketten würden die Freiheit erst so richtig schützen, da durch sie gar keine Gedanken an Revolution oder Befreiung aufkeimen, die dem Sklaven nur Unruhe bringen würden, so dass er nicht mehr reibungslos als ein solcher funktioniert und womöglich mit diesen oder ähnlichen defätistischen Gedanken die ganze Gesellschaft bedroht. Deshalb gibt es in Saudi Arabien zum Beispiel nicht nur die Burka, sondern auch andere vorsorgliche Maßnahmen und Verbote, wie etwa das Führerschein-Verbot für Frauen und zur Abschreckung jede Woche eine kleine Steinigung für Gesetzesbrecherinnen aller Art.

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    2. deine anmerkungen sind durchweg stimmig. zu der sache mit der umwandlung der vollverschleierten frau in den besitz eines mannes und mithin zur degradierung zum objekt habe ich aber auch wieder eine ladung feminismus beizusteuern, auch hier wieder durchsetzt mit einer größeren menge eigener erfahrungen.
      teil 1:
      wenn ich mit meinem mann unterwegs bin, kann ich mich kleiden, wie ich will. da pfeift und glotzt (nahezu) keiner, und auch die baggerschaufel lassen sie alle hübsch eingepackt. weil: da ist ein großer böser beschützer/besitzer, dem das weibchen daneben gehört. der besitz des großen, starken wird in ruhe gelassen. bin ich alleine unterwegs, sieht das deutlich anders aus. abhilfe gegen baggernde zeitgenossen schafft oft ein anderes "besitzzeichen" - der ehering. auch das ist erstaunlich klar. trag ich ihn, wenn ich alleine unterwegs bin (zb auf einem seminar abends allein essen gehend), werde ich zwar taxiert, hab aber meine ruhe. trag ich ihn nicht, dann nicht. das geht so weit, dass ich mehrere frauen kenne, die, obschon unverheiratet, einen "ehe"ring tragen, um ihre ruhe zu haben.
      das mit dem besitz läuft hier also auch, nur subtiler.

      teil 2:
      werbung.
      jaaa, ich weiß, das ist ein sehr großes fass, das ich jetzt auch nicht in seiner ganzen widerlichkeit aufmachen will, nur als illustration der objekttheorie. wieviel person ist noch von der jungen dame im bikini übrig, die in „kesser pose“ mit einer schweinekeule auf der schulter für eine fleischerei wirbt? (nein, diese werbung habe ich nicht erfunden.)

      aber das ist natürlich ein gesamtproblem des sexismus, der ja auch männer trifft, indem „allen männern“ bestimmte eigenschaften ebenso zu- oder abgesprochen werden wie „allen frauen“. teil 2 ist auch mehr als denkanstoß zu verstehen, denn auch die sache mit der objektifizierung ist so einfach nicht.

      mit den ketten der sklaven hast du absolut und unumwunden recht. (auf so ne schnapsidee wie diese begründung muss man auch erst mal kommen.) nur leider ist das ja auch elend verbreitet. da braucht man gar nicht zu den lupenreinen denokraten zu gucken, auch in schland versucht man gern, die leute durch zwang vor sich selbst zu schützen. ich denk da nur an die „wie smarties“-äußerung von meister spahn, als es um die freigabe der notfallverhütungspille ging.

      aber ehe das jetzt komplett ausufert, wünsch ich dir lieber einen wunderbaren tag, ein schönes wochenende, und bis bald!

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    3. Ja, das sind ein paar nette Fässchen, an deren Deckeln du uns hier ein wenig schnüffeln lässt - ein weites, weites Feld. Seit Jahrzehnten beackert mit immer neuer Fruchtfolge. Was Gestern noch mit Augenzwinkern dem gesellschaftlichen Humor entsprach, ist Heute mitunter sexistisch und Morgen vielleicht zu unwichtig, überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Grenzen vom kreativen Spiel mit den Geschlechtern hin zum Sexismus sind halt fließend - und in einer hysterischen Gesellschaft wie der unsrigen manchmal nur noch mit Kopfschütteln zu quittieren, siehe #Aufschrei wegen Brüderle seinerzeit, du erinnerst dich?).

      Ob Eheringe, Kopftücher, Schleifchen an Trachten rechts oder links getragen, Kleiderordnungen noch und nöcher - all dies ist meiner Meinung nach etwas völlig anderes als die Entwürdigung der Frau, indem Mann sie in einen Sack steckt. Es ist nichts im Vergleich zur konsequenten Entrechtung des weiblichen Geschlechts. In konservativen islamischen Kulturen haben Frauen nun mal keinerlei Rechte - null, nichts, es gelten für sie die Rechte der Männer als deren Besitz. So ähnlich wie bei uns beim Tierschutz; individuelle einklagbare Rechte gibt es nicht. Bis in die 1960er Jahre hinein war es Frauen auch in West-Deutschland nicht möglich, ein eigenes Bankkonto zu führen, vom Arbeitsrecht will ich gar nicht erst beginnen, aber selbst das alles ist nichts im Vergleich zur Lebensrealtität beispielsweise in Saudi Arabien. Aber das ist ebenso ein viel zu weites Feld, ein Fass schier ohne jeden Boden.

      Jedenfalls, und das war ja der Auslöser für dieses Thema, stimme ich der Forderung der "AfD" nach einem Burka- bzw. Vollverschleierungsverbot in der Öffentlichkeit absolut und uneingeschränkt zu. Wobei es andererseits natürlich auch praktisch wäre: stelle dir das Foto aus der Radarfalle vor. Überhaupt, gegen Videoüberwachung wäre die Burka für alle eine prima Maßnahme ...

      Dir und den Deinen auch ein schönes sonniges Frühlingswochende!

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