Mittwoch, 19. September 2018

"Timeless", 7 Punkte, gute Unterhaltung


 1, 2, 3 -     4, 5, 6 -/+     7, 8, 9 +    wertungsfrei genial :-)   =     10 

Nicht dass du denkst, 7 Punkte seien bei einer Bewertung schlecht. Die 7 Punkte bedeuten gut. 8 demnach sehr gut. 9 sogar außergewöhnlich oder herausragend gut, also entsprechend dem Plus der Note Eins oder dem "Summa cum laude" einer hervorragenden akademischen Arbeit. 10 Punkte hingegen stehen außerhalb der erfassbaren Bewertung (nicht zu fassen!), die ich persönlich als genial bezeichne, die aber so selten von mir vergeben werden, wie es eben solche unfassbaren Entertainment- und Kulturereignisse im Film und TV gibt.

7 Punkte bedeutet demnach, und dazu komme ich gleich, ein durch und durch sehenswerter Film oder eine solche Serie. Eigentlich müsste die obere Bewertungsskala die 10 ausschließen und eine Skala zwischen 1 und 9 darstellen (die 9 Affen), denn in meinem ganzen Leben habe ich vielleicht ein halbes Dutzend 10-Punkte-Serien gesehen und höchstens rund ein Dutzend solcher Spielfilme.

An ihrem entgegengesetzten Ende ist es allerdings nicht so, denn schlechter als 1 geht nicht. Man könnte es eventuell mit dem Licht vergleichen: 1 entspräche keinem Licht also dem Dunkel und dunkler als dunkel geht halt nicht. Beim Hellen gibt es aber noch die (innere) "Erleuchtung" quasi als eine über dem Licht stehende magische Eigenschaft.

So, dieses vorweg, um die im Grunde gute 7-Punkte-Bewertung der Serie "Timeless" besser einzuordnen. Inhaltlich gab es solche Themen schon oft, ich erinnre da an "Time Tunnel", der Mutter aller Zeitmaschinen-Serien, oder natürlich an H.G. Wells "Zeitmaschine" und deren fantastische filmische Umsetzung von George Pal (übrigens für mich ein 9-Punkte-Film). "Zurück in die Zukunft" habe ich allerdings nie gemocht, es ist ein 3-Punkte-Film, aber Star Trek IV "Zurück in die Gegenwart" verleihe ich satte 8 Punkte.

Nun, ich schweife ab. "Timeless" entwickelt sich zu einem Serien-Comic. Nicht tiefgründig, geschichtlich arg oberflächlich und von vielen Elementen einer Soap-Opera durchdrungen, so finde ich die Serie trotzdem nicht so flach und dumm wie die üblichen Exemplare dieses Genres; es ist bloße aber eben gute Unterhaltung - und das genügt doch vollkommen, oder? Da arbeitstechnisch bis Freitag frei ist (Jubel! Trubel! Heiterkeit!), werde ich diese Freizeit unter anderem mit dieser Serie füllen. 16 Episoden der 1. Staffel und 10 der 2. Staffel liegen dazu parat, ein Drittel der 1. Staffel habe ich bereits gesehen.

"Georg, hast du denn nichts Vernünftiges in deiner Freizeit zu tun?"

VERNÜNFTTIGES? *räusper-hüstel* Was denn, bitteschön? Konsumieren? Putzen? Basteln, malen, kreativ sein? Das ehemals reichhaltige politische Leben in seiner Verkümmerung interessiert zur Kenntnis zu nehmen und zu kommentieren? Bildung, vielleicht durch Museumsbesuche oder dem Tête-à-Tête bis hin zum Blabla bei Ausstellungen? Tagesausflüge? Ehrenamtliche Tätigkeiten zum Wohle der Gesellschaft? Garten- oder Hobbyarbeiten? Beten oder irgendwelche Riten der Götterlobpreisungen? Sport und Spiel? Feiern und Drogenkonsum? Dem Internet oder den sozialen Medien frönen? - Bei den bloßen Gedanken an solchermaßen zeit-verschwenderischen sinnlosen Interaktionen bis hin zur puren Bereitschaft der persönlichen Ausbeutung entsteht bereits ein würgender Brechreiz in meinem Hals und in der Magengegend.

"Ja, aber ist denn Binge-Watching sinnvoller?" Nö. "Und warum machtes dann?" Um diese sinnlosen Fragen nicht beantworten zu müssen.

In genau diesem Sinne wünsche ich dir auch einen vom dämlichen Alltag befreiten und für dein Seelenwohl angenehm angelegten Mittwoch.

Dienstag, 18. September 2018

Serientipp: "Lodge 49"

Es ist schwierig, "Lodge 49" zu beschreiben. Da wäre zuerst einmal der Inhalt: im Grunde ist er nicht vorhanden. Jeder kann sich da mehr oder weniger seinen eigenen Inhalt heraussuchen. Es gibt zwar einen roten Faden, der aber mehr Ähnlichkeit mit einem dünnen verhaspelten Garn als mit einer leitenden Schnur hat. Trotzdem fesselt die Serie und man kann die jeweils nächste Folge kaum abwarten. Wie geht das?

Vielleicht ist es die langsame Erzählweise, die sehr stark an "Better Call Saul" erinnert - nicht ihr Inhalt, der ist etwas ganz anderes, denn auch wenn er nicht so leicht zu beschreiben ist, so ist es doch einfach zu sagen, was er nicht ist: in "Lodge 49" geht es nicht um Kriminalität, Verbrechen, Drogen, Mord und Totschlag, nichts dergleichen - aber die ruhige Erzählweise mit ihrem Fokus auf den einzelnen Akteuren und deren Handlungsweisen sowie der trockene bisweilen sogar britische Humor, der sich meist von ganz allein aus den Situationen ergibt, der ist ziemlich gleich. Am Besten beschreibt es noch Kevin Hennings, wie ich finde, zumindest habe ich bisher keine treffendere Beschreibung dieser Serie lesen können.

Die letzten drei Episoden sind ein wenig anders als die sieben davor: schneller und teilweise ein wenig albern, wobei das wiederum im Auge des Betrachters liegt. Es werden Erzählstränge ziemlich schnell aufgelöst, so dass sich mir die Frage nach dem Sinn ihrer Einführung stellte und wodurch bei mir alles in allem der Eindruck entstand, dass man sich beeilte (wollte oder musste), die Serie unter Zeitdruck noch zu einem Abschluss zu bringen. Dort in den letzten drei Folgen ist jedenfalls viel mehr Potential vorhanden, um weiterzumachen wie zuvor. Das ist aber nicht schlimm, sondern eher nur schade, denn ich könnte von dieser Serie noch unendlich viele Staffeln anschauen.

Es ist den Schauspielerinnen und Schauspielern die ganze Zeit der Spaß an ihrem Tun anzumerken, wahrscheinlich hat ihn die gesamte Crew gehabt. Und das ist es wohl auch, was "Lodge 49" zu einer (für mich) der genialsten Serien macht: die erzählte Story ist zweitrangig oder austauschbar aber dort den Menschen bei ihrem Spiel zuzusehen, ist eine helle Freude.

Gerade überlege ich, ab wann der Suchtfaktor bei mir eingesetzt hatte. Es war noch nicht nach der Pilotfolge. An deren Ende solltest du keinesfalls mit der Serie aufhören, da du mit dem Gezeigten eigentlich nichts anzufangen weißt, die Sucht begann bei mir gegen Ende der zweiten Episode. Da wurde das Schmunzeln mehr, das sich in jeder Episode mindestens ein Mal zu einem lauten Lachen steigerte. Während der ersten Folge sucht man instinktiv noch nach einem Sinn, das kannst du aber von vornherein getrost bleiben lassen, dann macht die Serie nämlich von Anfang an riesig Spaß.

Einen ebenso freudvollen Dienstag wünsche ich dir heute in der realen Welt.

Montag, 17. September 2018

Ob früh oder spät, bingen woll'n wir singen

Schau auf die Uhr, es ist kurz nach sechs, jetzt werde ich wenigstens die zweite Hälfte der Serie bingen. So früh am Morgen sei das nicht normal, meinst du? Doch, doch, ist okay, denn um elf Uhr gehe ich ins Bett, gegen sechs Uhr muss ich raus und um neun Uhr bin ich längst wieder auf der Arbeit - dasselbe wie bei dir, halt nur, dass bei mir das kleine P und das A vor dem M vertauscht steht, p.m. like the americans say. Oder blumig in der Gamersprache ausgedrückt: in der Schattenwelt. Monomond eben.

Die Mikrowelle hat gerade geklingelt, der Toaster ist gleich auch so weit, das lecker Tässchen Kaffee dampft schon und die E-Dampfe liegt für selbiges ebenfalls bereit - so bleibt mir nur noch, dir einen angenehmen Start in die Woche zu wünschen. Bis dahin.

Sonntag, 16. September 2018

Denken, also sein

Nüchtern und neutral die Ereignisse der letzten Wochen zusammengefasst und daher als Lesestoff für den heutigen Sonntag von mir empfohlen, das findest du in Alexander Wendts "Publico" unter dem Titel

Am Ende dieses sachlichen Resümees lässt er dich alleine, denn du bist es, der denken soll, es gibt keine vorgesetzte Fertig-Meinung. Hältst du es aus, noch selber zu denken und eigene Schlussfolgerungen daraus zu ziehen oder bist du bereits Teil der galoppierenden Haltungs-Herde?

Einen angenehmen Nachdenk-Sonntag wünsche ich dir.

____________________________

Nachtrag bzw. ach, übrigens: bin gerade bei Folge Nr. 3 von 10 einer neuen Serie. Volle 10 von 10 Punkten - bisher, klar - sie trifft exakt meinen Geschmack. Ziemlich skurril, langsam erzählt und mit arg schrägem Humor. Mehr verrate ich dann morgen. Oder übermorgen. Die Arbeitsschichten verhindern leider ein Bingen, sonst würde ich sie nämlich glatt in einem Rutsch genießen :-)

Samstag, 15. September 2018

Selbst ist der Mann

Guck (für Interesse an einer Großansicht, bitte aufs Bild klicken), mein erstes über das Annähen eines Knopfs hinausreichende Nähergebnis. Tusch! Trommelwirbel! Fanfare! Tada!

Das Innenfutter der Brusttasche meiner Allwetter-Dienstjacke hatte ein Loch, in dem sogar eine E-Dampfe verschwunden war und sich innen in der Jacke irgendwo seitlich hinten auf Hüfthöhe durch brutzelndes Befeuern bemerkbar gemacht hatte. Das geht nun mal gar nicht. Die beiden Brusttaschen sind die am meisten beanspruchten Taschen, ohne sie bin ich aufgeschmissen. Wegen des Lochs aber eine neue Jacke kaufen? Auch wenn der Arbeitgeber sie bezahlt hätte? Jacken werden im Laufe der Jahre zu sehr persönlichen Kleidungsstücken, finde ich. Von einer Jacke, in der man sich wohl fühlt, trennt man sich nicht wegen einer solchen Kleinigkeit, nicht wahr? Und siehe da! Hübsch geht zwar anders, aber es ist ja innen. Ob's hält, wird sich zeigen. Da bin ich aber ziemlich sicher.

Das weiße Gestell, was du dort siehst, ist übrigens eine Lupenbrille mit Beleuchtung. Sehr praktisch, sag ich dir. Sie benutze ich auch beim Wickeln und Bewatten der E-Dampfen. Weshalb ich rosa Garn genommen habe, wo doch eine prachtvolle Auswahl aller Farben in dem 5-Euro-Nähset zur Verfügung steht? 1. da es innen sowieso keiner sieht, 2. um für das Foto einen guten Kontrast zu finden, 3. weil ich kein schwarzes Garn verschwenden wollte für etwas, das unsichtbar ist, denn irgendwann brauche ich das für eine exponierte Stelle und dann ist nicht mehr genug vorhanden. 4. besitze ich nichts, wirklich rein gar nichts, nicht einmal rosa Schlüpfer ("Ach, nicht?" Nein!), wofür rosa Garn verwendet werden könnte. Aber wenn es schon mal da ist... Jaja, geizig rational, so isser halt, da machste nix dran.

Einen schönen Samstag wünsche ich dir.

Freitag, 14. September 2018

Lichtkugel die Zweite

Keine Sorge, es ist kein Reklame-Blog-Eintrag jetzt hier. Deshalb setze ich auch keinen Produktlink. Aber die kleinen Plastik-Lichtkugeln von neulich haben es mir wirklich angetan, denn sie sind ungeheuer praktisch, finde ich. Nun habe ich zwei weitere von ihnen gekauft. Eine befindet sich im Kleiderschrank: Jedes mal, sobald ich seine Türen öffne, wird es nun automatisch taghell. Das große Licht im Raum leuchtet bei mir von hinten zum Schrank, es reicht natürlich meistens aus, aber da der Kleiderschrank schon längst auch zu einem Kramschrank geworden ist, wird meine anschließende Suche, zu der ich oft sogar eine kleine Taschenlampe benutze (wo ist denn jetzt schon wieder dieses oder jenes Teil abgeblieben), zu einer mit zwei freien Händen leichten Tätigkeit der "Umschichtung" im Hellen. Die zweite neue Lichtkugel befindet sich unter der Treppe, wo sich, du ahnst es bereits, ein weiterer Warenumschlagplatz befindet.

Bei der Kugel über der Treppe und jener in der Diele halten die Batterien noch prima durch. Gut, es sind erst 19 Tage ihres Einsatzes verstrichen. Wie schon erwähnt, rechne ich mit einem monatlichen Wechsel. Jeder Tag länger wäre ein dankbar entgegengenommener Bonus. Die anderen beiden neuen dürften aber wesentlich länger durchhalten; vor allen Dingen die im Dunklen unter der Treppe, denn wie die mächtige Staubschicht unter ihr doch eindrucksvoll davon kündet, wie selten die hochwohlgeborene Majestät meiner Selbst einen Besuch in diesem Lager stattfinden lässt, so dürfte diese Lichtkugel mit einem Satz Batterien jahrelang ihren Dienst verrichten.

Auch dir wünsche ich heute: Durchhalten! Auf dass deine eigenen Batterien ebenso noch jahrelang deinen majestätischen Weg hell erleuchten werden. Schönes Wochenende.

Donnerstag, 13. September 2018

Letzte Nacht auf Arbeit

Die letzte Nacht war ereignisreich. Ich bin heilfroh, jetzt hier zu Hause an meinem Schreibtisch zu sitzen und dir in aller Ruhe berichten zu können, was geschehen war. Wie immer ist es schwierig, den Anfang zu finden, denn die richtigen Worte für Außergewöhnliches wären nun mal ebenso außergewöhnlich, doch da ich ein gewöhnlicher Mensch bin, müssen in diesem Fall gewöhnliche Worte dafür herhalten. Wie gesagt, das ist nicht ganz so leicht.

Alles begann letzte Nacht rund vier Stunden nach meinem Dienstantritt. Die zweite Kontrollfahrt lag gerade hinter mir und ich setzte mich auf die geliebte Bank unter dem weit ausladenden Baum. Du weißt ja bereits, der, von dem die Krabbeltierchen sich gerne zu mir abseilen, sich auf der Hutkrempe sammeln, um mir dann direkt vor meinen Augen eine unscharfe Makroaufnahme von sich darzubieten. Es muss so um Mitternacht gewesen sein, ich e-dampfte genüsslich vor mich hin, da nahm ich in etwa einem Meter Entfernung auf dem mit Steinen gepflasterten Boden eine Bewegung wahr. Nichts Konkretes, es schien nur so, als rührte sich dort etwas. Neugierig stand ich auf und ging näher dort heran. Ja, da war etwas ziemlich Winziges. Um es genauer zu erkennen ging ich in die Knie. In einem Halbrund standen wohlgeordnet schätzungsweise ein Dutzend Ameisen und in der Mitte befand sich eine einzelne Ameise, die, wie es mir schien, heftig mit ihren Gliedern in meine Richtung gestikulierte und um Aufmerksamkeit winkte.

"Nanu, wer bist denn du?", entfleuchte es stimmlich aber unbewusst meinem Mund. Selbstgespräche sind bei dieser Art der recht einsamen beruflichen Tätigkeit nichts Ungewöhnliches. Und da vernahm ich leise eine Stimme. Na klar, denkst du sofort, das konnte ich mir nur eingebildet haben. So ähnlich dachte ich anfangs auch, trotzdem ging ich mit meinem Ohr näher in Richtung Erde und murmelte: "Was willst du kleine denn?"

Dann geschah das Außerordentliche, für das ich eben nicht die richtigen Worte finde, denn augenblicklich in dem Moment, da mein Ohr in der körperlichen Neige den tiefsten Punkt erreicht hatte, nahm ich einen heftigen stechenden Schmerz in meinen Kniekehlen wahr. Instinktiv schaute ich dorthin und sah rechts und links jeweils eine Soldaten-Ameise wie sie mit etwas, das in gewisser Weise einem polizeilichen Schlagstock glich, nur kleiner halt, winzig eben, wie sie also beide in meine Kniekehlen schlugen. Noch während ich fragend staunte, lösten sich aus dem Halbrund vier oder fünf Ameisen und nahmen mich kräftig bei meinen Schultern. Ja, du denkst, ich spinne, "jetzt ist er vollends von Sinnen", verstehe ich, absolut, denn ich hatte ja genau dasselbe in diesem Moment gedacht. Völlig verdattert (ist das nicht ein herrliches und schon beinahe ein außergewöhnliches Wort?) war ich aber zu keiner Regung fähig. Ich wollte mich erheben, doch der Schmerz in den Knien lähmte alle Muskeln. Ich war vollkommen unfähig zu irgendeiner Reaktion.

Die vormals mittlere Ameise packte mich bei der Hand, ich meine, das geht natürlich nicht, das wusste ich auch, doch so erschien es mir, und sie zog mich hinab zu Boden dicht neben sich. "Da haben wir dich endlich!", triumphierte sie und zerrte mich zwischen zwei Pflastersteinen in die Ritze hinein, "Georg, du bist verhaftet. Mitkommen!", befahl sie.

Es muss sich um die Wirkung von Ameisensäure gehandelt haben, die mich in der Folge willenlos und wehrlos gemacht hatte, nicht fähig, auch nur den geringsten Widerstand zu leisten. Es eilten blitzschnell viele Arbeiterinnen-Ameisen herbei, die meinen Körper wie auf unzähligen kleinen Rädchen zielstrebig durch einen Gang unter den Steinen vorwärts beförderten. Um mich wurde es dunkler aber nicht finster wie ein Schwarz, von irgendwoher ließ ein fahles Licht mich die Umgebung noch in Grautönen erkennen. Dann legte man mich in einem fensterlosen Raum ab. Richtig, es war eine Zelle, denn am Eingang postierten sich mächtige Riesenameisen mit bedrohlich scharfen Klingen quasi als Kieferersatz. Eigentlich waren es lebendige Waffen, die dort zu meiner Bewachung abgestellt wurden. An Flucht meinerseits war jedenfalls nicht zu denken, auch wenn langsam das lähmende Gift nachzulassen schien.

"Wo bin ich hier? Was soll das alles? Hilfe!", schimpfte und schrie ich empört. Da bewegte sich aus dem Halbschatten eines der Wächter eine kleinere Ameisen-Gestalt heraus, wand sich zu mir und sprach in emotionslosen, fast wie vorgelesen klingenden Worten: "Georg, du wurdest verhaftet, denn dir wird heute der Prozess gemacht. Du bist beschuldigt des Massenmordes an 164 Ameisen allein in den letzten sechs Monaten. Belegt und dokumentiert. Dein Prozess beginnt in Kürze". Ich wollte etwas entgegnen, weiß jetzt aber nicht einmal mehr was, wie wahrscheinlich vor wenigen Stunden ebenfalls nicht, denn es blieb bei meinem fragend staunenden offenen Mund. Ich griff in meine Tasche zum Handy, Verzweiflung ließ mich stöhnen, man hatte es mir genommen oder es war verloren gegangen.

Versetze dich bitte in meine Lage! Das kannst du nicht? Lachst und schüttelst deinen Kopf? Nein, ernsthaft, was sollte ich da erwidern? Absurd in absurder Lage. Irrational aber wahrhaftig real. Natürlich dachte ich ebenfalls, es müsse sich um eine Art Wachtraum handeln, eine Psychose vielleicht, der ich warum auch immer anheim gefallen war. So what? Es war, wie es war. Wenn du in einer Gefängniszelle hockst, kannst du denken, was du willst, dadurch wirst du nicht befreit. Es befreit sich nichts von selbst sozusagen, etwa wie durch einen Kniff das Erwecken aus einer hartnäckigen Fantasie. Und dass die Zelle surreal klein war, in der ich mich befand, das wusste zwar mein Gehirn, die Ratio, doch wenn du dich in ihr befindest, ist ihre Größe unwichtig und immer gleich - eine Zelle ist und bleibt eine Zelle.

In den folgenden zwei Stunden ließ man mich allein. Alle Gedanken, die du dir jetzt auch machst, durchdachte ebenfalls mein Gehirn. Jede Möglichkeit einer Sinnestäuschung durchspielte ich, schrie, schimpfte, weinte, schlug gegen die Wand, trat gegen eine der lebendigen Klingen, was ich lieber hätte bleiben lassen sollen, denn dadurch schmerzt immer noch der Schnitt an meinem rechten Fuß, den ich mir dabei zugezogen habe, ich fluchte bis dass ich plötzlich resigniert still auf dem Boden saß und nur noch ins graue Halbdunkel starrte. So als sei mein Gehirn und all die Nerven an einer Überlastung durch eine Sicherung ausgeschaltet worden. Eine Schutzschaltung, die greift, kurz bevor man verrückt wird. Ich begann mich mit den Gegebenheiten abzufinden, so irrwitzig sie auch sein mochten. Ich war da, saß in einer Zelle, war eines Massenmords angeklagt, von dem ich nicht einmal etwas wusste und wartete auf einen Prozess ...

Obwohl ich das Zeitgefühl vollends verloren hatte, sah ich auf meiner Uhr, dass exakt nach zwei Stunden die Ankläger-Ameise erneut meine Zelle betrat. "Mitkommen!", befahl sie, und umgeben von den Klingen-Ameisen zerrte man mich aus der Zelle. Ich stolperte mehr als dass ich ging. Einen Gang mit niedriger Decke entlang, bis wir einen größeren Raum erreichten, einen Saal, in dessen Mitte man mich stellte, "stehenbleiben!", und von mir abließ. Die Lichtverhältnisse dort waren nicht wesentlich besser, ich erkannte um mich herum schummrige Gestalten einer Menge Ameisen. Auf einer Empore leuchtete ein rötliches Licht. Es dauerte ein wenig bis ich erkannte, dies war keine Laterne, sondern das Licht ging von dem rötlich schimmernden Kopf einer einzelnen Ameise aus, deren Figur um einiges größer als die der anderen war.

"Als Königin dieses Staates beschuldige ich dich des Mordes an 164 Bürgern. Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?"

Das begriffliche Verdattern, dieses Gefühl begann sich erneut in mir auszubreiten. "Ich weiß von nichts!", schrie ich. Ein Raunen durchzog den Saal, was jedoch nicht menschlich klang, ihm fehlten akustisch sämtliche Bässe und Mitteltöne, dennoch begriff ich es sofort als eben ein Raunen.

"Auf der Wiese vor deinem Kontrollpunkt Nummer zwölf befindet sich seit sechseinhalb Monaten unsere Kolonie "Freedom", die als Außenposten zur Zivilisation und Kultivierung dieses Areals dient. In jeder deiner Dienstnächte malträtierst du die Kolonisten, zerstörst ihre Nachschub- und Versorgungswege und tötest Nacht für Nacht die mutigsten und wertvollsten unserer Art, indem du sie achtlos im Dreck mit deinen schweren Stiefeln zermalmst. Das können und werden wir nicht weiter dulden". Während der Rotkopf sprach, glühte sein Leuchten förmlich in einem feurigen dunklen Rot.

Längst war ich über den Punkt der zweifelnden Selbstbefragung hinaus. Die Knie taten mir unendlich weh, der Schnitt am Fuß schmerzte, das Hirn schien zu zerspringen. Ein Verstellen oder Lügen war angesichts meiner Lage sinnlos, es gab schließlich auch keinen Grund dafür, war ich mir doch keiner Schuld bewusst.

"Ja, aber", begann ich und wurde bereits barsch unterbrochen: "'Ja, aber' bedeutet schuldig, denn deine Taten sind dokumentiert. Ein Aber ist unzulässig, es gibt keine Entschuldigung für deine Taten. Ob bewusst oder nicht, spielt keine Rolle, genauso wenig wie für dieses Gericht Rache oder Strafe von Interesse sind. Es geht weder um Bestrafung, noch um eine Entschuldigung, es geht ausschließlich darum, diesem Morden zukünftig Einhalt zu gebieten. Und du bist die Ursache."

Wie soll ich mich verteidigen, wenn die Tat bereits geschehen ist und es gar nicht um ihre Relativierung geht? In einem Anflug logischer Gedankengänge blitzte mit einem Mal der tiefere Sinn dieser Verhandlung in meiner Vorstellungswelt auf: "Ich verspreche, ich mach's nie wieder!" Ein Kleinkind hätte diesen Satz jammern können, doch ich hatte ihn vollkommen ernst gemeint. Das Rot der vorsitzenden Richterin und anklagenden Königin auf der Empore verblasste, dann blitzte es wie ein Feuerstrahl wieder auf mich hinab: "Wir Ameisen sind ein kultiviertes mächtiges Volk", begann die Feuerameise und ihre Stimme war durchdrungen von tiefen Bässen, "und deshalb wollen wir dir Glauben schenken. Achte unsere Art, wir werden dir einmalig Zeit für eine Bewährung einräumen, an deren Ende wir dein Urteil sprechen. Diese Verhandlung ist hiermit vertagt!"

Die Zeiger der Uhr standen auf 00:05 Uhr, als ich aus meinem Sekundenschlaf erwachte. Ich saß auf der Bank unterm Baum. Ja, nun magst du lachen: "Haha! Ich hatte's doch gewusst, es war also nur ein Traum!" Ich hingegen habe vorhin erst ein neues Pflaster auf meine kleine Schnittwunde am Fuß geklebt und weiß daher, was zukünftig zu tun bzw. zu unterlassen ist. Ich möchte dir wirklich keine Angst bereiten, wenn ich mahne: sei dir bewusst, was du tust, denn wenn du dich erst im Verlies wiederfindest, dann ist es möglicherweise zu spät für eine Bewährung.

ENDE

In diesem Sinne, ich hab sie nicht mehr alle, ja, ich weiß, und einen schönen Donnerstag wünsche ich dir auch.