Sonntag, 16. Dezember 2018

Küchenpsychostudio: Der erworbene Instinkt

Es ist schon interessant, wie sehr sich die Angst (oder Sorge) ins Gehirn, in die Psyche frisst. Nachdem ich nun über Wochen mehrfach vor Antritt der Fahrt zum Dienst feststellen musste, dass das Hinterrad seine Luft verloren hatte, trat ich also jedes Mal, wenn ich das Fahrrad aus dem Schuppen schob, leicht ans Hinterrad in der Sorge, hoffentlich nicht wieder. Mit den neuen "Airless-Reifen" gehört ein Plattfuß aber der Vergangenheit an, trotzdem ertappte ich mich gestern dabei, wie instinktiv mein Fuß gegen das Hinterrad stieß, um zu prüfen: na, ist es noch prall gefüllt? Es kann keine Luft verlieren, da es keine beinhaltet, dennoch ist die Angst vor einem Platten, die ja nervige Verspätung und anstrengendes Pumpen bedeutet, nach wie vor im Unterbewusstsein vorhanden. Erst in der Zehntel Sekunde nach dem Tritt, also noch bevor der Fuß das Resultat seiner sensitiven Untersuchung gemeldet hatte, erreichte diese neue Information mein Gehirn, sodass es den Fuß in seiner Bewegung zwar nicht mehr stoppen konnte aber die Mundwinkel zu einem Lächeln der Erleichterung aufforderte. Diese Tatsache wurde dann beinahe augenblicklich von der Psyche umgedeutet in "ich wolltꞌ nur mal gucken und mich an der Prallität des neuen Reifens erfreuen". Die Psyche war nicht in der Lage, einen Fehler einzugestehen, doch konnte problemlos einen anderen, einen neuen Grund für die Handlung erfinden. Mir fast zeitgleich etwas vorgaukeln. Naja, besser zu versuchen, mir etwas vorzugaukeln, denn ich weiß, dass der eigentliche Grund meines prüfenden Tritts eben nicht zu meinem Vergnügen stattfand, auch wenn ich anschließend darüber lächelte und mich über den neuen Reifen freute.

Das ist ein winziger Teil einer tatsächlichen Selbsttäuschung, der man auch rund ums Thema der Süchte und Gewohnheiten aber auch bei Vorurteilen häufig begegnet. Wahrscheinlich war es in steinzeitlichen bedrohlichen Situationen überlebenswichtig, blitzschnell die richtigen Entscheidungen zu treffen. Bei denjenigen, die eine negative Erfahrung überlebt hatten, führte es quasi zu einer fleischgewordenen Erkenntnis, in ähnlich gelagerten Situationen zu einer sofortigen Entscheidung zu gelangen (oder auch nur zu einer augenblicklichen Einschätzung des Gegenübers) und zwar noch bevor darüber nachgedacht werden konnte. Wie beim Instinkt, doch eben nicht angeboren, sondern als erlerntes automatisiertes Verhalten. Zuerst Handeln, dann denken. Das eigene Überleben war dabei wichtiger als möglicherweise eine falsche Entscheidung. So etwas läuft natürlich unbewusst innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde ab. Auch bei der Ernährung, bei der grundsätzlichen Frage, was tut mir und meinem Körper gut und was nicht, erkenne ich in mir oft ein ähnliches automatisches Verhalten.

Naja, ein weites Feld das alles. Schönen Sonntag.

Samstag, 15. Dezember 2018

Freitag, 14. Dezember 2018

Luftlos geschlaucht

Ventil-Suchspiel
Tada! Trommelwirbel! Tusch! Da isser! Ein Reifen ohne Luft! Den gibt es als Weltneuheit erst seit April diesen Jahres. Es ist kein Kunststoffreifen wie solche, die man kennt, denn dieser Reifen lässt sich tatsächlich auch gut fahren. Hier kannst du technische Infos erklicken. Der Schwalbe-Airless ist ideal für meine Arbeit, er ist wirklich wie maßgeschneidert für mich. Mehr dazu in den nächsten Tagen, bin heute vom Stress des Tages, der Übernächtigung und dem Training der neuerlichen 7-Kilometer Radschiebeaktion zu-zu kaputt, erledigt, groggy. Oder anders ausgedrückt, jetzt sind beide Reifen schlauchlos unkaputtbar aber ich bin geschlaucht, meine Luft ist temporär entfleucht.

Sensationelles

Aller Voraussicht nach gibt es heute Abend sensationell Neues. Naja, zumindest für mich - aber nicht nur, denn es steht außer Frage, dass viele Fahrradliebhaber und solche des weiblichen, sächlichen und diversen Geschlechts sich genauso staunend dafür interessieren. Nein, es ist kein neues Fahrrad, das Ohne-Elektro-Leihfahrrad wird zwar zu meinem persönlichen Zweit-Fahrrad (so denn die Reparatur des E-Bikes irgendwann abgeschlossen sein sollte), das ist aber nicht die Neuigkeit. Glaube mir, ich bin schon lange auf der Welt, doch das, von dem ich am Abend auch ein Foto machen werde, hat es bisher in der Form weltweit noch nicht gegeben (Ähnliches gibt es zwar schon länger, es hat aber noch nie zufriedenstellend funktioniert).

Eine spannende Einleitung, nicht wahr?

Das defekte Rad wäre abgeholt worden, doch erst am Samstag. Also werde ich nachher um 6 Uhr das Rad 7 Kilometer zur Werkstatt schieben, wofür ich zwei Stunden kalkuliert habe (!), anschließend mit einem anderen Leihfahrrad zurück nach Hause fahren, um damit dann am Abend die sensationelle Neuigkeit abzuholen.

Weshalb ich niemanden frage, das Rad im Kofferraum eines Autos zur Werkstatt zu fahren? Nö, ich liebe meine Selbstständigkeit und habe immerzu die große Klappe, dass ein Leben ohne Auto auch auf dem Land und auch ohne ÖPNV gut möglich ist; da ist eine innere Grenze vorhanden, deren Überschreitung die eigene Sichtweise zu sehr relativieren würde. Noch dazu wäre die Genugtuung eines Kommentierenden, so nett sie auch gemeint sein mag, wie etwa: "ach? So ganz ohne Auto gehtꞌs dann auch bei dir nicht?", für mich schon beinahe schmerzlich auszuhalten, viel mehr noch als ein paar Tage Muskelkater. Und sowieso: einmal damit begonnen, würde es im Käse meiner Überzeugung jene Löcher hineinblasen, die letztlich seinem Umfang das Gewicht nähmen - viel Luft, wenig Substanz. Ich beweise, dass es auch umgekehrt möglich ist.

Was aber wiederum nicht im Geringsten auf die sensationelle Neuigkeit schließen lässt, gell? Nur auf so eine Altherren-Sturköpfigkeit. Nicht mal einen winzigen Hinweis findest du in meinen Worten. Hehe, das macht mir sogar riesig Spaß, dich virtuell nun vergeblich rätseln zu sehen :-)

Bis zum Abend also, einen spannenden Tag wünsche ich auch dir.

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Triathlon

Oh, gestern hätte ich nicht so großkotzig von meinem Bewegungsapparat lauf- und fußtechnischer Art schreiben sollen, denn ich habe jetzt einen nächtlichen Triathlon hinter mir, gegen den das gestrige Gehen ein gemütlicher Sonntagsspaziergang war. Insgesamt 32 Kilometer, davon 10 Kilometer Radfahren, 4 Kilometer Radschieben und 18 Kilometer zu Fuß. Warum? Weil der gerade vor zwei Wochen erst in der Fachwerkstatt neu aufgezogene Hinterreifen wieder platt ist. Der neue. Kaputt. Schiebe mal ein Rad mit plattem Hinterreifen und Gepäck in den Seitentaschen 4 Kilometer weit, da weißte, was du getan hast. Und dann gehe zusätzlich 18 Kilometer ohne die richtigen Schuhe. Neben Blasen an den Füßen befindet sich unterhalb meines Beckens nur noch Pudding.

Jetzt muss ich gleich erst mal die Werkstatt anrufen, da geht ja nur mit viel Glück jemand ans Telefon. Das Rad soll abgeholt werden, das werden sie schon machen, wenn sie denn diese Information erreicht.

Und nein, ich bin zu 99 Prozent nirgends reingefahren, ich wette, die Ursache ist identisch mit der von vor zwei Wochen, da wurde sie nämlich auch nicht gefunden. Naja. Ich bin ja mal gespannt - aber momentan geringfügig zu grantig für liebliche Worte hier im Tagebuch.

Dir wünsche ich jedenfalls allzeit gut Luft.

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Astrophysikalisches

Mit mehreren Jacken, Hosen und dem Mantel bekleidet wird es mittlerweile wieder zur Herausforderung, bei den frostigen Temperaturen nachts eine Stange Wasser ins Gebüsch zu stellen. Da muss ich jedes Mal an die Astronauten auf dem Mond denken.

Apropos Moonwalk, letzte Nacht lief ich eine Menge statt mit dem Rad zu fahren, denn mein Geiz sowie die angeborene Faulheit weigerten sich, jetzt schon die neue Packung Zehenwärmer anzubrechen. Beim Gehen werden die kalten Füße auch warm, das ist noch okay im einstelligen Minusbereich.

Uuhuund: bei diesen vielen Kilometern zu Fuß kann ich jetzt gleich kalorienverbrauchsmäßig mit reinem Gewissen zum Nachtisch die Astronautennahrung in Form einer Tafel Schokolade genießen. Nicht mehr "Milka", da bleibe ich nachtragend und im großen Ganzen konsequent bei meinem Boykott, nein, zur Zeit fahre ich regelrecht wie eine Rakete auf "Kinderschokolade" ab. Nächste Woche kommt hier eine Großlieferung an (oh, wahre Freude).

Raumanzug, Moonwalk, Raketengelüste, ich finde, das reicht kosmologisch für heute. Zumal der Krater in der Küche fürs Hauptgericht auch schon ordentlich glüht. Einen schönen Erdentag wünsche ich dir.

Dienstag, 11. Dezember 2018

Superlative

Zuerst wollte ich etwas als beispielhafte Ergänzung zum gestrigen Eintrag schreiben. Wenn nämlich inflationär bei allem und bei jedem Verhalten, das von der Merkelmitte abweicht, gleich von "rechts" oder "rechtsextrem" geschrieben wird, wie es der Journalist gerne tut, dessen Artikel im Tagesspiegel ich zu kommentieren beabsichtigte, dann gewöhnt man sich als lesender Mensch viel zu schnell an solche Begriffe. Dem Schreiber müssen also immer wieder neue Steigerungsformen einfallen, um auch weiterhin Beachtung zu finden. "Ultrarechte bei den Gelbwesten - Linkspartei solidarisiert sich dennoch"; jetzt sind wir somit bereits beim Superlativ "ultra" angelangt. Mal schauen, was die Zukunft noch bringen wird. Vielleicht Megarechte, Gigarechte, Golemrechte, Hitlerrechte, todbringende Satansrechte? Himmel! Und in der Überschrift schafft es dieser Superjournalist auch noch, die Linke in einem Atemzug mit der Rechten gleichzusetzen, na, wenn so etwas nicht beachtet wird.

Als ich mich selber dann aber beim Schreiben meines Kommentars dabei erwischte, wie ich den Satz zu virtuellem Papier brachte, dass Brot, wenn es nicht längst schon einen Namen besäße, sich liebend gerne in [Name des Journalisten] umbenennen würde, da bemerkte ich die Grenzwertigkeit meiner eigenen Worte und deren Potential für eine justiziable Ahndung. So etwas würde ich natürlich nie schreiben, es ging einfach gedanklich meine Fantasie mit mir durch. Aber mit dem Verbot meiner Fantasie gibt es auch keinen Kommentar zu dem Geschwätz im Tagesspiegel.

Danach wollte ich wenigstens ein neues Bilderrätsel erstellen, doch alle 12 Fotos waren unansehnlich verwackelt. Der Teufel will einfach nicht, dass ich heute etwas zu Ende fabriziere. Was bleibt mir da anderes übrig, als dir wenigstens einen wunderschönen Dienstag zu wünschen. Mach das Beste aus dem Tag, bis morgen in diesem megaschlechten Theater.

Montag, 10. Dezember 2018

Religionskritik

Nach einem ausführlichen Blick in die Online-Medien, den ich mittlerweile nur noch ein Mal pro Woche tätige, ist mir sogar körperlich schlecht geworden. Kritische Medien gibt es scheinbar nicht mehr, ich meine die großen Newsportale, die Leitmedien. Es existieren heute nur noch Haltungsrichter, die aufpassen, dass keiner über die imaginäre Grenze zu rechts schreitet. Jeder Tritt auf ungebührliches Terrain wird mit Attributen wie "rechtsextrem" und "nazi" beschimpft. Besonders auffällig ist das bei der Religionskritik.

Früher in meiner Jugend wurden religionskritische Geister als fünfte Kolonne Moskaus beschimpft (Lenin: "Religion ist Opium für das Volk"), der Kalte Krieg war noch nicht ganz vorüber. Noch dazu stamme ich aus einer erzkatholischen kleinen Gemeinde, in der sich jede gesellschaftliche Entwicklung des Landes mit mindestens einer Dekade Verspätung durchsetzte. Beachte dabei, dass es seinerzeit weder Internet, noch gedruckte Massenmedien im Ort gab bis auf die "Rheinische Post", die Bildzeitung und den "Gong" als TV-Zeitschrift, zwei Fernesehkanäle, Radio überwiegend als musikalisches Ohr ins Land, keine Bibliothek. Telefonieren war ein teurer Luxus. Meine Oma tuschelte hinter vorgehaltener Hand sogar über die vereinzelten Protestanten in unserem Dorf, wir sollten vorsichtig im Umgang mit ihnen sein, denn sie seien die Antichristen. Absurd, ja natürlich, ich skizziere nur, wie die Welt meiner Jugend aussah, es waren absurde Zeiten. Unser Dechant war nicht minder eifrig bei der Zurechtweisung jeden kirchenkritischen Menschen. Die öffentliche Ächtung eines solchen Zeitgenossen, der abends in der Dorfkneipe unter Alkoholeinfluss sich vielleicht zu Äußerungen gegen die Kirche oder einen ihrer Vertreter hinreißen ließ (welches dem Dechant fast augenblicklich denunziert wurde), betrieb der Mann Gottes schimpfend und unter Nennung des vollen Namens des Übeltäters während der Sonntagspredigt. Das bereitete dem Herrn Dechant jedes mal ganz besondere Freude.

Es ist klar, dass denkende Menschen aus diesem einengenden Milieu das Dorf verließen, sobald ihnen als Heranwachsende die Möglichkeit dazu geboten wurde. Mit 17 Jahren floh auch ich förmlich über Nacht und war seither bis auf wenige Kurzbesuche, deren Anzahl an einer Hand zu zählen ist und die jeweils nicht länger als ein, zwei Stunden dauerten, keinen einzigen Tag mehr in diesem Gral christlicher und politischer Düsternis.

Mit 18 Jahren trat ich aus der katholischen Kirche aus. Selbst dieser Vorgang wurde damals jedem Freigeist möglichst schwer gestaltet, denn ich musste hochoffiziell beim Amtsgericht der Kreisstadt persönlich antreten. Der Justizbeamte ließ mich seine Geringschätzung spüren, indem er mein Ansinnen die ganze Zeit vorwurfsvoll kommentierte, so dass ich mich wie ein Verbrecher fühlte, der bei ihm bittend um einen Gnadenakt vorsprach.

Religion ist individuelle Privatsache. Bereits der Zwang gegenüber den eigenen Kindern und Familienangehörigen ist abzulehnen. Punkt. Da gibt es gar keine Diskussion. Religion ist einzig und allein philosophischer Natur und beruht auf Freiwilligkeit, nicht aber ist sie ein Ersatz für Recht und Gesetz.

Mein Leben genoss ich fortan als Agnostiker. Das Land erblühte in ungeahnter Freiheit. Wie ich schon öfter schrieb, empfinde ich die 1990er Jahre als die freiesten Jahre Deutschlands. Doch seit 2015 erleben wir eine Rückentwicklung in erschreckendem Ausmaß. Sobald am Islam Kritik geäußert wird, gegen den der Katholizismus wie ein Hort der Freiheit wirkt, erscheinen sämtliche drohenden Zeigefinger aus meiner Jugend erneut. Menschen treten der Religionskritik gegenüber als Reinkarnation der dörflichen Gemeinschaft der Vergangenheit. Gräber öffnen sich und Oma und der Dechant steigen zombiehaft in zahlloser Gestalt aus ihnen heraus. Die Massenmedien veranstalten Hetzjagden auf sogenannte "islamphobe" Kritiker, die als rechtsextrem und Nazis ausgegrenzt werden. Die Religion bemächtigt sich erneut der niederen Instinkte der Menschen. Alles wiederholt sich, allein das Etikett hat sein Symbol verändert.

Einen nachdenklichen Start in die neue Woche wünsche ich dir.